Zum ersten Mal seit fast zehn Jahren sollen Astronauten heute von US-Boden aus ins All fliegen, mit einer SpaceX-Kapsel. Fast alles daran ist hochpolitisch.

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Der "Astrovan" hat ausgedient. Als vor rund neun Jahren das letzte Mal US-Raumfahrer vom Operations and Checkout Building des Kennedy Space Center in Florida die 14 Kilometer zu ihrem Startplatz gefahren wurden, waren sie noch in einem Wohnmobil aus poliertem Edelstahl unterwegs. Das Gefährt war damals schon ziemlich oll. Oder sagen wir: retro.

Wenn nun - sofern das Wetter mitspielt - an diesem Mittwoch die Nasa-Astronauten Bob Behnken,49, und Doug Hurley, 53, zu ihrem historischen Flug aufbrechen, werden sie aus ihrem Quarantäne-Quartier in einem brandneuen weißen Tesla zu ihrer SpaceX-Rakete gefahren.

Diese kommt wie das Elektroauto aus dem Firmenreich des Elon Musk. Der ist zwar weltbekannt, ein bisschen Extrawerbung hat aber noch nie geschadet. Der, sagen wir, exzentrische Unternehmer hat deswegen sogar bei einem anderen Raketenstart eines seiner Autos mit einer Puppe darin hinaus ins Sonnensystem geschossen.

Die "Falcon 9" mit den beiden Astronauten an Bord soll um 22.33 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit vom selben Startplatz abheben wie einst die "Apollo"-Missionen zum Mond. Doch der Launch Complex 39A musste extra umgebaut und unter anderem mit einer neuen Brücke versehen werden, mit deren Hilfe die Besatzung in ihr Raumschiff kommt.

USA wollen Abhängigkeit von "Sojus"-Kapseln beenden

Überhaupt ist vieles neu, wenn die Ex-Kampfpiloten Behnken und Hurley zu ihrer Mission starten. Beide sind erfahrene All-Veteranen mit zusammen 1.400 Stunden Weltraumerfahrung im Space Shuttle.

Sie tragen neu entwickelte Astronautenanzüge. Während die Shuttle-Crews in ihren orangefarbenen Druckanzügen aussahen wie Teletubbies, kommen die beiden in ihren weiß und grau gehaltenen Raumfahrerdressen eher daher wie Biker in schneidigen Motorradkombis.

Die entscheidende Neuerung ist aber das Gefährt, das die Astronauten zur Internationalen Raumstation bringen soll: Der "Crew Dragon" soll das endgültige Ende der amerikanischen Abhängigkeit von russischen "Sojus"-Kapseln besiegeln.

Mit diesen Raumschiffen hatte das Nasa-Personal mangels eigener Technik seit 2001 vom kasachischen Baikonur in den Orbit fliegen müssen. Und mit ihnen auch Astronauten aus anderen Staaten, auch die europäischen.

Die Russen ließen sich ihr Monopol mit vielen, vielen Dollars bezahlen: Zuletzt wurden für einen Sitz immerhin 90 Millionen fällig.

Amerika kann´s wieder selbst

SpaceX hat für die Entwicklung der Kapsel US-Staatshilfe in Milliardenhöhe eingestrichen. Im Vergleich zu den horrenden Kosten bei der neuen Nasa-Schwerlastrakete SLS dürfte die Firma womöglich trotzdem einiges an Steuergeld sparen.

Sie soll laut einem Bericht des Nasa-Generalinspekteurs zunächst 55 Millionen Dollar pro Startplatz im "Crew Dragon" erhalten. Fun Fact: Boeing, wo gerade mit dem "Starliner" ein weiterer Transporter für Raumfahrer entwickelt wird, bekommt demnach 90 Millionen Dollar für die gleiche Leistung. Wobei nicht klar ist, wann das Raumschiff nach einem komplett verpatzten Probeflug überhaupt wieder abheben darf.

Die "Demo-2"-Mission von SpaceX - sie heißt so, weil die Kapsel bereits einmal ohne Menschen an Bord zur ISS geflogen ist - soll ein großer Triumph für die gesamte Nation werden: Amerika kann's wieder selbst, the sky is the limit.

