Die Lage ist ernst wie nie: Athen droht in wenigen Tagen die Staatspleite - sollte sich die Regierung nicht mit seinen Gläubigern einigen. Im nächsten Akt des Griechenland-Dramas treffen sich daher die EU-Staatschefs zu einem Sondergipfel. Wie stehen die Chancen, Athen zu retten? Was sind die Knackpunkte im Schulden-Streit? Die wichtigsten Fakten zum Treffen der EU-Staatschefs an diesem Montag im Überblick.

  • Warum gibt es einen Gipfel und worum geht es?

Die Lage Griechenlands ist prekär. Das Hilfsprogramm läuft Ende Juni auf europäischer Seite aus. Dann muss das Land seine fälligen Raten an den IWF begleichen. Es handelt sich dabei um zirka 1,54 Milliarden Euro. Fraglich ist, ob Griechenland diesen Betrag überhaupt auftreiben kann. Wenn bis Dienstag keine Einigung über die Auszahlung von Hilfsgeldern in Höhe von 7,2 Milliarden Euro erzielt wird, droht dem Land die Staatspleite.

Streitpunkt in den Verhandlungen ist seit Monaten, welche Einsparungen und Reformen Athen umsetzen muss. Knackpunkt ist vor allem die Rentenreform. "Wir glauben, dass die Renten reformiert werden müssen. Jeder weiß das, die griechischen Behörden wissen das", sagte IWF-Chefin Christine Lagarde in Luxemburg.

Vor der befürchteten Staatspleite Griechenlands betont Kanzlerin Angela Merkel, dass eine Einigung immer noch möglich sei. Doch das Grexit-Szenario wird immer konkreter, während die Gegner weiterer Hilfen für Athen immer mehr die Oberhand gewinnen. Wie stehen verschiedene Politiker, Ökonomen und Experten zum Grexit?

  • Wer kommt zum Gipfel und wann beginnt das Treffen?

In der zugespitzten Griechenland-Krise müssen nun Bundeskanzlerin Angela Merkel und die übrigen Staats- und Regierungschefs der Euroländer entscheiden. EU-Ratspräsident Donald Tusk berief das Sondertreffen der "Chefs" für diesen Montag in Brüssel ein. "Es ist Zeit, dringend über die Lage in Griechenland auf höchster politischer Ebene zu sprechen", erklärte Tusk. Gemeinsam mit Spitzenvertretern der Geldgeberinstitutionen Internationaler Währungsfonds (IWF), Europäische Zentralbank (EZB) und EU-Kommission wollen sie in Brüssel über die dramatische Lage beraten. Teilnehmen soll auch der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jeroen Dijsselbloem.

  • Wie wird der Gipfel-Tag ablaufen?

Alexis Tsipras soll nach Angaben seines Büros schon am Sonntagabend nach Brüssel gereist sein. Vor dem Gipfel will er sich offenbar mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, dem Chef der Eurogruppe Jeroen Dijsselbloem, EZB-Chef Mario Draghi und IWF-Chefin Christine Lagarde zusammensetzen. Bis 12:30 Uhr muss Athen neue Vorschläge vorlegen. Denn zu diesem Zeitpunkt werden die 19 Euro-Finanzminister zusammenkommen. Dabei dürften auch Notfallszenarien wie Kontrollen des freien Kapitalverkehrs oder eine Staatspleite zur Sprache kommen, meinen Diplomaten. Am Abend (19:00 Uhr) kommen die Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten zusammen.

  • Ist eine Einigung mit Griechenland überhaupt noch möglich?

"Es ist immer noch möglich, eine Abmachung zu haben", sagte Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem. "Es bleibt nur noch wenig Zeit übrig." Ähnlich äußerte sich auch Angela Merkel. "Ich bin unverändert davon überzeugt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg", sagte die Kanzlerin in einer Regierungserklärung im Bundestag. "Die Bemühungen Deutschlands sind darauf gerichtet, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt", betonte die CDU-Vorsitzende. Sie machte aber indirekt auch deutlich, dass Europa einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone verkraften würde.

  • Gibt es Annäherungen zwischen Athen und den Gläubigern?

Unmittelbar vor dem Sondergipfel der Eurozone hat die EU-Kommission neue Vorschläge Griechenlands zur Lösung der Schuldenkrise erhalten - und begrüßt. Sie seien eine gute Basis für Fortschritt, schrieb der Kabinettschef von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Martin Selmayr, in der Nacht auf Montag bei Twitter. Neben Juncker hätten auch die Europäische Zentralbank (EZB) und die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, die Vorschläge erhalten. Selmayr fügte in dem Tweet an: "In German: 'eine Zangengeburt'".

Aus Athen hatte es am Sonntag geheißen, Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras habe Vorschläge für eine "endgültige Lösung" der Krise vorgelegt. Wie die griechische Presse am Montag berichtete, sei Athen nun bereit, die Mehrwertsteuer im Bereich Tourismus zu erhöhen, die meisten Frührenten abzuschaffen und die Reichen des Landes mit einen Sondersteuer zu belegen. "Athen weicht von seinen Roten Linien zurück", titelt die Athener Zeitung "Ta Nea". Das Blatt sieht das "Ende der Frührenten".

Tsipras hatte am Sonntag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), dem französischen Präsidenten François Hollande sowie mit EU-Kommissionspräsident Juncker telefoniert.

  • Was passiert, wenn es keine Einigung gibt?

Am 30. Juni läuft das schon zweimal verlängerte Hilfsprogramm für Athen aus. Ohne Einigung droht Griechenland der Staatsbankrott. Der Internationale Währungsfonds (IWF) lehnt eine weitere Stundung für Griechenland ab. Er besteht darauf, dass Athen die gebündelten Juni-Raten von rund 1,54 Milliarden Euro pünktlich am Monatsende an den IWF zurückzahlt. "Es gibt keine Gnadenfrist von einem oder zwei Monaten", sagte IWF-Chefin Christine Lagarde in Luxemburg.

  • Gibt es Vorbereitungen für eine Staatspleite in Athen?

Unter den Mitgliedstaaten werden Notfallszenarien wie eine Staatspleite oder ein Austritt Griechenlands (Grexit) aus dem Eurogebiet debattiert. Das Problem dabei ist, dass es keinen Musterfall gibt. In den EU-Verträgen ist ein Austritt aus dem gemeinsamen Währungsgebiet nicht vorgesehen. EU-Währungskommissar Pierre Moscovici sagt: "Unser Szenario ist: Griechenland bleibt mit Reformen im Euroraum." (far/dpa)