Er war einer der mächtigsten Männer des Nazi-Regimes und einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust. Die kürzlich in einem Archiv entdeckten Kalender Heinrich Himmlers zeichnen ein genaues Bild über seine mörderischen Tätigkeiten. Doch was für ein Mensch war Himmler? Ein Porträt.

Sein Name ist bis heute untrennbar mit den grauenhaften Verbrechen der Naziherrschaft in Deutschland zwischen 1933 und 1945 verbunden. Doch wer war Heinrich Himmler? Was machte ihn zu der Bestie, die unzählige Menschenleben auf dem Gewissen hat?

Himmler wurde am 7. Oktober 1900 als zweiter von drei Söhnen des Schulrektors Joseph Gebhard Himmler und dessen Frau Anna Maria geboren. Sein Taufpate war Prinz Heinrich von Bayern, ein Spross der Wittelsbacher-Dynastie, der von Himmlers Vater erzogen worden war.

Das womöglich letzte Puzzlestück im Leben des SS-Chefs Heinrich Himmler ist gefunden: In einem russischen Archiv sind die Dienstkalender des Holocaust-Verantwortlichen aufgetaucht.

Seine Kindheit verbringt Himmler im Münchener Stadtteil Maxvorstadt, bevor er im Alter von 13 Jahren in die niederbayerische Stadt Landshut umzieht. Hier macht er 1919 sein Abitur, wobei er als recht fleißiger Schüler beschrieben wurde, wie der renommierte Historiker Peter Longerich in seiner 2008 erschienenen Himmler-Biographie vermerkt.

Gleichzeitig absolviert er die Offiziersausbildung in der Armee. Doch zu einem Einsatz an der Front des Ersten Weltkriegs kommt es nicht. Das Kriegsende verhindert das. Für Himmler ist das ein schwerer Schlag. Später wird er offiziell behaupten, an Schlachten des Kriegs teilgenommen zu haben - eine dreiste Lüge, um sich selbst als gestählten Militärhelden darzustellen.

Nach dem Abitur zieht es Himmler zurück in die Großstadt. In München studiert er erfolgreich Landwirtschaft und arbeitet bis zum Hitlerputsch 1923 in einer Düngemittelfabrik.

Himmlers politisches Bewusstsein erwacht

Doch das politische Bewusstsein ist zu dieser Zeit längst erwacht. Er ist Mitglied einer vaterländisch orientierten schlagenden Studentenverbindung und marschiert in einem Freikorps mit. Seine Partei ist die Bayerische Volkspartei, eine katholisch-konservative Gruppierung, die in Bayern bis zum Aufstieg der NSDAP unangefochten stärkste Kraft ist.

Schon im August 1923 wechselt Himmler in die NSDAP. Als Mitglied des Freikorps des SA-Anführers Ernst Röhm steht er beim Putschversuch Adolf Hitlers im November 1923 im Zentrum des Geschehens. Und Hitler erinnert sich nach seiner Entlassung aus der Festungshaft an den brillentragenden pedantisch auftretenden Bürokraten. Himmlers steiler Aufstieg in der Nazi-Organisation beginnt.

Vom Reichsredner bringt er es über Positionen in den Regionalverbänden 1929 schließlich zum "Reichsführer SS". Ab 1934 ist er nur noch Hitler selbst persönlich verantwortlich.

Von nun an verfügt Himmler über eine beispiellose Machtfülle. Der gesamte Polizeiapparat Deutschlands ist ihm unterstellt. Auch die Gestapo und der parteiinterne Geheimdienst SD gehören zu seinem Aufgabenbereich. Das Konzentrationslager Dachau entsteht unter seiner Federführung.

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Hitler erteilt ihm Ermächtigung zum Massenmord

Ab 1939 bekommt Himmler von Hitler die bürokratische Ermächtigung zum Massenmord. Er ist nun "Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums". In dieser Position soll er sich um die Umsiedlung und Verfolgung in den deutsch besetzten Gebieten kümmern. Vor allem in Polen greift Himmler gnadenlos durch. Hunderttausende Polen und Juden werden unter seinem Kommando ermordet.

Doch der Gipfel der Grausamkeit steht noch bevor. Zwei Jahre nach der Ernennung zum Reichskommissar wird Himmler zum Hauptverantwortlichen für die systematische Deportation und Ermordung der Europäischen Juden.

Seit seiner Jugend pflegte Himmler bereits eine ausgeprägt antisemitische Gesinnung. Doch Massenmord und Ausrottung sind zunächst nicht seine Ziele, wie der Historiker Bradley F. Smith in seiner 1979 erschienenen Biographie des Nazi-Schergen verdeutlicht. Anfangs hält es Himmler laut Smith für sinnvoller, die jüdische Bevölkerung "nur" aus Deutschland und später aus Europa zu vertreiben.

Als geeignete Region, in der man Juden internieren könne, schlägt er die Insel Madagaskar vor der afrikanischen Ostküste vor. Doch der Plan erweist sich als nicht durchführbar, weswegen Polen wieder als bevorzugtes Deportationsziel erscheint.

Himmler will Juden gnadenlos vernichten

Mit Beginn des Feldzuges gegen die Sowjetunion im Juni 1941 wandelt sich Himmlers Einstellung jedoch radikal. Nun sollen Juden nicht mehr vertrieben, sondern gnadenlos vernichtet werden. Er selbst beaufsichtigt die unvorstellbaren Gräueltaten mit gewohnter Akribie. Er besucht Einsatzorte, sieht bei Massenerschießungen zu und erstattet Adolf Hitler fleißig und gehorsam Bericht.

Ein bemerkenswerter Gedankengang führt zur Industrialisierung des Mordens: Da Himmler bei den an den Erschießungen beteiligten Soldaten psychische Belastungen befürchtet, ist er von dem Vorschlag begeistert, Gaskammern in die Konzentrationslager zu installieren. Die "Endlösung", wie die Nazis die geplante Ausrottung der jüdischen Rasse bezeichnen, kann somit in ihrer unvorstellbaren Unmenschlichkeit beginnen.

In seinen "Posener Reden", die Himmler - mittlerweile auch Reichsinnenminister - im Oktober 1943 vor SS-Größen und Gauleitern hält, bezeichnet er die Judenvernichtung als "schwerste Frage" seines Lebens. Der Auftrag sei das "Allerhärteste und Allerschwerste", was es gibt". Deshalb sei er auf seine SS sehr stolz, da sie die Aufgabe nicht nur weitestgehend erfüllt habe, sondern seiner Ansicht nach dabei "stets anständig" geblieben sei - ein Satz, der erschaudern lässt. Insgesamt sterben im Holocaust etwa sechs Millionen Juden durch die Hand der Nazis und damit vor allem Himmlers.

Gegen Kriegsende versucht Himmler schließlich mit den Westalliierten zu verhandeln. Auch mit dem Roten Kreuz und sogar dem Jüdischen Volkskongress führt er Gespräche. Hitler entlässt ihn daraufhin aus allen Ämtern. Auf der Flucht gerät Himmler zunächst unerkannt in britische Gefangenschaft, denn er gibt sich mit gefälschten Papieren als Unterscharführer der Geheimen Feldpolizei aus. Doch letztendlich wird er von Militärpolizisten erkannt und begeht am 23. Mai Selbstmord. (men)