Es ist eine unglaubliche Zahl: 800 Millionen Menschen leiden nach Angaben der Welthungerhilfe an Hunger. Experte Dr. Ulrich Thielemann erklärt im Interview, wie man dieser Tatsache entgegenwirken kann und welche Ursachen der Hunger in der Welt überhaupt hat.

Herr Thielemann, das Menschenrecht auf Nahrung ist seit 1948 festgeschrieben. Warum sterben im Jahr 2014 trotzdem immer noch Millionen Menschen an Hunger?

Ulrich Thielemann: Eine Ursache ist sicherlich der Kampf um Ressourcen, also letztlich um den Boden. Das sieht man etwa am sogenannten "land grabbing". Dabei kaufen reiche Staaten oder Investoren den Armen das Land weg, die es zuvor für den Eigenbedarf und für die lokalen Märkte bewirtschaftet hatten. Die Felder werden dann auf Exportprodukte oder auf Energiepflanzen, sogenannte "cash crops", umgestellt. Die durch die Industrialisierung der Landwirtschaft verdrängten Landwirte wandern in die Städte ab, wo sie sich anderweitig verdingen müssen. Auch der wachsende Fleischkonsum verschärft den Wettbewerb zwischen den Konsumenten um landwirtschaftliche Nutzflächen und kann zu mehr Hunger führen. Wenn wir Fleisch kaufen, üben wir Flächenkonkurrenz aus. Anstatt angebautes Getreide für den Menschen zu verwenden, wird es an Tiere verfüttert. Das heißt, dieses Getreide steht Menschen, die kein Geld für Fleisch haben, nicht zur Verfügung. Dagegen sind Spekulationen, glaube ich, nur für die Spitzen der Preissteigerungen auf den Nahrungsmittelmärkten verantwortlich.

Wie müsste die globale Wirtschaft verändert werden, um den Hunger in der Welt zu verringern?

Die Offenheit der Märkte ist das Problem. Der indische Handelsminister hat die Doha-Runde, eine bedeutende Freihandelsvereinbarung, im Jahre 2008 scheitern lassen, weil er die Nahrungsmittelsicherheit von einer Milliarde zumeist armer Inder nicht gefährden wollte. Er wollte im Fall weltweit sinkender Nahrungsmittelpreise die Importzölle anheben dürfen, damit die vielen indischen Kleinbauern nicht pleitegehen und weiterhin als heimische Nahrungsmittelversorger zur Verfügung stehen. Die internationale Staatengemeinschaft hat Indien den indirekten Schutz seiner Bevölkerung aber nicht zugestanden. Obwohl es mehr als legitim ist, dass die Märkte nicht beliebig offen sind. Protektionismus schützt die weniger zahlungskräftigen vor den zahlungskräftigeren Konsumenten. Man kann feststellen, dass in den 1960er- bzw. 1970er-Jahren die Wachstumsraten in den Entwicklungsländern dank protektionistischer Politik deutlich höher waren als danach, als weltweit die neoliberale Wende einsetzte. Die Offenheit der Märkte bedeutet immer mehr Wettbewerbsdruck, sowohl bei Anbietern als auch für Nachfrager.

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Was heißt das genau?

Man müsste weiter rationalisieren, damit mehr Nahrungsmittel zur Verfügung stehen. Ernährungsexperten sagen aber, wir sollen die bäuerlichen Strukturen mehr schützen statt die industrielle Landwirtschaft weiter auszubauen. Was man nämlich allzu häufig vergisst: Die industrielle Landwirtschaft ist faktisch auf den wohlhabenden Kunden ausgerichtet. Die bestehenden Produktionskapazitäten, denke ich, würden ausreichen, um alle Menschen mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen zu versorgen. Aber es ist keine Frage, zu wessen Gunsten der Nachfragewettbewerb zwischen dem zahlungskräftigeren und dem weniger zahlungskräftigeren Kunden ausgeht.

Und wie viel würde es kosten, alle satt zu machen?

Ich bin, was das angeht, kein Experte. Aber Forscher sollen ja ausgerechnet haben, dass es nur 30 Milliarden Dollar pro Jahr mehr kosten würde, um weltweit Hunger und Unterernährung zu beseitigen.

Dr. Ulrich Thielemann ist Direktor des Berliner Think Tanks MeM – Denkfabrik für Wirtschaftsethik.