• Anfang des Jahrtausends war Brasilien auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaftsmacht.
  • Die Boomjahre sind allerdings vorbei, die wirtschaftliche Durststrecke dauert seit beinahe einem Jahrzehnt an.
  • Das Land hat mit reichlich Bodenschätzen und einer effizienten Landwirtschaft eigentlich die besten Voraussetzungen für eine führende Rolle in der Welt.

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Anfang des Jahrtausends war Brasilien auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaftsmacht, konnte vor lauter Kraft kaum laufen. Doch die darauffolgende wirtschaftliche Durststrecke dauert nun schon fast ein Jahrzehnt an. Die Corona-Pandemie und das schlechte politische Krisenmanagement der Regierung von Jair Bolsonaro haben dem Land den Rest gegeben.

Dabei könnte Brasilien ganz anders dastehen. Das ewige "Land der Zukunft", wie es der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig während seines Exils in den 1940er-Jahren schwärmerisch beschrieb, hätte beste Voraussetzungen, eine führende Rolle in der Welt zu spielen: Gesegnet mit Bodenschätzen und einer effizienten Landwirtschaft verfügt das zweitgrößte Land des amerikanischen Kontinents mit seinen knapp 210 Millionen Einwohnern über eine ausdifferenzierte Industrie, einen ausgeprägten Dienstleistungssektor und zugleich einen stattlichen Binnenmarkt.

Korruption ist ein großes Problem

Einen Schwerpunkt der Exporte Brasiliens bilden landwirtschaftliche Rohstoffe. Bei Zuckerrohr, Kaffee und Orangen ist das Land der größte Produzent, bei anderen Produkten wie Soja und Fleisch (überwiegend Rind und Geflügel) rangiert es weit oben in den globalen Top 10. Der Fleischverarbeiter JBS S.A. gilt als das größte Unternehmen weltweit auf diesem Sektor, liefert sein Fleisch und Soja überwiegend nach China, in die USA, nach Nahost und bis in deutsche Discounter.

Das Buchstabenkürzel steht für José Batista Sobrinho Sociedade Anônima. War JBS anfangs in den 1950er-Jahren ein kleiner Schlachtbetrieb aus dem Hinterland von São Paulo, ist er inzwischen ein milliardenschwerer Fleischkonzern, der an der Leitbörse BOVESPA geführt ist.

In die Schlagzeilen geriet das Unternehmen zuletzt, weil es in Verbindung mit Korruptionszahlungen aufgefallen war, die die Batistas an den früheren Präsidenten Michel Temer (2016-2018) geleistet haben sollen. Zudem deckte die Bundespolizei PF im März 2017 einen Gammelfleischskandal auf, der den Fleischexport vorübergehend empfindlich einbrechen ließ.

Negativschlagzeilen machte in den letzten Jahren auch das größte Energieunternehmen Südamerikas, die halbstaatliche Erdölgesellschaft Petrobras. Von 2014 an stießen Ermittler auf ein gewaltiges Korruptionsnetzwerk. Bei der Vergabe von Aufträgen waren Schmiergelder in sogenannten Kickback-Zahlungen in die Taschen von Politikern und Parteien geflossen. "Lava Jato" nannten sich die Ermittlungen, die dutzende Politiker, Minister und sogar Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hinter Gitter brachte.

Selbstgegebene Rolle als "Ernährer der Welt"

Brasilien sieht sich selbst wegen seiner potenten Landwirtschaft gerne als "Ernährer der Welt" - wenn auch auf Kosten des ökologisch wichtigen Amazonas-Regenwalds. Tatsächlich würden die Exporte ausreichen, um rund eine Milliarde Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

Die lang andauernde Wirtschafts- und zuletzt vor allem die Coronakrise führten jedoch dazu, dass in Brasilien der Hunger wieder Einzug hielt. 2014 war das Land offiziell von der Liste der Hungerländer getilgt worden, nachdem die linke Lula-Regierung mit dem Programm "Fome Zero" (Null Hunger) in den zehn Jahren zuvor massiv in die Landwirtschaft investiert hatte. Mit Corona und dem damit verbundenen Anstieg der Arbeitslosenzahl auf über 14 Prozent erlebten diese Bemühungen jedoch einen Rückschlag.

