Sie hatte ein Video mit mutmaßlichen Verstößen gegen die Corona-Regeln beim Fleischproduzenten Tönnies publik gemacht, kurz darauf wurde der Mitarbeiterin der Cateringfirma gekündigt. Nun beschäftigt der Fall ein Arbeitsgericht.

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Der Streit über die Veröffentlichung eines Videos, das mutmaßliche Verstöße gegen Corona-Präventionsregeln in der Kantine des Fleischproduzenten Tönnies in Rheda-Wiedenbrück dokumentieren soll, wird zum Fall für die Justiz.

Das Arbeitsgericht Bielefeld verhandelt, ob die Entlassung einer Frau, die beim Fleischproduzenten Tönnies in Rheda-Wiedenbrück arbeitete, rechtmäßig war. Das sagte der Direktor des Gerichts der Nachrichtenagentur dpa. Ein Verhandlungstermin stehe aber noch nicht fest.

Das Video war Ende März im Netz aufgetaucht. Es zeigt Tönnies-Mitarbeiter, die in der Kantine an Tischen zusammensitzen und essen. Die Firma Tönnies hatte laut dpa am 28. März von dem Video erfahren. Das genaue Erstellungsdatum ist jedoch umstritten.

Nach einer Verordnung des Landes Nordrhein-Westfalen musste auch in Firmenkantinen seit dem 22. März aus Gründen des Infektionsschutzes ein Mindestabstand von 1,50 Meter eingehalten werden. Ob es Verstöße gab, prüft derzeit die Staatsanwaltschaft Bielefeld nach dem Eingang zahlreicher Anzeigen gegen das Unternehmen.

Der dpa zufolge war die wegen des Videos gekündigte Mitarbeiterin bei einer Cateringfirma beschäftigt, die bei Tönnies die Kantine mit Essen beliefert. Dieses Unternehmen hatte sich mit der Frau bei einem Gütetermin Anfang Juni auf eine fristgerechte Kündigung und eine Abfindung geeinigt.

Laut Gerichtsdirektor Kleveman hatte die Frau bei dem Gespräch bestätigt, das Video ins Internet gestellt zu haben. Sie bestritt demnach aber, dass eine negative Kommentierung in dem Video von ihr sei. Nach einem Anwaltswechsel widerrief die Frau den Vergleich vom 9. Juni. Nun wird der Fall vor dem Arbeitsgericht verhandelt.

Das Unternehmen hatte mitgeteilt, dass sich die Arbeiter damals nur mit Kollegen in der Kantine aufgehalten hätten, mit denen sie auch in einer Abteilung zusammen gearbeitet hatten. Dieses Verhalten, das sogenannte Clustern, sei mit dem Arbeitsschutz abgestimmt gewesen.

Mitgesellschafter Robert Tönnies warnte vor Verpflichtung von Sigmar Gabriel

Indes sorgt auch das Engagement des früheren Bundeswirtschaftsministers und SPD-Politikers Sigmar Gabriel als Berater des Fleischkonzerns für massive Kritik. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bezeichnete Gabriels Engagement bei Tönnies etwa als "befremdlich und peinlich". Gabriel hatte nach eigener Aussage von März bis Mai 2020 für das Unternehmen handelsrechtliche Fragen klären sollen und dafür ein Beraterhonorar erhalten. Gabriel sagte dagegen dem SPIEGEL, er könne "an dem Beratungsverhältnis mit einem großen Arbeitgeber nichts Problematisches erkennen".

Die Verpflichtung des früheren Politikers war intern offenbar umstritten. Robert Tönnies, der als Gesellschafter neben seinem Onkel Clemens Tönnies 50 Prozent an dem Schlachtkonzern hält, hatte im Februar vor einer Verpflichtung von Gabriel als Berater gewarnt.

"Die Verpflichtung ehemaliger Spitzenpolitiker für Unternehmen führt immer wieder zu unangenehmen Fragen der Öffentlichkeit und in Folge zu einem Imageschaden für das betroffene Unternehmen und den ehemaligen Politiker", schrieb Robert Tönnies in einem Brief aus dem Februar, der dem SPIEGEL vorliegt. Robert Tönnies streitet sich mit seinem Onkel Clemens seit Jahren um die Führung des Unternehmens.

Im Stammwerk des Tönnies-Fleischkonzerns im westfälischen Kreis Gütersloh hatten sich im Juni weit mehr als 1000 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert. Deshalb gab es heftige Kritik an den Arbeitsbedingungen im Unternehmen.  © DER SPIEGEL

Teaserbild: © imago images/Noah Wedel