Die Melasse-Katastrophe von Boston im Jahr 1919 tötete 21 Menschen und verletzte Dutzende Einwohner. Eine Welle der braunen Zuckermasse walzte durch die Straßen. Lange konnten sich Forscher nicht erklären, warum der Vorfall solch katastrophale Auswirkungen haben konnte. Nun haben Physiker die Antwort gefunden.

Am 15. Januar 1919 explodierte im Norden von Boston ein gigantischer Tank. Dabei liefen 8,7 Millionen Liter Melasse in die Straßen der Stadt. Die anfängliche Welle war 7,6 Meter hoch und bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von 15 Metern pro Sekunde. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis die zähe Flüssigkeit ganze Häuser zerstört, 21 Personen getötet und 150 Menschen verletzt hatte. Forscher gingen bis vor kurzem davon aus, dass die Opfer ihr Leben durch die Explosion des Tanks verloren.

Äußere Einflüsse waren Schuld

Drei Physiker, die sich an der Universität Harvard mit der Dynamik von Flüssigkeiten beschäftigen, haben sich der Geschichte angenommen. Sie haben es mithilfe der Physik geschafft, Antworten auf die Frage zu finden, wie die braune Zuckermasse dermaßen monströs werden und Menschen töten konnte. Ihre Erkenntnisse sind im Fachmagazin "ScienceDaily" nachzulesen.

Jordan Kennedy, ein Harvard-Absolvent, hat im Zusammenhang mit der Katastrophe die Fließeigenschaften von Melasse studiert und ist der Frage nachgegangen, wie sich unterschiedliche Temperaturen auf die Zähflüssigkeit der Masse auswirken.

Die Tests haben gezeigt, dass Temperatur einen wesentlichen Einfluss auf Melasse hat. Wenn die Flüssigkeit von zehn auf Null Grad Celsius herunter gekühlt wird, nimmt die Zähigkeit um den Faktor drei zu. Je mehr sich die Melasse abkühlt, desto dicker wird sie.

Menschen bleiben in klebriger Masse stecken

Um die Mechanismen auf den Fall anwenden zu können, hat die Physikerin Nicole Sharp daraufhin den nationalen Wetterdienst befragt. Die meteorologischen Daten der verhängnisvollen Nacht sollten Aufschluss über die damaligen Temperaturen geben.

Das Schiff, welches den Tank mit der Melasse geladen hatte, kam Berichten zufolge aus der Karibik. Deswegen ist es logisch, dass die Melasse um fünf Grad wärmer gewesen sein musste als die Außentemperatur. In den zwei Tagen, die die Flüssigkeit damals in Boston verbracht hatte, hatte sie sich noch nicht an die winterlichen Temperaturen der Stadt angepasst.

Die Kälte der Abenddämmerung tat dann noch ihr übriges. Als die Melasse austrat, veränderte sich die Zähigkeit der Masse dermaßen schnell, dass sie in Form einer klebrigen, braunen Welle über die Straßen hereinbrach. Ihre Konsistenz erschwerte die Rettung der Opfer zusätzlich, sie blieben einfach stecken. Wenn die Menschen versuchten, sich zu befreien, klebten sie immer fester in der Masse, ähnlich wie bei Treibsand. Demnach tötete nicht die Explosion des Tanks die Menschen, sondern die Zähigkeit der Melasse.