Vom kaum zitierten Wirtschaftsökonomen zum Finanzminister eines Krisenstaates: Gianis Varoufakis' Aufstieg verlief so schnell wie sein Fall. Das inzwischen zurückgetretene Kabinettsmitglied der griechischen Regierung könnte womöglich vor Gericht gestellt werden.

Experten gaben ihm allenfalls bis zum Sommer. Doch die Karriere von Gianis Varoufakis endete noch früher. "Spätestens im August wird er ihn loswerden wollen. Denn die Einigung wird nicht gerade populär bei der griechischen Bevölkerung werden", hatte Dimitris Papadimitriou von der Universität Manchester im Frühjahr prophezeit. Stattdessen dankte Varoufakis unmittelbar nach dem Referendum über das Sparprogramm der europäischen Geldgeber für Griechenland am 5. Juli ab. Ein Schritt, zu dem der ehemalige griechische Finanzminister "wohl eher aufgefordert" worden war, vermutet Politikwissenschaftler Matthias Kullas vom Centrum für Europäische Politik (cep) in Freiburg. Denn ein drittes Hilfspaket hätte mit ihm wohl niemand aushandeln wollen, glaubt der Experte. Stattdessen droht Varoufakis nun eine Anklage der Staatsanwaltschaft wegen Hochverrats. Darüber spekuliert derzeit zumindest die griechische Presse.

Kaum zu glauben, welche Interna Varoufakis so ausplaudert.

Denn mit seinem Plan, gemeinsam mit einem Hacker eine Parallelwährung einzurichten und damit einen Grexit, also einen Ausstieg Griechenlands aus der Gemeinschaftswährung einzuleiten, hat Varoufakis das Interesse der griechischen Justiz geweckt. Das entsprechende Beweismaterial soll einem vorläufigen Untersuchungsausschuss des griechischen Parlaments bereits überstellt worden sein. Dieser soll darüber entscheiden, ob dazu ein parlamentarisches Gremium gebildet werden soll. Dieses könnte dann die Immunität Varoufakis' aufheben, die er als Mitglied der Volksvertretung noch immer genießt. Erst dann wäre ein Prozess möglich, der sich über ein ganzes Jahr hinziehen könnte.

In seinem Blog reagiert der 53-jährige Grieche mit australischen Wurzeln in gewohnter Manier: Die Vorwürfe seien ein Versuch der griechischen "troika-freundlichen Oligarchen", seine fünfmonatigen Verhandlungen als "Abweichung, Fehler, Verbrechen" zu diffamieren.

Seine Rhetorik war es auch, der er sowohl seinen schnellen Aufstieg als auch seinen schnellen Fall zu verdanken hat. "Er kann sich gut darstellen", erklärt Experte Kullas. Man hat ihn ins Kabinett geholt, weil ihm zugetraut wurde, als "jemand mit einer gewissen akademischen Glaubwürdigkeit" die Standpunkte Griechenlands vermitteln zu können, meint der griechische Politikwissenschaftler Papadimitriou. Doch bereits im April hatte sich Ministerpräsident Alexis Tsipras eingestehen müssen, dass sein Finanzminister bei den Amtskollegen eher für ein "negatives Klima" gesorgt hat - und ihm deshalb zwei neue Unterhändler zur Seite gestellt. Varoufakis blieb aber zunächst im Amt.

Gianis Varoufakis beging zahlreiche Fehler

"Er hat viele Fehler gemacht - und nach und nach alle, mit denen er auf internationaler Ebene zu tun hatte, verärgert", fasst Kullas zusammen. Kaum war die neue Regierung im Amt, reiste Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach Athen, um eine gemeinsame Arbeitsgrundlage auszuloten. Stattdessen beging Varoufakis seinen ersten großen Fehler: Er verkündete in der gemeinsamen Pressekonferenz, ohne dies vorher mit den Vertretern der Geldgeber oder dem anwesenden niederländischen Finanzminister zu besprechen, das Ende der Zusammenarbeit mit der Troika. Die Vertreter der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und des Internationalen Währungsfonds mussten abreisen. Es war ein politischer Affront.

Weitere folgten vor allem in Form zahlreicher Interviews - ob "Corriere della Sera" oder die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "The New York Times" oder die "Financial Times" - in seiner kurzen Amtszeit hat Varoufakis eine regelrechte Medientour hinter sich gebracht, die dazu führte, "dass die eigenen Parteimitglieder aufgehört haben, alles zu lesen", sagt Kullas. Neben der Vielzahl der Pressegespräche fiel der Wirtschaftsökonom immer wieder wegen seiner widersprüchlichen Aussagen auf. Und wegen seiner Polemik.

Der Vergleich des Umgangs Europas mit Griechenland mit "finanziellem Waterboarding nach dem Vorbild der Foltermethoden der CIA" ist nur eines von vielen Beispielen.

Das Vertrauen seiner Amtskollegen hat Varoufakis aber wohl mit der heimlichen Aufzeichnung einer Eurogruppensitzung verspielt, die er anschließend als Protokoll auf seinem Blog veröffentlichte. "Damit gab es keine Basis für weitere Verhandlungen mehr", sagt Kullas. "Er war nicht mehr tragbar." Zuvor hatte der Wirtschaftsprofessor, der unter anderem in Sydney und Athen unterrichtet hatte, sich bereits wegen seiner mangelnden Vorbereitung für die gemeinsamen Sitzungen der Eurofinanzminister deren Ärger zugezogen. Zudem soll sich Varoufakis regelmäßig verspätet haben - wegen Interviews.

Gianis Varoufakis erfüllt die Erwartungen von Alexis Tsipras nicht

Tsipras hatte den provokanten Ökonomen, der kein Mitglied der Syriza-Partei ist, ins Kabinett geholt, weil er sich von ihm erhoffte, er könnte den internationalen Geldgebern den griechischen Standpunkt besser vermitteln. Stattdessen hat Varoufakis die Verhandlungen gefährdet - und seinen Teil dazu beigetragen, dass die Gespräche beinahe gescheitert wären. "Er war eine Art Waffe", mit der die Athener Regierung ihre Position verteidigen wollte, meinte Politikexperte Papadimitriou.

Womöglich hätte er sich als solche behaupten können, wenn er eine "gewisse politische Etikette" gewahrt hätte, vermutet cep-Wissenschaftler Kullas. Aber dafür hätte er "respektvoll mit anderen umgehen" und sich an die Brüsseler "Gepflogenheiten" halten müssen. Politische Entscheidungen erst in Pressekonferenzen zu verkünden, passt dazu ebenso wenig wie der Mitschnitt geheimer Verhandlungen. Während Varoufakis praktisch immer für Interviews zur Verfügung stand, ließ er Zweifel aufkommen, wann er Zeit für sein eigentliches Amt hatte.

Jetzt sitzt er als einfacher Abgeordneter im Parlament. Die erste Reformrunde, die Voraussetzung für die Aufnahme von Gesprächen über ein drittes Hilfspaket waren, hat er abgelehnt. Lieber würde er sich "den rechten Arm" abhacken als zuzusehen, wie seinem Land weitere Sparauflagen aufgebürdet würden, meinte er. In der vergangenen Woche wurde die zweite Runde der Reformen verabschiedet. Varoufakis stimmte zu.