1957 kam es in der Atomanlage Windscale, die heute den Namen Sellafield trägt, beinahe zu einer Katastrophe. Nach einem Brand in einem Reaktor gelangten riesige Mengen radioaktiver Stoffe in die Luft, ein Super-GAU wie später in Tschernobyl konnte gerade noch verhindert werden. Die Auswirkungen sind aber bis heute zu spüren.

Mehr als 30 Jahre musste die Öffentlichkeit warten, um überhaupt Einzelheiten zu dem Unglück am 10. und 11. Oktober 1957 zu erfahren.

Denn auf Geheiß des damaligen Premierministers Harold Macmillan wurde der schon wenige Tage nach dem Unglück fertiggestellte Untersuchungsbericht unter Verschluss gehalten. Der Öffentlichkeit wurde mitgeteilt, dass der Unfall auf Fehlentscheidungen einzelner Mitarbeiter beruhte.

Der Hamburger Trümmermörder ist bis heute nicht identifiziert.

Nicht erwähnt wurde bei dieser Version, dass die Anlage Schwachstellen hatte und Warnungen von Experten zuvor ignoriert worden waren.

Produktion unter Druck

Tatsächlich sieht es aus heutiger Sicht eher so aus, dass ebenjene Mitarbeiter, die von der Regierung in einem eher schlechten Licht dargestellt wurden, eine größere Katastrophe verhindert haben.

Auch wenn es tatsächlich Fehleinschätzungen gab, deren Folgen durch ein besseres Sicherheitskonzept aber vielleicht weniger verheerend gewesen wären.

Die Anlage Windscale wurde nach dem Zweiten Weltkrieg an der Irischen See im Nordwesten Englands gebaut. Sie diente unter anderem der Gewinnung von Plutonium zur Herstellung von Atomwaffen.

Forschung und Produktion fanden unter großem Zeitdruck statt, denn die britische Regierung wollte mit der Entwicklung eigener Atomwaffen auf Augenhöhe mit den USA kommen.

So sollte die besondere Beziehung und Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Staaten vertieft werden - auch angesichts der wachsenden Bedrohung seitens der Sowjetunion.

Irreführende Temperaturanzeigen

Windscale hatte zwei Reaktoren, Pile 1 und Pile 2, die zusammen pro Jahr 35 Kilogramm Plutonium produzierten.

Mehrfach hätte sich die Menschheit aus Versehen fast selbst vernichtet.

Der Reaktorkern bestand jeweils aus einem 2.000 Tonnen schweren Graphitblock mit mehreren tausend Kanälen, in die die Brennstäbe eingeführt wurden. Als Brennstoff diente Uran, aus dem Plutonium gewonnen wurde.

Eine Besonderheit des Graphitblocks: Er speicherte im laufenden Betrieb Energie, die regelmäßig kontrolliert abgebaut werden musste.

Dazu wurde der Reaktor herunter- und dann wieder angefahren. Am 7. Oktober 1957 war es wieder einmal Zeit für diesen sogenannten Ausheizvorgang, der zunächst einmal unauffällig verlief.

Es wurden optimale Temperaturen angezeigt, der Reaktor heruntergefahren, damit sich die Energie abbauen konnte.

Dann jedoch schienen die Temperaturen wieder zu sinken - aus Sicht des zuständigen Ingenieurs zu früh, woraufhin er den Reaktor wieder anfuhr.

Der Untersuchungsbericht sollte zeigen, dass die Temperaturfühler keine zuverlässigen Werte abgaben beziehungsweise teilweise so platziert waren, dass das Feuer, das im Reaktorkern bereits brannte, nicht gleich bemerkt wurde.

Wasser löschte das Feuer, eine radioaktive Dampfwolke stieg auf

Umso geschockter waren die Mitarbeiter, als am Morgen des 10. Oktobers Radioaktivität am Schornstein des Reaktors gemessen wurde. Einer der Ingenieure verschaffte sich daraufhin direkt ein Bild von der Situation im Reaktor.

Seine Beschreibung: die Brennelemente glühten "wie rote Kirschen". In der Nacht zum 11. Oktober wurde die höchste Temperatur im Kern gemessen: 1.300 Grad Celsius, normal sollte er den Höchstwert von 350 Grad Celsius nicht übersteigen.

"Ich sah nichts als Flammen, es war nicht zu erkennen, aus welchen Kanälen sie kamen, ein Flammenmeer", sagte der damalige stellvertretende Generaldirektor der Anlage, Tom Tuohy.

Ein Löschversuch mit flüssigem CO2 scheiterte, anschließend versuchten die Mitarbeiter es mit Wasser.

Ein Flugzeugabsturz vor 25 Jahren hatte lange, schwerwiegende Folgen.

Tatsächlich ging das Feuer aus, aber durch eine riesige Dampfwolke wurden große Mengen radioaktiver Stoffe freigesetzt, die zu einem Großteil über Großbritannien niedergingen. Darunter Jod, Tellur und Xenon aber auch hochgiftiges Polonium.

Möglicherweise bis zu 240 Todesopfer in Folge des Unglücks

Der Vorfall erreichte auf der International Nuclear Event Scale (INES) eine 5 von 7. Das heißt, es handelte sich um einen "ernsten Unfall", bei dem begrenzt Radioaktivität freigesetzt und der Reaktorkern und radiologische Barrieren schwer beschädigt wurden.

Wie viele Menschen an den Folgen des Unfalls an Schilddrüsen- oder Lungenkrebs erkrankt und gestorben sind, ist bis heute nicht ganz klar.

Bis 1990 gingen verschiedene Forschungsberichte von etwa 100 Opfern aus, neuere Untersuchungen nennen 200, andere 240.

Die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) nennt Studien, wonach Kinder, die in der Nähe von Windscale geboren wurden oder auch nur später hinzogen, ein erhöhtes Risiko hatten, an Leukämie oder einem Non-Hodgkin-Lymphom zu erkranken.

Greenpeace maß noch Ende der 1990er im Boden radioaktive Werte, "die denen in der 30-Kilometer-Zone von Tschernobyl vergleichbar sind".

Kinder und Jugendliche aus Sellafield, wie die Anlage seit den frühen 1980ern heißt, erkrankten zudem "zehnmal häufiger an Leukämie als im Landesdurchschnitt".

Unglücksreaktor stillgelegt, Komplex aber weiter aktiv

Die Reaktoren Pile 1 und Pile 2 wurden nach dem Unfall stillgelegt, als Wiederaufarbeitungsanlage existiert Sellafield jedoch weiter.

Und machte immer wieder Schlagzeilen: Etwa mit einem Leck in einem Rohr, durch das offenbar neun Monate lang radioaktive Flüssigkeit in eine verschlossene Betonlagerstätte austrat.

Umweltschützer beklagen zudem die jahrzehntelange Ausleitung von radioaktivem Abwasser in die Irische See. Die BBC berichtete erst im vergangenen Jahr wieder über Sicherheitsmängel an der Anlage.

Allerdings sollte mit den Hiobsbotschaften bald Schluss sein, denn 2018 soll der Komplex endgültig stillgelegt werden.