Ich dachte immer, ich sei keine ängstliche Impf-Skeptikerin. Bin ja schließlich Biologin und Fan evidenzbasierter Medizin. Doch als ich entdeckte, dass mir selbst eine Masern-Impfung fehlt, drückte ich mich monatelang vor einer Spritze, die ich doch eigentlich für notwendig hielt.

Impfstoff im Kühlschrank: Und es war nicht die Spritze, die mich hat zurückschrecken lassen, sondern die Gefühle, die durch die besonderen Umstände dieser Impfung ausgelöst wurden.

Ich könnte heute darüber schreiben, dass ich mich habe impfen lassen und warum. Denn das habe ich. Im März habe ich mir die Spritze geben lassen, die mir fehlte. Viel interessanter finde ich es aber, über die Gründe schreiben, warum ich diesen Impftermin vorher monatelang verschoben habe.

Und nein, es war nicht nur wegen der Zahngeschichte, die dazwischen kam. Klar, mussten da drei Wurzelfüllungen neu gemacht werden. Aber wenn ich behaupten würde, ich hätte deswegen die Spritze verschoben, dann wäre das nur die halbe Wahrheit.

Der andere Teil der Wahrheit hat damit zu tun, dass in meinem Kopf ganz unerwartet ein Stimmchen auftauchte, das flüsterte: Und wenn du die Impfung nicht verträgst? Wenn sie Nebenwirkungen hat? Wenn du einen Impfschaden kriegst?

Die Existenz eines solchen Stimmchens war mir neu. Klar kenne ich mich als vorsichtigen Menschen. Ich steh' nicht so auf Risiko. Trotzdem bin ich stolz darauf, eine einigermaßen rationale Schisserin zu sein. Sprich: Ich versuche, mich nur vor den Sachen zu fürchten, die auch wirklich gefährlich sind. Wozu hat man denn eine naturwissenschaftliche Ausbildung, wenn sie nicht wenigstens dafür gut ist?

Wenn ich rational rangehe, sollten meine Impf-Entscheidung auf einer Abwägung von Risiken beruhen. Dann weiß ich, dass auch Impfstoffe Nebenwirkungen haben können, wie jedes andere Medikament auch. Und auch, dass diese im Einzelfall schlimm sein können. Ich weiß aber auch, wie wichtig es ist, dieses Impf-Risiko mit dem Risiko der Krankheit selbst zu vergleichen

Die Masernimpfung wird empfohlen, weil die Wahrscheinlichkeit durch Masern selbst Schäden zu erleiden, 1000 x größer ist als die Wahrscheinlichkeit durch die Impfung Schaden zu erleiden. Der offizielle Stand seriöser Forschung sagt also: Die Krankheit ist wesentlich gefährlicher als die Impfung gegen sie. Das sollte doch reichen, um mich zu überzeugen.

Ich verstand daher auch erst gar nicht, warum mich trotzdem vor der Impfung heimlich Sorgen quälten. Das passte doch gar nicht. Nicht zur Faktenlage und auch nicht zu mir.

Ich hatte bei Tetanus-Auffrischungen früher nie Angst gehabt. Und Probleme mit Spritzen habe ich auch nicht. Also was war das plötzlich? Es kann nicht daran liegen, dass ich speziell Vorurteile gegen die Masern-Impfung hätte. Meine Kinder hab ich in den letzten Jahren beide dagegen impfen lassen ohne mit der Wimper zu zucken. Und Nebenwirkungen gab es bei ihnen auch nicht.

Nun wirken Emotionen ja oft eigensinnig, irrational und beratungsresistent. Ich hätte deswegen versuchen können, sie mit dem Verstand zu überstimmen. Aber ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass es viel lohnenswerter ist, Gefühle ernst zu nehmen und ihre Auslöser genau zu ergründen. Nicht, um ihnen das Ruder zu überlassen, sondern weil es klug ist, sich selbst genau zu kennen.

Impfausweis: Die Beschäftigung mit meiner neuen Impfangst war aber sehr interessant. Vielleicht hilft sie ja noch Anderen zu ergründen, warum sie eigentlich für Impfen sind, aber dieser Aufkleber in ihrem Impfpass noch fehlt.

