Kremlchef Putin und Griechenlands Ministerpräsident Tsipras wollen enger zusammenarbeiten. So heißt es nach dem Treffen in Moskau. Es geht wohl nicht um Kredite für Athen, stattdessen stehen wirtschaftliche Interessen im Mittelpunkt. Die internationale Presse verspottet Tsipras' unverhohlenen Flirt mit Putin. Das schreiben die Zeitungen am Donnerstag:

Neuen Zürcher Zeitung (Schweiz): "Lenin prägte einst einen Begriff für Figuren wie Tsipras: nützliche Idioten. Es liegt im Interesse des Kremls, Europa in der Ukraine-Frage zu spalten. Im Sommer stehen die EU-Sanktionen zur Verlängerung an, und Moskau hofft auf einen innereuropäischen Dissens. Tsipras alleine kann sich nicht querlegen, aber als nützliche Instrumente stehen auch noch Putin-Versteher wie Ungarns Regierungschef Orban oder die französische Populistin Le Pen zur Verfügung. Tsipras meint wohl, er könne mit seiner moskaufreundlichen Politik die europäischen Geldgeber aufschrecken und zu einem nachgiebigen Umgang in der Schuldenkrise bewegen. Je schneller man ihm klarmacht, dass er sich damit auf dem Holzweg befindet, desto besser."

Wieso Deutschland Reparationen an Griechenland zahlen sollte.

Welt Online: "Der russische Präsident Wladimir Putin bemühte sich um die Rolle des guten Gastgebers, als er den griechischen Premierminister Alexis Tsipras im Kreml empfing. (…) Doch bei der gemeinsamen Erklärung sah Putin sichtbar genervt und gelangweilt aus. Immer wieder schaute er an die Decke, während Tsipras redete.

Die Verachtung für den Regierungschef eines hoch verschuldeten Landes, der nicht einmal eine Krawatte trägt, war ihm in die Gesichtszüge geschrieben. Wenn dieses Treffen ein politisches Theater war, spielte Putin den Zaren, und Tsipras musste sich mit der Rolle eines Hofnarren abfinden."

Pravda (Slowakei): "Dass Griechenland die russische Karte ausspielt, sollte keinen der europäischen Politiker überraschen, die Griechenland in die Ecke drängen. Wenn also Martin Schulz (den griechischen Regierungschef Alexis) Tsipras warnt, er solle nicht mit dem Gedanken spielen, die gemeinsame europäische Linie der Sanktionen gegen Russland zu durchbrechen, dann sollte er auch die Umstände überlegen, die Tsipras theoretisch zu so einem Gedankenspiel bringen könnten."

"Er provoziert die Euro-Partner""

Bild-Zeitung: "Alexis Tsipras mag Premier eines EU-Landes sein. Aber ein Europäer ist er nicht! Mit Auftritten und Aussagen wie gestern am Hofe Putin beschleunigt er nur eines: den Niedergang seines eigenen Landes, das Euro-Aus. Er provoziert die Euro-Partner. Führt sein Land aus Europa. Wird das, was in Moskau besprochen wurde, Realität, wird aus Griechenland ein Vorhof Moskaus für den Balkan, ein Wasch- und Parkplatz für das Geld der Kreml-Mafia. Erpressbar mit jeder Zitronen-Lieferung gen Russland. Tsipras rettet so seine Griechen nicht vor Armut, Euro-Krise und Staats-Bankrott. Er verkauft sein Volk zusammen mit den europäischen Werten: Statt der griechischen Kleptokraten werden dann russische Oligarchen abkassieren. Putin verspricht Geschäfte für übermorgen - für die Zeit NACH dem Grexit. Gegen die drohende Pleite HEUTE hilft das den gebeutelten Griechen nicht. Tsipras verzockt sich."

