Seit Jahrhunderten hilft der Stein von Rosetta dabei, das alte Ägypten und seine Schriftzeichen zu verstehen – heute vor mehr als 200 Jahren wurde er entdeckt. Im Interview mit unserem Portal gibt der Ägyptologe Michael Höveler-Müller einen Einblick in die Welt der Hieroglyphen.

Herr Höveler-Müller, Hieroglyphen wirken auf Laien wie eine Sammlung bunter Bildchen. Welche Bedeutung steckt in den Zeichen?

Hieroglyphen sind die Verschriftlichung der Sprache des alten Ägyptens. Ursprünglich kommen sie aus der Wirtschaft und sind Kontrollvermerke über die Herkunft von Dingen. Das trifft schon auf die ersten bekannten Hieroglyphen zu, die aus dem Grab eines sehr frühen Königs stammen. Die Kommunikation der alten Ägypter ist aber oft auch eine Kommunikation mit der Zukunft – besonders wenn es um Gräber geht. Schreiber sprechen in Inschriften extra diejenigen an, die später kommen, die das Grab besuchen. Da steht zum Beispiel, man solle Gebete sprechen oder Essen und Trinken für die Toten da lassen. Es ist also eine Inschrift an uns alle.

Täglich regnen viele Tonnen Steine auf die Erde. Lohnt sich die Suche?

Wann entstanden die ersten Hieroglyphen überhaupt und wie lange wurden sie verwendet?

Von den ersten Hieroglyphen wissen wir gesichert um 3.300 vor Christus – das waren aber schon so perfekte Systeme, dass es Vorläufer gegeben haben muss. Deshalb kann man das Alter der Hieroglyphen auf etwa 3.500 vor Christus ausdehnen. Das Datum der letzten Niederschrift ist erst Tausende Jahre später, nämlich 394 nach Christus.

Konnte jeder die Zeichen lesen und schreiben?

Man vermutet, dass sie nur etwa ein Prozent der Bevölkerung beherrschte. Das waren die Höherstehenden, die Schreiber, Priester und natürlich der Pharao. Bauern oder Handwerker auf der anderen Seite kannten die Hieroglyphen nicht.

Sind Hieroglyphen mit unserer modernen Schrift vergleichbar?

Nein, denn das Hieroglyphische ist immer eine Lautschrift. Der jeweilige Laut muss allerdings nicht zwingend etwas mit dem abgebildeten Zeichen zu tun haben. Leider können die Hieroglyphen heute nicht mehr wie im Original ausgesprochen werden: Da es sich um eine Konsonantenschrift handelt, setzen wir heute immer ein "E" zwischen die einzelnen Konsonanten, um sie lesen zu können. Auch die Ägypter verwendeten schon Vokale, aber man weiß nicht mehr genau welche.

Welche Bedeutung hat der Rosetta-Stein für unser Verständnis der Hieroglyphen?

Der Stein ist der Schlüssel zur Entzifferung. Bis zu seiner Entdeckung ging man noch davon aus, dass die Hieroglyphen keine Laute sind, sondern Buchstaben. Glücklicherweise war der Text auf dem Stein in drei Sprachen aufgeschrieben und auf Griechisch lesbar. Aus Vergleichen wusste man, dass der Text für alle drei Sprachen identisch war. Somit konnte man sich dem hieroglyphischen Text inhaltlich nähern. So suchten und knackten die Forscher Jean-François Champollion und Thomas Young dann die einzelnen Worte.

War der Rosetta-Stein ein Universalwerkzeug, um alles zu entschlüsseln?

Das zwar nicht – aber er war ein wichtiger Schlüssel, um diese Welt überhaupt verstehen zu können. Danach gab es noch viele verborgene Kammern, die einzeln aufgeschlossen werden mussten. Und das gelang maßgeblich durch den veränderten Blickwinkel des Rosetta-Steins.

Was blieb nach Champollion noch zu tun?

Champollion hatte zum Beispiel nur eine sehr rudimentäre Grammatik aufgestellt. Im Vergleich mit anderen Sprachen entwickelte man die Grammatik weiter, entdeckte neue Substantive und Verben. Auf diese Weise wissen wir heute sehr viel über die Sprache: Alle Hieroglyphen sind bekannt, jedes Zeichen kann gelesen werden. Im klassischen Ägyptisch sind es rund 750. Bei Texten aus der Zeit der Ptolemäer dauert es allerdings ein wenig länger, denn hier kommt man auf ungefähr 7.500 Zeichen.

Wenn alle Zeichen bekannt sind – welche Herausforderungen bleiben da noch für Wissenschaftler wie Sie?

Auch wenn wir alle Hieroglyphen kennen, gibt es noch viel Unentdecktes in der Wüste. Zahi Hawass, der ehemalige ägyptische Antikenminister, vermutet, dass bisher erst ein Drittel aller möglichen Funde entdeckt wurde. Zwei Drittel wären damit noch immer zu erforschen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen unbekannten Text vor sich haben?

Dann hoffe ich erst einmal, dass es kein hieratischer Text ist. Die meisten Menschen kennen die Druckschrift, die immer schön lesbar ist. Aber Hieratisch ist die Schreibschrift der Hieroglyphen und hängt stark vom jeweiligen Schreiber ab – und leider gibt es da auch richtige Sauklauen. Es dauert sehr lange, bis man sich in eine hieratische Handschrift eingelesen hat. Generell muss man sich bei jedem Text überlegen, wo ein Wort beginnt und wo es aufhört oder in welchem Zusammenhang es steht. Immer wieder muss man auch Worte nachschlagen, weil man nicht das ganze Vokabular im Kopf hat. Und so hangelt man sich von Zeichen zu Wörtern, zu Wortgruppen und dann zu einem Satz.

Michael Höveler-Müller ist Ägyptologe und Autor mehrerer Bücher, etwa „Hieroglyphen lesen und schreiben: In 24 einfachen Schritten“. Von 2009 bis 2011 war er Kurator des Ägyptischen Museums in Bonn. Er bietet regelmäßig Hieroglyphen-Workshops für Einsteiger an ("Faszination Hieroglyphen").