Nach der Wirtschaftskraft bemessen ist China Nummer vier in der Welt. Die Volksrepublik hat Frankreich und Großbritannien hinter sich gelassen und ist dabei, Nummer drei, Deutschland, den Rang streitig zu machen.

In den vergangenen Jahren wies das Reich der Mitte außerdem ein Wachstum von mehr als zehn Prozent aus. Zur Erinnerung: Geradezu euphorisch verkündeten Wirtschaftsinstitute hierzulande, dass sie für Deutschland in diesem Jahr eine grandiose wirtschaftliche Steigerung jenseits der 2,5 Prozent-Marke erwarten.

China hat das drittgrößte Handelsvolumen, liegt bei der Kaufkraft an zweiter Stelle und kann auf über 758 Millionen Erwerbstätige verweisen. Mit einer Bevölkerungszahl von mehr als 1,3 Milliarden Menschen und der drittgrößten Landfläche ist der asiatische Staat auch darüber hinaus Superlative gewohnt.

Wer sich für die Herkunft von Waren interessiert, wird oft auf "Made in China" stoßen. Vor zehn Jahren ging es dabei meist um billiges Spielzeug oder einfache handwerkliche Produkte. Diese Zeiten sind jedoch lange vorbei. So hatten die Chinesen etwa das kürzlich erschienene iPhone schon vor dem offiziellen Verkaufsstart nachgebaut.

Vom Raubkopierer zum Global Player

Im Gegensatz zum Original muss der Käufer des "P168" allerdings auf einige Funktionen verzichten.

Das 3,5 Zoll große Touchscreen gibt eine viel geringere Farbtiefe als das Originals wieder. Die auf der Packung mit 2,0 Megapixel Auflösung angegebene Kamera entpuppt sich als 1,3-Megapixel-Gerät. Dafür ist das "P168" aber mit sechs Lautsprechern ausgestattet, die einen "echten Surround-Sound" erzeugen sollen. Das Micro-SD-Kartenslot rundet die Ausstattung des Plagiats ab, dessen Bezeichnung übrigens in chinesischen Zeichen so viel wie "werde reich" bedeuten soll.

Der Schutz von geistigem Eigentum ist in China nicht ausgeprägt. Auch in anderen Branchen mit viel komplexeren Produkten wird eifrig abgekupfert. Zwar heißen Chinas Automarken ganz unverdächtig Shanghuan, Great Wall oder Cherry, doch zeigen diese Firmen auf den Autoshows in Shanghai oder in Peking ihr wahres Gesicht: So sieht der Sceo von Shanghuan wie der X5 von BMW aus, Great Wall stellt stolz seine Yaris-Kopie Scion xB aus und Cherry hat sich in das gesamte Design von Lancia verliebt. Sicherlich gibt es qualitative Unterschiede, doch während die europäischen Originale mehr als 30.000 Euro kosten, sind die Plagiate für um die 10.000 Euro zu haben.

Aber auch ohne dreiste Raubkopien sind die Chinesen erfolgreich. Ein gutes Beispiel dafür ist der Elektronik-Konzern Lenovo.

Die Firma mit Sitz in der Hauptstadt Peking übernahm Mitte 2005 für 1,75 Milliarden Dollar die PC-Sparte von IBM und schwang sich damit zum drittgrößten Computer-Produzenten nach Hewlett Pacard und Dell auf. Mit diesem Deal kamen die geschäftstüchtigen Asiaten auch zu einem Firmensitz in Raleigh im US-Bundesstaat North Carolina.

Längst sind die Wirtschaftsbosse aus Fernost auch in Deutschland unterwegs. Dabei geht es wie bei dem IBM-Kauf um Technik und Know-How, aber auch um Absatzwege. Schon 2003 kaufte die Huapeng Trading zum Beispiel die brandenburgische Welz Zylinderherstellung für vier Milliarden Euro, um den Vertrieb von Druckgasflaschen in Europa auszubauen. Weil der Kaufdrang des Handelsriesen Huapeng jedoch noch längst nicht gestillt ist, geht die Einkaufstour weiter. Ähnliches gilt für den Konzern Haier Electronics, der in Gießen und in München Distributions-Niederlassungen unterhält.

Weitere Player in einer langen Liste von chinesischen Investoren sind Huawei Technologies, China First Pencil Company oder D'Long. Die Ökonomen aus dem Reich der Mitte sitzen angeblich auf Geldreserven in Höhe von einer Billionen Euro. Den Aquisiteuren werden also noch lange nicht die liquiden Mittel ausgehen, zumal mit den weiter sprudelnden Exporteinnahmen stetig neues Kapital nach Fernost fließt. Die Angst vor einem Ausverkauf ist unter den deutschen Unternehmen so groß, dass sie in regelmäßigen Abständen den Schutz der deutschen Technologien bei der Politik einfordern. Das lehnt Wirtschaftsminister Michael Glos jedoch ab: "Wir müssen die besseren und pfiffigeren Produkte entwickeln."

Die Ausbeutung der Wanderarbeiter

Den robusten Aufschwung verdankt das bevölkerungsreichste Land der Erde einem extrem niedrigen Lohnniveau.

Das monatliche Mindestsalär liegt in der entfesselten Marktwirtschaft bei 800 Yuan (76 Euro), das in der Massenproduktion meistens nicht überschritten wird. Doch längst nicht alle Erwerbswillige haben einen Job: Die deutsche Botschaft in Peking gibt in ihrem Dossier "Wirtschaftsdaten kompakt" die Arbeitslosigkeit mit mindestens 8,5 in den Städten und 30 Prozent auf dem Land an. Das Heer der Wanderarbeiter, das den oft skrupellosen Geschäftemachern zur Verfügung steht, schätzen Experten auf eine Größe von 200 Millionen Menschen ein.

Zwar sollen in den nächsten Jahren in den Ballungszentren jeweils zehn Millionen Arbeitsplätze entstehen, doch werden diese vom beschleunigten Bevölkerungswachstum aufgefressen. Auf die zehn Millionen zusätzlichen Jobs kommen pro Jahr 25 Millionen neue Arbeitskräfte, wodurch zwangsläufig der Kampf um die Arbeit weiter verschärft wird und die Löhne weiter sinken werden.

Schon heute bringen die Medien immer neue Fälle von moderner Sklavenhaltung ans Tageslicht. Während es sich für chinesische Hersteller von hochwertigen Produkten rechnet, den Angestellten einen Lohn zu zahlen, sind Produzenten einfacher Waren wie Ziegel offenbar einem viel größerem Kostendruck ausgesetzt. Nicht selten verschwinden deswegen Jugendliche von der Straße und werden von Menschenhändlern an Manufakturen verkauft. Dort müssen sie für wenig Essen und ohne Lohn fast pausenlos schuften. Schlechte Leistung wird mit Gewalt geahndet.

War es nicht der kommunistische Urvater Karl Marx, der die Arbeiterklasse vom Großkapitalismus befreien wollte? Experten bezeichnen Chinas derzeitige Wirtschaftsform als autoritären Kader-Kapitalismus - eine Mischung aus Korruption und ungehinderten Marktkräften. Trotzdem hat das Regime in Peking das Ziel nicht aus den Augen verloren: Dem Weg an die kapitalistische Weltspitze soll schon bald die Phase der erneuten Verstaatlichung folgen, zum Wohl des Volkes.