Das Urteil gegen Uli Hoeneß ist in erster Instanz gefallen: Das Landgericht München II hat den ehemaligen Präsidenten des FC Bayern wegen Steuerhinterziehung schuldig gesprochen und zu drei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. So kommentieren die Zeitungen das Urteil.

Die "Süddeutsche Zeitung" hält das Urteil "maßvoll hart, aber gerecht. Das Urteil von drei Jahren und sechs Monaten demonstriert, dass das Verbot der Steuerhinterziehung wirklich für jeden gilt - und dass niemand davonkommt, so prominent er auch sein mag." Auch aus gesellschaftlicher Sicht habe dieses Urteil einen Sinn: "Diese Strafe demonstriert, dass die strafrechtlichen Verbote wirklich gelten - sie gelten für Hoeneß ebenso wie für Hans Mustermann. Das ist positive Generalprävention. Sie ist der einzig gute Sinn von Strafe."

"Stern.de" sieht Hoeneß als Beispiel für einen "Teil der deutschen Elite, die sich als Spitze der Gesellschaft versteht, aber nicht an deren Regeln gebunden wähnt." Das Urteil sei gerecht: Denn es zeigt eindrücklich, dass die Justiz auch die Großen nicht laufen lässt. Hoeneß war einer der Größten. Die Botschaft könnte nun nicht klarer sein: Niemand darf sich über das Gesetz erheben.

Die "Münchner Abendzeitung" hält das Urteil nach dem Prozessverlauf mit vielen Überraschungen für ausgewogen: "Am Ende stand eine Steuerhinterziehung von (mindestens) 28,5 Millionen Euro, eine fehlerhafte Selbstanzeige und Steuerunterlagen, die erst in letzter Minute eingingen. Irgendwann musste auch der Wohlwollendste einräumen: Uli Hoeneß mag in seinem Leben viel Gutes getan haben, aber eine Straftat in diesem Ausmaß gleicht das nicht aus. Es gibt – abseits der juristischen Bewertung – ja noch eine andere Dimension eines Gerichtsfalles: Ein Urteil muss den Menschen vermittelbar sein. Wäre Hoeneß straffrei geblieben – welcher Bürger würde in Zukunft dann seine Steuererklärung noch ernst nehmen?"

Auch nach dem Hoeneß-Prozess bleiben Fragen offen

Die "FAZ" findet das Urteil zwar angemessen, es bleibe aber ein "schaler Nachgeschmack: Das Urteil gegen den Fußballmanager lässt zu viele Fragen offen. Warum war der vermögende Fußballmanager und Wurstfabrikant auf fremdes Startkapital für seine Schweizer Spekulationsgeschäfte angewiesen? Warum stammte dieses Geld von dem damaligen Adidas-Chef, mit dessen Unternehmen der FC Bayern eng verbunden war? Warum kam Adidas bei der Verlängerung eines Ausrüstervertrags zum Zuge, obwohl ein Konkurrent ein höheres Gebot abgegeben haben soll? Strafrechtliche Vorwürfe, die sich mit solchen Fragen stellen, sind verjährt – aber um sich ein Bild von dem Angeklagten zu machen, hätte das Gericht einen Blick darauf werfen müssen."

Auch "Zeit Online" stellt sich Fragen, die über das private Schicksal von Uli Hoeneß hinausgehen: "Uli Hoeneß wurde überhöht, wie das System Fußball. Selbst nach seiner Verurteilung schaut man nicht so genau hin, woher das viele Geld kam, und was er damit machte. (...) Die Bundesliga macht zwei Milliarden Umsatz im Jahr, Sponsoren reißen sich um Vereine, Sender werben um TV-Rechte. Aber Compliance, Ethik-Codes, Regeln für Bargeldverkehr? Kein Thema in Vereinen und Verbänden, trotz vieler Gerüchte um Korruption und Kickbacks. Es ist sicher kein Zufall, dass das System Fußball zum Fall seines bedeutendsten, weil prägenden, Vertreters am liebsten schweigt."

"Hoeneß muss gehen, sofort"

"Spiegel Online" macht sich nach dem Urteil gegen Hoeneß über den FC Bayern Gedanken und stellt die Frage, ob die goldenen Zeiten für den deutschen Vorzeigeverein ohne Hoeneß an der Spitze vorbei sein könnten. Die Antwort: "Nein - denn der Verein hat sich längst von dem Patriarchen emanzipiert." Der Emanzipationsprozess begann mit dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Hoeneß: "Vor der Zäsur war der Präsident der unantastbare Macher, eine Chiffre für Macht und Kontrolle", schreibt "Spiegel Online". "Nach der Zäsur wirkte der Patriarch wie ein anderer Mensch." Auch nach dem Urteil sei Hoeneß noch immer wichtig für den FC Bayern: "Aber er ist nicht der Club, nicht mehr. Der funktioniert längst auch ohne ihn."

Die "tz München" stellt die Frage nach der Zukunft von Uli Hoeneß beim FC Bayern und hält einen Rücktritt für überfällig "Der Hoeneß-Absturz: Deutschland verliert einen seiner größten Moralapostel, der in Wahrheit nur ein Scheinheiliger war. Und der FC Bayern verliert seinen Kopf und sein Herz. Hoeneß muss gehen, sofort – als Präsident und Aufsichtsratschef. Allein seine hemmungslose Zockerei disqualifiziert ihn als obersten Kontrolleur des Vereins. Dafür braucht es kein juristisches Urteil."

"Auch die Schweiz saß auf der Anklagebank"

Der "Tages-Anzeiger" aus der Schweiz zieht das Urteil wegen der Fülle an Beweismaterial und der Kürze des Prozesses in Zweifel: "Und schließlich saß auch die Schweiz virtuell mit auf der Anklagebank. Ein Investmentbanker bei Vontobel hatte geholfen, das steuerfreie Zockermodell umzusetzen, und war dafür seit 2001 in Dauerkontakt mit dem Steuersünder gestanden. Die Schweizer Privatbank duckte sich während dieses Prozesses wohlweislich weg. Die Fülle von insgesamt 50.000 letztlich auch fürs Gericht wenig durchsichtigen Transaktionen ist auch der Grund, weshalb man dem Urteil des Münchner Gerichts nicht so recht traut: Welche Wert- und Einkommensflüsse im Einzelnen daraus entstanden, konnte die Anklage in den vier Tagen vor Gericht nicht klar darlegen. Ein hieb- und stichfester Entscheid hätte eine Verschiebung des Urteils nahegelegt, bis die Wertflüsse im Detail geklärt sind. Das mochte der Richter nicht, zu groß war die Erwartung auf einen raschen Entscheid."