Die großen Stars-and-Stripes-Festspiele. All das hätte auch ohne die Corona-Pandemie stattgefunden. Doch jetzt, wo die Seuche das Land in seinen Grundfesten erschüttert hat, wo es mehr als 1,7 Millionen bekannte Infizierte und rund 100.000 Todesopfer gibt, sind gute Nachrichten umso willkommener.

Gerade für den um seine Wiederwahl bangenden Präsidenten Donald Trump und seinen Vize Mike Pence, der den US-Weltraumrat leitet.

"Wir bitten die Menschen, nicht zum Kennedy Space Center zu reisen"

Doch die Menschen sollen zumindest nicht in Massen an die Space Coast fahren, wie sie es früher getan haben, um die startende Rakete zu bestaunen. "Wir bitten die Menschen, mit uns bei diesem Start dabei zu sein. Aber tun Sie dies von zu Hause aus", hat Nasa-Chef Jim Bridenstine erklärt. "Wir bitten die Menschen, nicht zum Kennedy Space Center zu reisen."

Es wird das erste Mal seit 1981 sein, dass Amerikaner wieder in einem neuen Raumfahrzeug sitzen, das erste Mal auch, dass SpaceX überhaupt Menschen transportiert und nicht nur Fracht.

Und das erste Mal, dass eine Rakete, die Astronauten befördert hat, danach wieder sanft zur Erde zurückkommt und auf einem ferngesteuerten Schiff im Atlantik landet. Das jedenfalls ist der Plan. Die Mission sollte bereits deutlich früher stattfinden, verzögerte sich wegen technischer Probleme aber immer wieder.

Wenn Behnken und Hurley abgehoben haben, wird es 19 Stunden dauern, bis sie die Raumstation in 400 Kilometer Höhe erreichen und dort andocken können. Der "Crew Dragon" kann das Manöver automatisch durchführen.

Selbstverständlich haben die Raumfahrer die entsprechenden Handgriffe aber auch geübt. Für den Fall, dass die Automatik nicht mitmacht. Im aufgeräumten Cockpit der Kapsel würden sie das Docking dann an Touchscreens durchführen. (Wer auch einmal andocken möchte, kann das in einem sehr realitätsnahen Simulator hier tun.)

Nachdem die Kapsel am "Harmony"-Modul der Station festgemacht hat, sollen um 19.55 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit am Donnerstag die Luken geöffnet werden. Behnken und Hurley werden dann von ihrem Nasa-Kollegen Chris Cassidy sowie den beiden russischen Kosmonauten Anatoli Iwanischin und Iwan Wagner begrüßt.

Auf der Raumstation lässt man sich für solche Fälle gern etwas Besonderes einfallen, so wurden schon Crews in Hawaiihemden willkommen geheißen.

Zwischen 30 und 119 Tagen im All

Wie lange die beiden Neuankömmlinge bleiben werden, ist noch nicht klar. Als entscheidend gilt die technische Leistungsfähigkeit der Solarzellen am "Crew Dragon". Die werden nicht wie sonst als Paneele ausgeklappt, sondern sind in der Oberfläche der Kapsel integriert.

Solange die Zellen genug Strom liefern, dürfen Behnken und Hurley bleiben. Denkbar ist eine Missionsdauer zwischen 30 und 119 Tagen. Auf jeden Fall haben die Astronauten auch geübt, im offenen Weltraum zu arbeiten, wenn das während ihres Aufenthaltes auf der Station nötig werden sollte.

Die Ehefrauen der beiden Männer sollten mit der Unsicherheit klarkommen können, den Rückkehrtermin nicht zu kennen. Behnken ist mit Megan McArthur verheiratet, Hurley mit Karen Nyberg, beides Shuttle-Astronautinnen.

Wenn es dann schließlich wieder zurückgeht, werden die beiden Raumfahrer mit 27.000 Kilometern pro Stunde durch die Erdatmosphäre donnern und im Atlantik vor Florida landen. Nicht weit von dem Ort entfernt, wo ihre Reise am Mittwoch beginnen soll. Mit einer kurzen Fahrt in einem weißen Tesla.

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