Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: steigende Inflation.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die Inflation steigt und die Notenbanken wissen mittlerweile auch, dass die Geldentwertung nicht nur temporär sein wird. Die zuständige EZB-Direktorin Isabel Schnabel stellt derzeit Weltrekorde im Zurückrudern auf.

In der klassischen Lehre der alten Welt würde jetzt unverzüglich – schon um die Vermögenswerte der Bürger zu schützen – eine Verknappung von Liquidität erfolgen:

  • 1. Durch ein zügiges Ende der direkten Geldinjektionen der Notenbanken, die unsere Zahlungsmittel nur immer weiter verwässern.
  • 2. Durch eine stufenweise Erhöhung des Zinses, wodurch das Geld wieder seinen Preis zurückbekäme.

Doch die alte Welt ist untergegangen. Die klassische Lehre von der Geldmengensteuerung gilt nicht mehr.

Die USA pumpen ungerührt weiter 120 Milliarden US-Dollar und die EZB 60 bis 70 Milliarden Euro neue Liquidität pro Monat in die Märkte. Die Ankündigungen der Amerikaner, ihre Aufkaufprogramme zu reduzieren, sind bisher vage. Die EZB kündigt vorsichtshalber gar nichts an. Und an eine Zinserhöhung, die mehr als Symbolik bietet, ist bei Fed und EZB derzeit nicht zu denken.

Die Notenbanken sind die Gefangenen ihrer eigenen Geldflutungspolitik. Wie ein Drogenkartell haben sie die Welt abhängig gemacht vom billigen Geld und wissen nun nicht, wie man den Entzug organisiert. Also wird weiter nachgespritzt.

Drei große Risiken haben sich aufgebaut, die in ihrer Addition zur Eskalation auf den globalen Finanzmärkten führen können:

1. Geldschöpfung

Durch die Geldschöpfung durften sich die Staaten zu historisch günstigen Bedingungen verschulden und taten das auch. Weltweit ist die Verschuldung seit 2020 um etwa 40 Billionen US-Dollar auf etwa 300 Billionen US-Dollar gestiegen. Die Schuldenquoten sind so hoch wie zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges.

Unklar ist, ob beim Ausfall der Notenbank-Finanzierung der private Kapitalmarkt die exzessiven Schuldner wie Italien, Spanien, Venezuela und auch Japan weiter unterstützen würde. Noch stehen die Dominosteine, aber ohne die Hilfe der Notenbanken werden sie zu wackeln beginnen.

2. Geldflutung

Die Geldflutung hat die Spekulanten auf den Plan gerufen. In diesem Jahr stieg in den USA der Umsatz mit riskanten Optionen – das sind Hebelprodukte, die eine Wette auf die Kurse bedeuten – erstmals über den Umsatz mit normalen Aktien. Da die Optionshändler sich durch Käufe der ihrer Spekulation zugrunde liegenden Aktie absichern müssen, treiben sie den Aktienkurs.

Es kommt, analysiert der Vermögensverwalter Dr. Jens Ehrhardt, zu künstlicher Nachfrage, die nichts mit den fundamentalen Daten zu tun hat. Das heißt: Der Risikoappetit der Spekulanten befeuert irrationale Übertreibungen. Fehlt das billige Geld, platzt womöglich die Blase am Aktienmarkt.

3. Nullzinspolitik

Die Nullzinspolitik hat den Finanzanlagen insgesamt sehr geholfen. Vor allem die Tech-Giganten der USA sind durchgestartet. Apple konnte in den vergangenen fünf Jahren um 373,1 Prozent zulegen, Tesla schaffte seit Oktober 2019 mehr als 1600 Prozent, Alphabet zog seit 2016 um 230 Prozent an.

Ein Ende des Börsenbooms würde in Deutschland Besserverdiener und Vermögende treffen (die politisch als Freiwild gelten und deshalb in der Kalkulation von CDU und SPD nicht wirklich zählen), aber im Amerika der großen Pensionsfonds hängen auch die Renten kleiner Leute am Aktienmarkt. Die Regierung und die Führung der Notenbank werden daher alles tun, um einen Crash zu verhindern. Im Zweifel wird eben weiter geflutet, womit das Risiko einer scharfen Kurskorrektur aber nicht verschwindet, sondern a) vergrößert und b) verschoben wird.

Fazit

Die Regierungen haben die Weltenrettung großzügig bei den Notenbanken bestellt: Whatever it takes. Aber nur, um die Rechnung von dort zügig an die Sparer weiterzureichen: For your account and risk. So funktioniert nun mal die Arbeitsteilung der Modern Monetary Theory: Die Notenbanker tragen die Verantwortung – und die Sparer das Risiko.

Ich wünsche Ihnen einen friedvollen Start in die neue Woche. Es grüßt Sie auf das Herzlichste

Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.

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