Bei Kontrollen in einem Kühlhaus im niedersächsischen Dissen sind Behörden auf massiven Rattenbefall gestoßen. Ein Fleischzerlegebetrieb wurde geschlossen - auch Produkte von Tönnies sind betroffen.

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Fellreste, Kotpillen, Nestbau: Mehr als fünf Monate haben in einem Produktionsraum eines Kühlhauses im niedersächsischen Dissen am Teutoburger Wald mutmaßlich Ratten gehaust.

In dem Kühlhaus der Nagel Transthermos GmbH waltete vor allem die Firma LVD Fleisch GmbH Dissen, die in einem Teil des Raumes Fleisch zerlegt und behandelt hat. Das Kühlhaus war jedoch auch Lagerstätte für Waren der Tönnies-Gruppe, wie das "Haller Kreisblatt" zuerst berichtete.

Auf Nachfrage der Lokalzeitung bestätigte André Vielstädte, Sprecher der Tönnies-Gruppe, dass das Kühlhaus "sporadisch in einem geringen Umfang für beispielsweise die Lagerung von Waren" genutzt worden sei.

Nach einer ersten Information am 12. Juni durch den Kreis Gütersloh habe man die im Zugriff befindlichen Waren in diesem Zusammenhang gesperrt, sagte Vielstädte. Eine Mitteilung über einen Rattenbefall sei Tönnies am 3. Juli 2020 vom Landkreis Osnabrück zugegangen.

Ratten breiteten sich über fünf Monate aus

Nach den Erkenntnissen des Veterinärdiensts befanden sich Ratten in erhöhter Anzahl seit Mitte Januar in Bereichen des Kühlhauses, zitiert das "Haller Kreisblatt" einen Sprecher des Landkreises Osnabrück.

Das Verwaltungsgericht Osnabrück wird in einer Pressemitteilung konkreter und schreibt von Kotpillen, Laufwegen, Fellresten und Anzeichen für Nestbau der Ratten in Ausmaßen, die auf eine große Rattenpopulation hindeuteten. Maßnahmen zur Bekämpfung hätten bislang keinen Erfolg gezeigt, die Nager "bevölkerten" das gesamte Gebäude.

Wie alle durch die EU-zugelassenen Lebensmittelbetriebe ist auch Nagel Transthermos zu systematischen Bekämpfungsmaßnahmen von Schädlingen, insbesondere Ratten, verpflichtet. Auftraggeber sind in der Regel externe Unternehmen.

Der von Nagel Transthermos dafür engagierte Dienstleister habe bereits im Januar erste Hinweise auf Rattenkot gegeben. Erst im Rahmen der Routinekontrollen des Lebensmittelbetriebs im Juni wurde der Veterinärdienst auf den Rattenbefall aufmerksam, schreibt das "Haller Kreisblatt".

Die Nager hatten also fünf Monate Zeit, sich im Kühlhaus auszubreiten. Burkhard Riepenhoff, Sprecher des Landkreises Osnabrück, bestätigte den Rattenbefall gegenüber dem SPIEGEL.

Tönnies: Nur Rohwaren von Rattenbefall betroffen

Im Juni untersagte der Landkreis Osnabrück als zuständige Lebensmittelüberwachungsbehörde der Firma LVD Fleisch GmbH Dissen daraufhin die Produktion.

Wie eine Sprecherin des niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) dem SPIEGEL bestätigte, hat der Betrieb die EU-Zulassung am 24. Juni zurückgegeben.

"Wir stehen in keinerlei Geschäftsbeziehung zum Unternehmen LVD Fleisch", sagte Tönnies-Sprecher Vielstädte. "Alle Anfragen, die seitens der jeweiligen Behörden an uns herangetragen wurden, sind innerhalb kürzester Zeit, zum Großteil noch am selben Tag, bearbeitet worden. Dazu gehört auch die Ermittlung und Zurverfügungstellung der benötigten Angaben zur Rückverfolgbarkeit der Waren."

An den Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Civey kann jeder teilnehmen. In das Ergebnis fließen jedoch nur die Antworten registrierter und verifizierter Nutzer ein. Diese müssen persönliche Daten wie Alter, Wohnort und Geschlecht angeben. Civey nutzt diese Angaben, um eine Stimme gemäß dem Vorkommen der sozioökonomischen Faktoren in der Gesamtbevölkerung zu gewichten. Umfragen des Unternehmens sind deshalb repräsentativ. Mehr Informationen zur Methode finden Sie hier, mehr zum Datenschutz hier.

Bei den betroffenen Produkten handele es sich um Rohware, nicht um Fertigprodukte. "Somit ist vor einer weiteren Verarbeitung durch entsprechende Wareneingangskontrollen und begleitende Prozesskontrollen eine intensive Inaugenscheinnahme sichergestellt", sagte Vielstädte weiter.

Außer der LVD Fleisch GmbH und der Tönnies-Gruppe lagerten auch andere Unternehmen Lebensmittel in dem Kühlhaus. "In diesem größeren Teil des Kühlhauses wurden immerhin keine Hinweise auf einen Rattenbefall festgestellt", sagte der Sprecher des Landkreises, Burkhard Riepenhoff, dem "Haller Kreisblatt".

"Aber Fleisch der Tönnies-Gruppe und anderer Firmen, das in einem mit dem Fleisch der Firma LVD zusammen genutzten Produktionsraum behandelt wurde und in dem Hinweise auf Ratten festgestellt wurden, haben wir sichergestellt."

Landkreis prüft rechtliche Konsequenzen für Verantwortliche

Unklar ist, ob von Ratten befallene Ware aus dem Kühlhaus von Nagel Transthermos in den Handel und zu den Verbrauchern gelangt ist. Dieser Frage wird sich nun die Osnabrücker Behörde widmen.

Nach dem EU-Lebensmittelrecht müssen alle beteiligten Firmen Nachweise über sämtliche Eingänge und Verkäufe von Waren erbringen, inklusive der erforderlichen Angaben zur Ermittlung der Lieferanten und Empfänger.

"Die Nachweise zu den seit Januar belieferten Kunden mit deren Adressen wurden mittlerweile vorgelegt. Zudem mussten die Firmen ihre Kunden über die Probleme mit der Ware informieren", so Riepenhoff. Entsprechende Nachweise seien bereits erbracht worden. Parallel dazu prüfe der Landkreis Osnabrück momentan mögliche rechtliche Konsequenzen für die Verantwortlichen.

Auf die Frage, ob Tönnies ausschließen könne, dass von Ratten befallene Ware in den Verkehr gebracht wurde, sagte Unternehmenssprecher Vielstädte dem "Haller Kreisblatt": "Die Ware wurde sichergestellt. Die dazugehörigen Informationen sind vollständig an die zuständigen Behörden übergeben worden."   © DER SPIEGEL