Eine Krähe fliegt einen Angriff auf einen Spaziergänger: Was wie aus einem Gruselfilm klingt, passiert in Großstädten häufig. Aber warum ist das so, und wie gefährlich ist das?

Es scheint beinahe wie eine Szene aus Alfred Hitchcocks Film "Die Vögel" zu sein: Eine Krähe schießt aus dem Baum, fliegt im Sturzflug auf den Kopf des nichtsahnenden Spaziergängers und pickt ihn mit dem Schnabel. Immer wieder liest man von solchen Szenen, vor allem in deutschen Großstädten. In einer Berliner Straße in Kreuzberg häufen sich offenbar die Angriffe auf Spaziergänger, Jogger und Radfahrer, aber auch in Parks wurde das rabiate Verhalten der Vögel beobachtet.

Doch warum attackieren die Nebel- und Rabenkrähen oder Elstern Fußgänger? Tatsächlich hat ihr Verhalten mit dem ihrer Artgenossen in Hitchcocks Gruselfilm gar nichts zu tun. Denn es handelt sich nicht um Schwärme, die gemeinsam auf einen Menschen losgehen. Lediglich einzelne Tiere können aggressiv werden, und das auch nur, weil sie ihren Nachwuchs verteidigen wollen. Die scheinbar blitzartigen und wahllosen Angriffe auf Fußgänger sind in Wirklichkeit ein Schutz vor einer möglichen Gefahr.

Die Altvögel halten potenzielle Feinde fern

Meist handelt es sich dabei nur um Scheinangriffe - und zwar nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Hunde, Katzen oder Eichhörnchen, wie der Biologe Matthias Luy vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) erklärt. Das komme "hin und wieder zur Brutzeit" vor. "Es passiert nur dann, wenn die Küken im Nest sind oder frisch ausgeflogen. Die Jungvögel sind nach Verlassen des Nestes oft noch kaum flugfähig und halten sich dann Tage lang am Boden und in Bodennähe auf. In dieser Zeit ist die Gefahr für sie groß, von Hunden, Katzen oder Mardern gefressen zu werden." Die Altvögel kümmerten sich dann darum, dass den Küken potenzielle Feinde nicht zu nahe kommen. Menschen würden selten als solche betrachtet.

Tatsächlich kommen solche Angriffe "sehr selten" vor, wie Lars Lachmann, Referent für Ornithologie und Vogelschutz beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) erklärt. Und wenn, dann eben "nur, um ihr Nest oder ihre gerade flüggen Jungen zu verteidigen, wenn Menschen zu nahe kommen." Auch der LBV-Biologe Matthias Luy sagt: "Es handelt sich um sehr seltene Fälle. Die allermeisten Krähen sind gegenüber dem Menschen sehr vorsichtig, wobei das Picken mit dem Schnabel einen Einzelfall darstellt." Die Hauptnistzeit der Krähen ist zwischen Mai und August, deshalb kann es in dieser Zeit auch eher zu Angriffen kommen.

Die richtige Reaktion auf eine wütende Krähe

Aber wie sollte man reagieren? Die wichtigste Faustregel: Geraten Sie nicht in Panik. Nabu-Experte Lachmann sagt: "Die Attacken sind normalerweise Flugattacken gegen den höchsten Punkt am Menschen, also den Scheitel." Deshalb helfe eine Kopfbedeckung. "Ein erhobener Arm, ein Regenschirm oder Stock verlagern die Angriffe dann jeweils darauf. Am besten zieht man sich einfach so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone zurück, also weg vom Nest oder Jungvogel."

Die Vögel wollen dem vermeintlichen Feind vor allem drohen, zu Verletzungen kommt es dabei eher selten. Wenn überhaupt, dann sind nach Angaben des Nabu-Biologen durch das Picken mit dem Schnabel "kleine Wunden" möglich. "Von übertragbaren Krankheiten ist uns nichts bekannt", erklärt der LBV-Experte Luy. "Die normalen Impfungen wie Tetanus sollten vorsichtshalber vorhanden sein, da die Möglichkeit besteht, dass der Rabenvogel vorher an einem wilden Tier gefressen hat und sich Reste am Schnabel befinden könnten. Ansonsten ist von Krähen nichts zu befürchten."