Die Kanzlerin im Dauerstress: Jede Woche klappert Angela Merkel mehrere Dutzend Termine ab – in der Griechenland-Krise sogar noch mehr. Aber wie sieht eigentlich so ein typischer Arbeitstag der Kanzlerin aus? Und bleibt da überhaupt noch Zeit für Entspannung und Urlaub?

Ausgerechnet jetzt diese Termine. Am Mittwoch bricht Angela Merkel zu einer zweitägigen Reise nach Albanien, Serbien und Bosnien-Herzegowina auf. Die Nachfolgestaaten Jugoslawiens im Westbalkan hoffen schon länger auf einen Betritt zur Europäischen Union. Apropos EU: Man könnte sich durchaus einen besseren Zeitpunkt für Staatsbesuche und Gespräche über die europäische Einheit vorstellen als den Höhepunkt der Griechenland-Krise, der gar in einem Grexit enden könnte. Während die Kanzlerin also durch den Balkan tourt, wird in Brüssel wegen des griechischen Sorgenkinds fast rund um die Uhr verhandelt.

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Aber Termine sind nun mal Termine. Was lange geplant ist, lässt sich nicht einfach verschieben. Und für Merkel ist viel geplant – immer. Der Kalender der Kanzlerin ist minutiös durchgetaktet. Gerade in Krisen-Wochen heißt es da nicht selten: Merkel im Dauerstress. Morgens im Bundestag, mittags Telefonate und abends zur Euro-Rettung nach Brüssel. Und zwischendrin auch mal eine Vorlesestunde für Kinder in ihrem Wahlkreis Stralsund wie vor zwei Wochen.

Dabei kann selbst die Kanzlerin unmöglich an mehreren Orten gleichzeitig sein. Wie also macht sie das? Wie sieht ein typischer Arbeitstag im Leben der Angela Merkel aus?

Hunderte Mitarbeiter unterstützen Merkel im Hintergrund

Merkels Team führt auf ihrer Internetseite einen Kalender, der einen kurzen Überblick über ihre Termine gibt. Doch bei so vielen Jahren als Kanzlerin ist inzwischen weit mehr bekannt als die wenigen Zeilen im Netz vermuten lassen. Seit 2005 regiert Merkel das Land. In dieser Zeit hat sie eine Reihe von Interviews und eine schier endlose Zahl an Reisen absolviert, die einen Einblick in ihre Arbeit gewähren.

Ein typischer Arbeitstag beginnt zwischen 6.00 und 6.30 Uhr. Jeden Morgen mache sie ihrem Mann das Frühstück, hat Merkel einmal erzählt – damit Joachim Sauer gestärkt das Haus verlassen könne. Mit ihrem Dienstwagen, einem gepanzerten Audi A8 samt Chauffeur, geht es danach ins Kanzleramt. Ihr 140 Quadratmeter großes Büro liegt im siebten Stock, dort haben ihre Mitarbeiter seit den frühen Morgenstunden schon alles vorbereitet: Jeden Tag bringen mehrere Mappen die Kanzlerin auf den neuesten Stand, was Nachrichten und Pressestimmen anbelangt. Danach folgt eine weitere tägliche Konstante: Die Morgenlage um 8.30 Uhr, bei der sich Merkel mit ihren engsten Vertrauten wie ihrer Büroleiterin Beate Baumann oder Regierungssprecher Steffen Seibert bespricht.

Das Ergebnis des griechischen Referendums hat die Frage, wie es mit Hellas weitergeht, nicht leichter gemacht. Trotzdem könnte sich die Krise auch als Chance erweisen – für mehr Integration.

Noch zwei weitere Termine gibt es, die gesetzt sind: Jeden Dienstag unterrichten die deutschen Geheimdienste die Kanzlerin über die Sicherheitslage in der ganzen Welt. Und jeden Mittwoch tagt das Kabinett. Dort beschließen die Minister die nächsten Vorhaben der Bundesregierung – schließlich kann auch eine Kanzlerin nicht alleine regieren.

