Als Reaktion auf meinen Gentechnik-Beitrag erhielt ich eine Mail mit einer wahren Schimpf-Tirade. Besonders regte den Schreiber auf, dass wegen Gentechnik und der industrialisierten Landwirtschaft doch viel weniger Vitalstoffe im Essen sind als früher. Er sei dadurch quasi gezwungen, Vitamine in Tablettenform zu nehmen. Aber "diese Pharma-Mafia" wolle ihm auch das noch wegnehmen. Jetzt sei nämlich pro Tablette weniger von den Vitaminen drin. Offensichtlich, so meinte er, seien Mächte am Werk, die ihn krank machen wollen, damit sie besser an ihm verdienen.

Mehr "Biologie im Alltag" gibt es in ihrem Blog zu lesen.

"Äääh... Was?", dachte ich und war ganz verdattert. So wie ich immer verdattert bin, wenn Leute so weitreichende Verschwörungen für möglich halten. Und weil das alles so hanebüchen klang. Glaubte der Mann wirklich, was er da schrieb? Ich musste im Internet natürlich nicht lange suchen, um zu Seiten zu gelangen, die ins gleiche Horn stießen: Die größte Bedrohung jemals überhaupt seien diese Änderungen, hieß es da. Der freie Zugang zu Naturheilverfahren würde von einem perfiden, internationalen Kartell eingeschränkt.

Während ich las, fing ich immer breiter an zu grinsen und dachte mir: "Na, schau mal an, wer von dieser Panikmache am meisten profitiert...". Denn ganz offensichtlich leben die Betreiber von Seiten, die am lautesten schreien, vom Verkauf alternativer Nahrungsergänzungsmitteln. In den Shops, die ich inspizierte, gibt es jedenfalls ein ganzes Arsenal von Kräuterextrakten und Essenzen, von Enzymen und Ölen, von Vitamin-Mischungen und Mineral-Pülverchen zu kaufen.

Mir wurde klar: Von Nahrungsergänzungsmitteln lebt es sich offenbar am besten, wenn die Kunden glauben, dass ihre Gesundheit von diesen Pillen abhängt. Aber wie nur kann man diese Vorstellung im Kunden erzeugen? In unserem Teil der Welt, in dem Nahrung in Hülle und Fülle vorhanden ist? Das ist ja eigentlich absurd. Wie lässt sich bei Menschen das Gefühl von Mangel erzeugen in einer Zeit, in der sich jeder sogar im Winter frische Lebensmittel kaufen kann? "Wie geht das?", fragte ich mich. "Denn das ist ja wie einen Kühlschrank in der Arktis verkaufen!?"

Aber der Verkaufstrick ist ganz einfach: Man muss seinen Kunden nur weismachen, dass diese moderne Welt nur so tut, als würde sie uns gut ernähren. Man muss Kunden nur suggerieren, dass es eigentlich anders ist. Dass sie Mangel leiden, vielleicht ohne es überhaupt zu merken. Dass wir alle in Gefahr sind. Dass uns schleichend, heimlich und nur für die Eingeweihten wahrnehmbar die für uns wichtigsten Stoffe geklaut werden. Dass wir über den Tisch gezogen werden von Mächten, gegen die wir nichts ausrichten können. Von Mächten, die so sind wie die grauen Männer bei Momo. Nur dass sie unsere Vitamine klauen und nicht unsere Zeit.

Was ich davon halte? Tja... ich halte das für eine sehr, sehr wirkungsvolle Werbe-Botschaft. Daher hier meine Antwort:

Lieber Herr O.,

es ist gut, eine gesunde Skepsis zu haben gegen internationale Großkonzerne. Denn klar wollen die Geld verdienen. Und natürlich sind ihre Werbeversprechen immer zu vollmundig. Wir müssen wachsam sein und nicht alles glauben, was diese Firmen uns erzählen wollen. Und klar müssen wir der Pharma-Industrie genau auf die Finger schauen. Auch der Landwirtschaft natürlich und den Saatgut-Firmen. Aber wissen Sie, wem wir auch auf die Finger schauen müssen? Den Vitamin-Händlern und Ergänzungsmittel-Krämern! Denn auch bei denen, die ihre Kunden vor der Profitgier Anderer warnen, ist gesunde Skepsis angebracht. Vor allem wenn unsere Angst ihre Geschäftsgrundlage ist.

Beste Grüße,

Brynja Adam-Radmanic

Es gibt viele gute und vor allem unabhängige Informationsquellen darüber, wann und für wen Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind, etwa das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das Robert-Koch-Institut (RKI) oder die Gesellschaft für Ernährungsforschung (GfE). Ganz aktuell hat auch die Stiftung Warentest einen gut verständlichen Text mit Empfehlungen auf Basis des derzeitigen Stands der Wissenschaft.

Dort wird auch ausführlich über die Nebenwirkungen bei Überdosierung bestimmter Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente gesprochen wird. Denn in den letzten Jahren gab es einige klinische Studien, bei denen Nahrungsergänzungsmittel nicht die erwartete prophylaktische Wirkung zeigten. Manchmal trat sogar ein gegenteiliger Effekt ein. So wissen wir heute, dass starke Raucher durch Einnahme von Vitamin A und seiner Vorstufe Beta-Carotin ihr Krebsrisiko nicht senken, sondern sogar erhöhen. Wir wissen auch, dass Diabetikerinnen in einer Studie von Vitamin C nicht weniger, sondern mehr Herzkreislauf-Erkrankungen bekamen. Und auch die Einnahme von Vitamin E senkte in einer Studie bei chronisch Kranken nicht etwa die Wahrscheinlichkeit zu sterben, sondern erhöhte sie sogar.

Es ist nämlich mit Nahrungsergänzungsmitteln wie mit Medikamenten auch: Eine bestimmte Pille kann für den Einen ein Segen sein, für den Anderen aber das Falsche. Es lohnt sich also, genau hinzuschauen. Und es lohnt sich, beim Dosieren auf die neuesten Empfehlungen zu achten. Denn die Wissenschaft lernt jeden Tag dazu.

Gerade im Bereich der Vitamine hat sich unser Kenntnisstand enorm verbessert in den letzten Jahren. Wenn die empfohlene maximale Tagesdosis gesenkt wird, dann hat das einen guten Grund. Denn bei Vitaminen gilt nicht nur, dass zu wenig schadet und zu Mangelerscheinungen führt, es gilt auch, dass es bei einem Zuviel zu Vergiftungserscheinungen kommen kann. Beim Vitamin B6 etwa können bei Dosierungen höher als 50 Milligramm pro Tag Nervenstörungen auftreten.

Ich persönlich habe ja früher auch hin und wieder zu Vitamin- und Mineralstoff-Pillen gegriffen. In Lebensphasen etwa, in denen ich dachte, ich lebe so ungesund, dass ich zwischendurch mal mit Vitaminen gegensteuern muss.

Wegen der möglichen Risiken von Vitamin-Überdosierungen nehme ich heute aber nur noch welche, wenn es vertrauenswürdige, offizielle Empfehlungen dazu gibt. So gibt es bei uns im Haushalt Fluorid in der Zahnpasta und Jod im Salz. Während der Schwangerschaften nahm ich Folsäuretabletten und die Kinder bekamen Vitamin K nach der Geburt und Vitamin D im ersten Lebensjahr.

Mehr braucht in unserem Überflussland kaum jemand. Da sind sich die Experten einig.