Bhola-Zyklon 1970: Eine Katastrophe und ihre Folgen

Vor genau 50 Jahren, am 12. November 1970, ereignete sich eine verheerende Naturkatastrophe: Der Bhola-Zyklon traf das damalige Ostpakistan, das heutige Bangladesch, und den indischen Bundesstaat Westbengalen. Er hinterließ nicht nur katastrophale Folgen für Mensch und Natur, sondern sorgte auch für politische Spannungen. © 1&1 Mail & Media/spot on news

Schon in den Morgenstunden des 8. November formte sich der Wirbelsturm über dem Golf von Bengalen. Am Morgen des 9. November stufte der indische Wetterdienst ihn schließlich als tropischen Zyklon ein. In der Nacht vom 9. auf den 10. November kam der Zyklon fast zum Stillstand. Aber nur, um dann umso mehr Fahrt aufzunehmen.
Mit dem Zyklon gingen auch heftige Regenfälle im Ganges-Delta einher. In der Nacht vom 12. auf den 13. November erreichte er schließlich Ostpakistan, das heutige Bangladesch, und zog eine Spur der Verwüstung durch das Land. Die genaue Zahl der Todesopfer ist nicht bekannt, Schätzungen gehen aber von 300.000 bis 500.000 Menschen aus.
Damit ist der Sturm der Zyklon mit den bisher meisten Todesopfern. Er erreichte Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 205 Kilometern pro Stunde.
Die Anteilnahme am Leid der Menschen im damaligen Ostpakistan und im indischen Westbengalen war enorm. Die Kosten für die gesamte humanitäre Hilfe nach der Katastrophe betrug etwa 210 Millionen US-Dollar. Unter anderem kam Unterstützung aus den USA, Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland. Im Bild ist ein Hubschrauber der britischen Royal Navy zu sehen.
Der Bhola-Zyklon hatte auch weitreichende politische Folgen. Denn die Opposition und lokale Behörden kritisierten die pakistanische Zentralregierung nach dem tropischen Wirbelsturm aufs Schärfste. Der Vorwurf: unzureichende Hilfeleistung und Probleme bei der Organisation von Hilfsgütern.
Durch die Kritik geriet die pakistanische Regierung mehr und mehr unter Druck. Die Folge: Im Dezember 1970 kam es zu den ersten Parlamentswahlen seit der Gründung von Pakistan 1947. Die oppositionelle Mitte-links-Partei Awami-Liga aus Ostpakistan gewann.
Die militärische Zentralregierung in Westpakistan weigerte sich daraufhin, den Wahlsieg der Awami-Liga anzuerkennen, und setzte die verfassungsgebende Versammlung aus. Daraufhin rief die Awami-Liga zum zivilen Ungehorsam auf.
Ein Generalstreik folgte und führte schließlich zum Bangladesch-Krieg. Die öffentliche Ordnung in Ostpakistan brach zusammen. Der westpakistanische Regierungschef Yahya Khan gab seinen Truppen in Ostpakistan den Einsatzbefehl, die Awami-Liga zu stürzen.
Awami-Liga-Anführer Mujibur Rahman (re.) wurde zwar festgenommen, die restliche Führungsspitze der Partei flüchtete jedoch ins Exil nach Indien, das damals zwischen West- und Ostpakistan lag. Dort rief sie den unabhängigen Staat Bangladesch aus.
Die Guerillabewegung in Ostpakistan wehrte sich gegen die pakistanischen Truppen. Hilfe erhielt sie von Indien. Das Land bildete die ostpakistanische Guerilla aus und sperrte die Grenzen für westpakistanische Versorgungsgüter. Immer mehr Flüchtlinge strömten aus Ostpakistan nach Indien, bis das Land schließlich auch selbst mit Paramilitärs direkt in den Krieg eingriff.
Das führte jedoch zur Eskalation. Pakistan zielte nun mit der Luftwaffe auch auf Indien und versenkte außerdem mit einem U-Boot ein indisches Kriegsschiff. Das Ende des Krieges war am 16. Dezember 1971 erreicht. Westpakistan kapitulierte und die Militärregierung trat zurück. Zwischen 300.000 bis drei Millionen Menschen kamen bei dem Krieg ums Leben.
Ostpakistan erlangte seine Unabhängigkeit als Staat Bangladesch. Pakistan erkannte das Land allerdings erst im Februar 1974 an. Beim Abkommen zwischen den drei Staaten Bangladesch, Indien und Pakistan in Neu-Delhi schüttelten sich die Außenminister der drei Länder Kamal Hossain, Swaran Singh und Aziz Ahmed (v.l.) im April 1974 die Hände. Sie wollten die Beziehungen zwischen ihren Ländern wiederherstellen.
Im August 1971 fanden derweil zwei vielbeachtete Benefiz-Konzerte mit dem Titel "Konzert für Bangladesch" statt, die auf die schreckliche Situation infolge des Bhola-Zyklons und des Bangladesch-Krieges aufmerksam machen sollten. Beatles-Gitarrist George Harrison (li.) und der bengalische Musiker Ravi Shankar (re.) riefen die Veranstaltung ins Leben. Eric Clapton, Ringo Starr, Bob Dylan und weitere Stars traten auf.
Die Konzerte fanden im Madison Square Garden in New York statt und zogen 40.000 Zuschauer an. Die Eintrittskarten brachten etwa 243.400 US-Dollar für UNICEF ein. Das Kinderhilfswerk setzte das Geld für Hilfsgüter für Bangladesch ein.
Auch heute wird Bangladesch nicht von Naturkatastrophen verschont, immer wieder drohen Zyklone das Land erneut zu verwüsten. Zuletzt näherte sich der Zyklon "Amphan" im Mai 2020. Zuvor wurden Hunderttausende Menschen aus den Küstenregionen evakuiert.
Erschwert wurden die Vorbereitungen auf den Wirbelsturm auch durch die Coronakrise. Um Abstände einhalten zu können, waren dreimal so viele Nothilfezentren nötig. Der Zyklon traf Bangladesch trotz Maßnahmen im Vorfeld sehr hart. Das Meer überspülte mehr als 50.000 Hektar Land, zerstörte zahlreiche Dörfer und forderte mehr als 80 Tote in Indien und Bangladesch.
Experten gehen davon aus, dass der Klimawandel für immer stärkere Wirbelstürme sorgen könnte. Die Opferzahlen werden jedoch geringer, da Evakuierungspläne und der Katastrophenschutz sich verbessert haben.
Bangladesch verfügt mittlerweile über eine bessere Katastrophenvorsorge und Frühwarnsysteme als noch 1970, als der Bhola-Zyklon über das Land hereinbrach. Dennoch sorgen Naturkatastrophen immer wieder für große Schäden und führen dazu, dass Menschen ihre Heimat verlieren.