Überhaupt die Mitarbeiter: Ohne sie wäre Merkel aufgeschmissen. Etwa 590 Menschen arbeiten im Berliner Kanzleramt – darunter sogar eine eigene Stylistin für Merkel –, aufgeteilt auf sieben Abteilungen und diverse Referate: Experten für alles, die Informationen beschaffen und zusammenfassen, Reden schreiben, Termine filtern und sortieren.

Jede freie Minute wird zum Arbeiten genutzt

Dazu gehören etwa die Staatsbesuche, die häufig zur Mittagszeit bei einem "Arbeitsessen" stattfinden. Am Mittwoch vergangener Woche war zum Beispiel der italienische Ministerpräsidenten Matteo Renzi im Kanzleramt zu Gast. Hinzu kommen Besuche bei Unternehmen, Gespräche mit der Presse oder Podiumsdiskussionen. Pro Woche schafft Merkel so durchschnittlich 40 Termine. Erst im Februar reiste sie wegen der Ukraine-Krise innerhalb einer Woche rund 20.000 Kilometer.

Wenn die Kanzlerin nicht gerade in ihrem Regierungsflieger "Konrad Adenauer" unterwegs ist, nutzt sie ihr gepanzertes Auto, bei größeren Entfernungen einen Hubschrauber. Während der Reisezeit heißt es: Bloß keine Minute verschenken! Wann immer es geht, sichtet Merkel Unterlagen, holt Informationen ein, telefoniert, delegiert und trifft Entscheidungen – jeden Tag schickt sie Dutzende SMS.

Denn als Staatschefin muss sie stets gut vorbereitet sein. Wenn sie derzeit den Westbalkan besucht, stehen unter anderem auf dem Programm: Treffen mit Präsidenten und Premiers, Besuch des Tirana Business Parks und eine Rede beim Deutsch-Albanischen Wirtschaftskonferenz. Die ganzen kleinen Gesprächsrunden und Pressetermine sind da noch gar nicht mitgezählt. Und das alles innerhalb von zwei Tagen.

Fußball und Wandern zur Erholung

Wie also schafft Merkel das, bei einem derart gefüllten Kalender oft immer noch munter zu wirken? Gerade in der Griechenland-Krise dieser Tage kommt sie bei all den Gipfeln und nächtlichen Sondersitzung manchmal auf nicht einmal vier Stunden Schlaf. Reicht ihr das? Auf einem Podium hat Merkel das einmal verneint. Ihre Antwort: "Ich habe gewisse kamelartige Fähigkeiten. Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken." Normal seien für sie eigentlich sechs bis sieben Stunden pro Nacht – aber eben nur, wenn es denn mit Feierabend zwischen 22 und 24 Uhr klappt.

Die Nachtruhe ist das eine, aber wie sieht es mit Freizeit aus? Hat man die als Kanzlerin überhaupt? Im Interview mit der Zeitschrift "myself" sprach Merkel bereits über ihre Fußball-Leidenschaft: "Ich sitze nicht jeden Samstag vor der Sportschau. Aber wenn ich kann, verfolge ich entweder den Liveticker oder höre die Konferenzschaltungen im Radio." Nur ihr Mann könne damit leider nichts anfangen.

Mit dem fährt sie dafür jedes Jahr in den Urlaub – zuletzt ging es Anfang April über Ostern auf die italienische Insel Ischia. Ein anderes beliebtes Ziel der beiden ist Südtirol – "es ist herrlich, früh wandern zu gehen, dann ein bisschen erschöpft zu sein und sich auszuruhen", erzählte Merkel einmal. Immer vorausgesetzt natürlich, das Handy klingelt nicht zwischendurch. Denn wenn es in Europa gerade wieder kriselt, kann der Urlaub ganz schnell vorbei sein. Eine Kanzlerin ist schließlich immer im Dienst.