Als ich also über diese mir rätselhafte neue Angst nachdachte, kamen mir ein paar Umstände der Impfung in den Sinn, die vielleicht eine Rolle dabei spielen könnten, dass ich sie so anders bewertete als sonst. Es war nämlich so:

Ich bin im Oktober zu meinem Hausarzt gegangen um zum ersten Mal im Leben so einen Gesundheits-Check-up zu machen, der ab 35 Jahren als Präventionsmaßnahme von den Kassen gezahlt wird. Dabei habe ich angesprochen, dass mir aufgefallen sei, dass ich zu der Gruppe gehöre, der die zweite Masern-Impfung fehlt. Wegen uns ist halb Deutschland mit Impfaufklärungsplakaten gepflastert.

Aus der Reaktion meines Hausarzt konnte ich schließen, dass er die Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kannte, ich aber wohl die Erste war, die ihn darauf ansprach. Nach Überprüfung meines Impfpasses musste er sich daher erstmal informieren, wie das Vorgehen in dem Fall ist. Die Arzthelferinnen mussten sich irgendwo telefonisch bestätigen lassen, dass die Kasse den Impfstoff auch wirklich zahlt und herausfinden, wie er zu beschaffen ist.

Das ging alles ganz schnell und professionell, aber was bei mir hängen blieb, war das Gefühl, dass mein Anliegen, diese Impfung nachzuholen, etwas ganz Ungewöhnliches ist. Es nistete sich bei mir der störende Gedanke ein, dass wohl kaum ein Mensch dieser Empfehlung folgt. Außer mir.

Auch machte mich das Vorgehen zur Beschaffung des Impfstoffs nervös. Während der Tetanus-Impfstoff stets in der Praxis vorrätig ist, bekam ich für den Masern-Impfstoff ein Rezept ausgestellt. Es hieß, ich müsse mir diesen Impfstoff in der Apotheke besorgen und ihn bitte zum Impftermin mitbringen. Außerdem wurde ich gebeten, die Packung bis dahin im Kühlschrank aufbewahren, weil der Impfstoff sonst unwirksam werde.

Ich glaube inzwischen, dass es diese besonderen Umstände der Impfung waren, die meinem neuen impfskeptischen Stimmchen Nahrung gegeben hatten. Die Zahngeschichte kam mir dann ganz recht, um einen scheinbar rationalen Grund vorschieben zu können und verhüllen zu können, dass ich eigentlich Angst bekommen hatte vor dieser Impfung.

Die Biologin, Journalistin und Mutter widmet sich dem Thema "Biologie im Alltag". Mehr von ihr gibt es in ihrem Blog zu lesen.

Um zu verstehen, warum mich diese Umstände der Impfung nervös machten, ist hilfreich zu wissen, dass es in einer Arztpraxis normalerweise sehr routiniert zugeht, wenn Impfungen anstehen. Unserem Kinderarzt merkt man an, dass er jede der empfohlenen Impfungen schon tausende Male durchgeführt hat. Auch Hausärzte sind voller gelassener Sicherheit, wenn alle zehn Jahre Tetanus ansteht.

Mir war vorher gar nicht klar, dass ich diese eingespielte Normalität der Impfsituation brauche, um das Gefühl zu haben, dass alles in Ordnung ist und ich eine von ganz vielen bin, die sich selbst oder ihre Kinder impfen lassen.

Meine Vermutung ist auch, dass bei mir vielleicht nur deswegen bisher keine inneren Konflikte beim Impfen aufgetreten waren, weil die Ärzte, zu denen ich eine Vertrauensbeziehung habe, sonst stets von sich aus die Impfungen ansprechen, die nach offizieller Impf-Empfehlung dran sind.

Hier aber war ja ich die gewesen, die mit der Idee kam, sich gegen Masern impfen zu lassen. Und der Arzt schien die Experten-Meinungen (noch?) nicht in seine eigene Impfberatung aufgenommen zu haben. Und so bekam ich das Gefühl, dass ich allein auf weiter Flur bin. Das war nicht gut. Das verschob meine emotionale Risiko-Wahrnehmung.

