Die Deutsche Bahn soll nicht nur pünktlicher werden, sondern auch ihr Netz ausbauen, mehr Güter transportieren den Verkehr umweltfreundlicher machen. Doch gleichzeitig fehlt das Geld für die erforderlichen Investitionen. Wir darüber sprachen mit Christian Böttger. Der Professor am Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin sieht bei der Bahn bis 2030 eine Finanzierungslücke von 60 Milliarden Euro.

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Herr Professor Böttger, die Deutsche Bahn will – mal wieder – pünktlicher werden. Dürfen wir auf weniger Verspätungen hoffen?

Professor Christian Böttger: Für den Fernverkehr ist eine Generation neuer Züge bestellt, das sollte in den kommenden drei Jahren deutliche Verbesserungen bringen. Das Kernproblem der Bahn ist allerdings ein anderes: Die großen Knoten und Hauptstrecken sind völlig überlastet. Darüber hinaus entsteht zunehmend der Eindruck, dass die DB AG große Management-Probleme hat.

Was sind die Ursachen für die Überlastung der Bahnstrecken?

Die Verkehrsnachfrage ändert sich, die großen Städte wachsen, die meisten Konsumgüter kommen aus Asien und werden aus den Häfen über die Hauptachsen transportiert. In den letzten Jahrzehnten wurde die Infrastruktur nicht entsprechend angepasst. Die jetzigen Engpässe sind eine Folge dieser Versäumnisse.

Und woher rühren die Probleme im Management?

Es ist schwierig, das von außen zu beurteilen. Aber aus dem "Brandbrief", den der Vorstand selbst geschrieben hat, entsteht der Eindruck, dass die Koordination zwischen den Konzernsparten nicht funktioniert, die zentrale Verwaltung und die Kosten für Unternehmensberatung sind stark angestiegen.

Bahnferne Konzerntöchter verkaufen

Was müsste getan werden, um die Bahn wieder zu stabilisieren?

Die DB AG muss zuerst finanziell stabilisiert werden. Am sinnvollsten erscheint es mir, hierfür die bahnfernen Sparten Schenker Logistik und Arriva zu verkaufen. Daneben sollte man sich mit den Defiziten bei den Prozessen im Konzern befassen.

Offenbar sehen Vorstand und Politik derzeit als Lösung eine weitere Zentralisierung des Konzerns. Sie wollen also eine Strategie fortsetzen, die sich in den letzten Jahren als eindeutig falsch erwiesen hat.

Im Koalitionsvertrag haben SPD und CDU/CSU ein ambitioniertes Ziel vereinbart: Der Schienenverkehr soll sich bis 2030 verdoppeln.

Positiv ist, dass im Koalitionsvertrag erstmals eine ausdrückliche Zielvorgabe für die DB AG steht. Allerdings sind diese ambitionierten Ziele nicht mit den erforderlichen Mitteln hinterlegt.

Sie haben über einem Bedarf von 80 Milliarden Euro gesprochen. Ist das nicht ein wenig übertrieben?

Der Bundesverkehrswegeplan von 2016 enthält neue Schienenprojekte im Volumen von 40 Milliarden Euro. Von denen sind aber bis 2030 nur die Hälfte finanziert. Jüngst wurden weitere Projekte im Volumen von rund 20 Mrd. € dem "vordringlichen Bedarf" zugeordnet, ohne dass dafür nennenswert zusätzliche Mittel bereitgestellt wurden.

Für das Projekt der "Digitalisierung" hat eine Studie des Verkehrsministeriums einen Mittelbedarf von 15 Mrd. € bis 2030 ermittelt. Das sind zusammen 72 Milliarden Euro. Hinzu kommen noch einige Projekte, die für das Verdoppelungsziel erforderlich sind. So komme ich auf 80 Mrd. €, von denen bis 2030 wohl nur 20 Mrd. € finanziert sind.

Sehen sie eine Bereitschaft der Politik, diesen zusätzlichen Bedarf zu finanzieren?

Es gibt eine breite Unterstützung in der Bevölkerung und den Medien für Klimaschutz und Verkehrswende. Gleichzeitig aber zeigen Umfragen, dass nur ein Drittel der Bürger Öffentliche Verkehrsmittel wirklich nutzt.

Auch die Reaktionen auf die Dieselkrise zeigen, dass, sobald es konkret wird, die Bereitschaft zur Verhaltensänderung bei den Bürgern gering ist. Boshaft gesagt macht die Politik genau das, was die Wähler wollen: sonntags darüber reden, dass sich alles ändern muss – und montags weitermachen wie bisher.

Wo müsste man denn beginnen, wenn sich bei der Bahn trotzdem etwas zum Besseren verändern soll?

Das Geld allein jedenfalls würde nicht reichen. Selbst wenn die fehlenden 60 Milliarden plötzlich da wären – man könnte sie ja gar nicht verbauen. Es gibt dafür nicht genügend Kapazitäten bei den Baufirmen, es gibt zu wenige Bahningenieure und Planer.

Das hört sich recht ausweglos an. Wenn wir nicht mit dem Bauen beginnen wollen – womit dann?

Erstens: Die Politik muss politisch steuern, indem sie klar sagt, wo es mit der Bahn hingehen soll. Die Ziele müssen mit Mitteln unterlegt werden, zudem sollte ein Programm aufgelegt werden, um die erforderlichen Personalkapazitäten aufzubauen.

Neben dem Geld geht es auch um Regulierung. Die Eisenbahn wird von immer neuen, immer strengeren Vorgaben erdrückt, während die anderen Verkehrsträger eher zusätzliche Freiheiten erhalten.

Zweitens muss das Unternehmen DB AG dringend stabilisiert werden. Die Sparten Schenker Logistik und Arriva, die keine Synergien mit der Eisenbahn in Deutschland bringen, sollten, wie gesagt, verkauft werden. Die Erlöse werden dringend gebraucht, um die anstehenden Investitionen, insbesondere die neuen Züge, zu finanzieren und Schulden abzubauen.

Fachliche Expertise steht nicht immer im Vordergrund

Drittens muss die gesamte Steuerung des DB Konzern verbessert werden. Derzeit wird der Aufsichtsrat nur mit Politikern besetzt, nicht immer steht dabei die fachliche Expertise im Vordergrund. Es sollte auch erfahrene Unternehmer als Sparringspartner für den Vorstand geben.

Aktuell entsteht der Eindruck, dass Politik und Vorstand das mittlere Management als Krisenursache ausgemacht haben. Ich halte diese Analyse für falsch und gefährlich. Aus meiner Sicht ist der Vorstand dafür verantwortlich, Konflikte zwischen Konzerngesellschaften zu lösen, diese Aufgabe erfüllt er nur unzureichend.

Auch schafft es der Aufsichtsrat nicht, Ruhe in den Vorstand zu bringen – die Fluktuation der Vorstände ist gewaltig.

Es könnte also doch Schritt für Schritt vorwärts gehen?

Für den Fernverkehr hat die Auslieferung einer neuen Zuggeneration begonnen. Die Mittel für die Erneuerung der Infrastruktur wurden in den letzten Jahren erhöht, auch wenn das bedeutet, dass zusätzliche Baustellen entstehen. Aber ich sehe derzeit in der Politik keine großen Impulse für die angekündigte Verkehrswende.