Ebenfalls wichtige Exportgüter sind Bodenschätze, vor allem Eisenerz, Kupfer, Gold (größtenteils von illegalen Klein- und Einzelunternehmern gefördert) und Bauxit. Auf diesem Sektor findet sich mit dem Bergbauunternehmen Vale ebenfalls eines der größten Unternehmen der Welt.

Auch dieses in den 1990er-Jahren vom damaligen Präsidenten Fernando Henrique Cardoso privatisierte frühere Staatsunternehmen machte in den vergangenen Jahren Schlagzeilen, als an Bergbaustandorten am Rio Doce (2015) und Brumadinho (2019) Dämme von Abwasserrückhaltebecken barsten und viele Menschen starben. Auch die Umwelt wurde hochgradig verseucht.

Mangelhafte Infrastruktur macht vieles ineffizient und teuer

Die Korruption ist ein Faktor, weshalb die brasilianische Wirtschaft nicht so richtig auf die Füße kommt. Ein weiteres Hemmnis sieht Philipp Hahn* von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in der maroden Infrastruktur.

Um die Produkte und Rohstoffe effizient durch das riesige Land transportieren zu können, bräuchte es ein engmaschiges Schienennetz. Das gibt es aber praktisch nicht. Im Süden in Paraná gibt es eine kleinere Zugstrecke, ebenso im Bundesstaat Minas Gerais, wo im großen Stil Bauxit abgebaut wird.

"Alles andere läuft aber praktisch auf der Straße", erklärt Hahn. 1,7 Millionen Kilometer Straßen gibt es in Brasilien. Davon sind aber nur knapp 220.000 Kilometer asphaltiert – weniger als in Deutschland, wo es laut Bundesverkehrsministerium knapp 230.000 Kilometer Straßen gibt.

Zudem wirkt auch die Hyperinflation, die bis in die 1990er-Jahre hinein charakteristisch war für die brasilianische Volkswirtschaft, noch heute nach. "Die Finanzierungskosten für Unternehmer lagen bis vor wenigen Jahren noch absurd hoch", sagt Hahn. 2016 und 2017 lag der Leitzins der Zentralbank bei 13 bis 14 Prozent – entsprechend teuer waren Kredite.

Für einen Logistikunternehmer bedeutet das: Anstatt einen Kredit für etwa einen Gabelstapler aufzunehmen, zahlt er lieber einigen Arbeitern einen Mindestlohn, die die Arbeit übernehmen. Das ist zwar weitaus weniger produktiv und relativ schnell auch teurer – aber eben auch berechenbarer.

Informeller Sektor nach wie vor größter Wirtschaftszweig

Billige Arbeitsplätze gibt es mehr als genug, gut 20 Millionen Beschäftigte zählt der informelle Sektor in Brasilien. Das sind Arbeitskräfte, die meist ohne Bildung in Kleinstbetrieben – etwa als Straßenverkäufer – tätig sind. Ihre Zahl ist auch während der Coronakrise wieder angestiegen.

Ebenfalls groß ist die Zahl der schlecht ausgebildeten Angestellten, die oft für den Mindestlohn in Vollzeit arbeiten gehen – für umgerechnet knapp 200 Euro im Monat. Zehn Millionen Menschen geben pro Jahr eine Steuererklärung ab, von fast 210 Millionen Einwohnern. Der Rest gibt keine ab, weil er nur wenig verdient, informell arbeitet oder Steuern hinterzieht.

Zugleich verfügt Brasilien über eine hohe Staatsquote: Rund 70 Prozent des Budgets fließen in die Aufrechterhaltung des Staatsapparats, in Löhne und Pensionen. Für Investitionen bleibt da nicht viel übrig.