Es klingt vielleicht paradox, aber die Beschäftigung mit diesen Auslösern meiner plötzlichen Impf-Angst machte es mir leichter, irgendwann dann doch zum Arzt zu gehen - mit dem Impfstoff in der Tasche, der monatelang in meinem Kühlschrank zwischen Senf und Currypaste gewartet hatte. Denn nur durch diese Beschäftigung fand ich die richtigen Argumente, um meine Sorgen zu beruhigen.

Ich konnte mir sagen, dass es die entsprechende Empfehlung der Ständige Impfkommission (STIKO) ja erst seit 2010 gibt. Und dass es nachvollziehbare Gründe dafür gibt, warum sie sich wahrscheinlich langsamer durchsetzt als andere Empfehlungen.

Hausärzte hatten ja vorher nie mit Masern-Prophylaxe zu tun. Das war früher immer die alleinige Domäne der Kinderärzte. Außerdem sehen Hausärzte die Altersgruppe, für die die Empfehlung ausgesprochen wurde, wohl selten. Wenn ich alle zwei, drei Jahre mal in die Praxis eines Allgemeinmediziners finde, dann ist das Wartezimmer meist gut mit alten Damen gefüllt und für die gilt die Empfehlung nicht.

Menschen um die 40 sind eben seltener krank. Und wer vorher wegen Ausbildung und Beruf umgezogen ist, hat oft gar keinen Hausarzt. Das Thema Impfen kommt dann nur bei Fernreisen auf oder wenn man eine Verletzung behandeln lässt und gefragt wird, wie lange die letzte Tetanus-Impfung her ist.

Übrigens: Die paar Leute in meinem Alter, von denen ich wissen wollte, ob sie auch von dieser Masern-Impflücke betroffen sind, wussten nichts davon. Und auch nicht, wo ihr Impfpass überhaupt ist.

Das waren keine Impfgegner. Noch nicht mal Impfskeptiker oder Anhänger individueller Impfentscheidungen. Sie haben Kinder und lassen sie gegen alles impfen, was so empfohlen wird. Schon komisch, wenn man so drüber nachdenkt.

Das zeigt aber, dass ich nicht alleine bin. Sicher ist es kein Zufall, dass die Impf-Aufklärungskampagne für die Masern-Impfung "Deutschland sucht dem Impfpass" genannt wurde.

Allerdings scheint die Kampagne nicht viel zu nützen. Ich jedenfalls hatte mich davon auch nicht angesprochen gefühlt und war erst durch einen Beitrag im Blog "Immun" im letzten Sommer darauf gekommen, dass mich das Thema selbst betrifft.

Was ich hier beschreibe sind nur meine kleinen Erfahrungen. Aber sie bestätigen, dass Deutschland ganz schön impfmüde ist. Das wird ja oft beklagt, wenn es mal wieder zu einem Masern-Ausbruch kommt. Als Ursache wird oft angenommen, dass Impfgegner große Macht über die Leute haben. Nach meiner neuen Erkenntnis gibt es aber eben auch so manche Impfbefürworter (mich eingeschlossen), die sich zwar über Impfgegner aufregen, sich aber mit ihrem eigenen Impfstatus trotzdem nie beschäftigen. Das macht mich stutzig.

Meine Vermutung ist ja, dass es nicht nur bei mir interessant ist, sich die Psychologie des Impfverhaltens mal anzusehen, sondern bei vielen anderen Impfbefürwortern auch. Statt den Impfgegnern die Schuld zu geben, sollte man vielleicht eher fragen: Was bringt erstmal die Leute, die eigentlich pro Impfen sind, dazu, auch für sich selbst aktiv zu werden? Oder was hindert sie daran? Gibt es Rahmenbedingungen, die man optimieren kann? Kann man etwas ändern bei "weichen" Faktoren, wie denen, die mich verunsichert haben?

Ein besseres Verständnis davon könnte ein wichtigerer Schlüssel dafür sein, wie man heute wieder zu Impfraten kommt, wie sie eine wissenschaftsfundierte, aufgeklärte Gesellschaft eigentlich haben sollte.