Mannheimer Morgen: Tsipras will der Europäischen Union zeigen, dass er sich auch anderswo Hilfe holen kann. Putin umgarnt ein EU-Mitglied, das ihm vielleicht dabei dienlich sein kann, die im Zuge des Ukraine-Konflikts verhängten westlichen Sanktionen aufzuweichen. Wirtschaft bedeutet hier Politik, obwohl von Letzterer offiziell keine Rede ist. Wer einen Sonderweg einschlägt, um etwa das russische Embargo von griechischem Obst zu lockern, biedert sich geradezu an, um sich aus dem einheitlichen EU-Block gegen Putins Ukraine-Politik herauslösen zu lassen.

Trierischer Volksfreund: "Vereinbart wurde nichts, was Brüssel derzeit wirklich extrem erzürnen müsste. Wenn Russland für Griechenland das Embargo gegenüber EU-Agrarprodukten lockern will, dann mag das der griechischen Wirtschaft kurzfristig helfen und ein Ärgernis für deutsche Bauern sein. Aber damit sind die gigantischen Probleme Athens noch längst nicht beseitigt. Die von Russland übrigens auch nicht. Und vieles steht nur auf dem Papier, wie die Pläne im Energiebereich, die Pipeline- und Gasvorhaben. Die Umsetzung wird dauern. (...)"

"Gäbe es Putin nicht, man müsste ihn erfinden"

Neue Osnabrücker Zeitung: "Wer sich über den Besuch des griechischen Premiers in Moskau mokiert, hat eine ziemlich zentrierte Sicht. Beide Länder verbindet der orthodoxe Glaube; das größte Kloster auf dem Berg Athos ist russisch. Nach Antrittsvisiten in Westeuropa nach Russland zu reisen muss für Alexis Tsipras schon deshalb eine Selbstverständlichkeit sein dürfen. Das Recht auf Verhandlungen in Russland darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Athen glühende Ideologen am Werk sind. Ein Politikstil, der den Brüsseler Kompromissmeistern oder den bis zur Unkenntlichkeit pragmatischen deutschen Regierungsparteien fremd geworden ist. Nach Bürgerkriegen und Militärdiktatur war der Weg in die EU für die Griechen in der Tat keineswegs vorgezeichnet. Der Verbleib darin ist es allerdings auch nicht."

Sächsische Zeitung: "Theoretisch hat die EU recht, wenn sie die Griechen davor warnt, aus der gemeinsam beschlossenen Linie gegenüber Moskau auszuscheren und stattdessen dem russischen Bären ein bisschen griechischen Honig ums Maul zu schmieren. Die Herren in Brüssel wiederum übersehen dabei aber gern, dass just der von ihnen aufgezwungene Sparkurs Athen dazu treibt, sich auch anderweitig nach Rettern und Investoren umzusehen. Letztere nämlich bietet die EU nicht. Sie lässt jetzt nur an einer linken Athener Regierung all das aus, was sie deren konservativeren Vorgängern jahrzehntelang sehenden Auges durchgehen ließ."

Die Presse: "Gäbe es Wladimir Putin nicht, man müsste ihn glatt erfinden. Im Interesse Europas nämlich. Kein Zweiter hat uns im Lauf der Jahre so unverblümt auf unsere Schwächen hingewiesen. Nicht, weil er das so wollte. Und schon gar nicht, weil er selbst so toll wäre, wie er wahrscheinlich glaubt. Aber weil er so dreist ist, in jede kleinste Ritze im Gefüge seines Gegenübers zu kriechen, um das Gefüge zu sprengen. (...) Dass die EU den griechischen Regierungschef, Alexis Tsipras, anlässlich seines Moskau-Besuchs vor einem Ausscheren aus der Sanktionenpolitik gewarnt hat, ist recht und billig. Im Übrigen aber könnte man gelassener sein, wie auch der Russland-Beauftragte der deutschen Regierung, Gernot Erler, meint. Denn es werde in Moskau wohl um Gas- und Ölpreise für Griechenland oder etwa die Zulassung griechischer Obstimporte gehen – was wenig problematisch sei. Genau das hat Putin Tsipras dann auch in Aussicht gestellt."