Aber es gibt auch positive Aspekte, etwa den Energiesektor. "Brasilien steht im internationalen Maßstab gut da", sagt Hahn. Die Elektrifizierungsquote in dem Flächenland – fast 24-mal so groß wie Deutschland – liegt bei fast 100 Prozent, die Verteilung von Kraftstoffen ist selbst in entlegene Gebiete gewährleistet.

70 Prozent des Stroms stammt aus Wasserkraft – was hierzulande unter erneuerbarer Energie firmieren würde. Im Falle Brasiliens ist sie das nur bedingt. Gigantische Projekte der Vergangenheit wie die Stauseen Itaipu im Dreiländereck mit Paraguay und Argentinien und Belo Monte haben wegen ihrer Größe große ökologische Auswirkungen. Unter Emissionsgesichtspunkten gelten sie jedoch als relativ sauber. "Das ist wie mit der Kernenergie", vergleicht Hahn, "die für das Klima nicht so schädlich ist, aber unter anderen Aspekten fragwürdig."

Bei Wind- und Solarenergie weit vorne

Als "richtig gut" beschreibt Hahn die Entwicklungen in Sachen Wind- und Solarenergie. "Das wird auch sehr unideologisch gehandhabt", sagt er. Auch die Regierung Bolsonaro fördert die Technologien weiter. "Das ist eine Frage der Wirtschaftlichkeit, da muss man nur rechnen können." Vor allem im Nordosten sind die Voraussetzungen für Windenergie gut und die Sonne scheint fast überall.

Auch in Sachen Mobilität ist Brasilien relativ weit. Stichwort hier: Flexmotor. Fast zu 90 Prozent sind brasilianische Autos mit dieser Technologie ausgestattet, die zwar noch fossilen Kraftstoff mitverbrennt. Der größere Teil des Kraftstoffs stammt jedoch weitestgehend aus Ethanol, einem Biokraftstoff, der aus Zuckerrohr gewonnen wird.

Zwar wird für die Herstellung des Ethanols Diesel benötigt, aber die Herstellung ist relativ effizient. Ein Liter Diesel erzeugt zehn Liter Ethanol. "Das ist anders als in den USA, wo Ethanol aus Mais gewonnen wird", so Hahn. "Da ist die Bilanz oft knapp negativ oder nur wenig über dem Verhältnis 1:1." Und anders als für den Exportschlager Soja werden für Zuckerrohr keine Flächen im Amazonasgebiet gerodet.

Für die weitere wirtschaftliche Entwicklung stellt sich aber eine grundlegende Frage. Seit den 1930er-Jahren gibt es in Brasilien, damals unter Präsident Getúlio Vargas, Bemühungen, das Land zu industrialisieren. In Teilen funktionierte das auch.

São Paulo ist, wenn man so will, der größte deutsche Industriestandort außerhalb Deutschlands. "Aber ist das noch zeitgemäß im 21. Jahrhundert, ist das tatsächlich der einzige Weg?", fragt sich nicht nur Philipp Hahn. Brasilien kann bei den Produktionskosten schließlich kaum mit der Konkurrenz aus Asien konkurrieren.

Wind und Sonne hingegen gibt es satt, das Knowhow ist vorhanden und der Energiehunger der Region wird sicher noch weiterwachsen. "Brasilien bietet ideale Voraussetzung für die Herstellung von Wasserstoff", sagt Hahn. Genügend Wasser ist vorhanden, billiger Strom, so man die Möglichkeiten ausschöpft, ebenso. Der Weg in eine bessere Zukunft?

*Über den Experten: Philipp Hahn arbeitet aktuell für die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), war davor aber zehn Jahre bei der Auslandshandelskammer in Rio de Janeiro, zuletzt für den Bereich erneuerbare Energien tätig.

Verwendete Quellen:

  • worldbank.org: Brazil
  • oecd.org: Brazil
  • reuters.com: Brazil's economy at crunch time for recovery, inflation adds to risks
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