Etwa drei Monate ist die Links-Rechts-Regierung unter Ministerpräsident Alexis Tsipras nun im Amt. Die Prognosen für Hellas stehen schlechter denn je. Ein Personalwechsel soll nun die Kehrtwende in den Verhandlungen mit den internationalen Geldgebern bringen. Doch wer sind die Männer, denen Ministerpräsident Alexis Tsipras nun nach Brüssel schickt?

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Kompetent, bescheiden, vor allem aber verbindlich. Eigenschaften, mit denen sich Griechenlands Finanzminister Gianis Varoufakis kaum rühmen kann. Jetzt sollen zwei neue Gesichter das Ruder herumreißen und endlich eine Einigung in den seit Monaten andauernden Verhandlungen mit den europäischen Geldgebern erzielen: Giorgos Houliarakis wird Varoufakis rechte Hand, Nikos Theocharakis, als Unterhändler in der Brüsseler Gruppe, die die technischen Gespräche führt, ablösen. Euklides Tsakalotos soll die Verhandlungen koordinieren und die Gespräche in der Eurogruppe leiten. Dass Ministerpräsident Alexis Tsipras gerade sie ausgewählt hat, ist nicht verwunderlich.

Beide sind wie Varoufakis Wirtschaftsprofessoren, die in England ausgebildet wurden. Beide gehören schon jetzt der Regierung an, spielten bislang aber eine untergeordnete Rolle. Das soll sich nun ändern. Varoufakis wurde teilentmachtet und "auf die Ersatzbank verbannt", sagt Dimitris Papadimitriou, Professor für Politik an der Universität Manchester, diesem Portal. Zwar ist der Ökonom immer noch Finanzminister, doch selbst Tsipras musste eingestehen, dass mit Varoufakis ein "negatives Klima" entstanden sei und seine Amtskollegen in der Eurogruppe inzwischen nicht mehr mit ihm zu verhandeln bereit sind. "Es gab ja immer wieder Beschwerden, dass Varoufakis zu arrogant und aggressiv war", erklärt Papadimitriou. Zudem habe der Finanzminister nicht gerade mit Organisationstalent geglänzt.

Tsipras entmachtet seinen umstrittenen Finanzminister Varoufakis.

Mit Tsakalotos und Houliarakis wolle Regierungschef Tsipras "in den Verhandlungen wieder Geschwindigkeit aufnehmen und eine Lösung des Konflikts erreichen", meint der Politikwissenschaftler. Tsakalotos, der bisherige Vize-Außenminister, gehört anders als Varoufakis, der kein Parteimitglied von Syriza war, als er seinen Posten antrat, der Parteiführung des Linksbündnisses an. Schon deshalb dürfte sich der Ökonom eng mit dem Regierungschef Alexis Tsipras abstimmen, der immer wieder von den Alleingängen seines Finanzministers Varoufakis eingeholt wurde. Der im niederländischen Rotterdam geborene Grieche studierte und lehrte in Sussex und Oxford Volkswirtschaft und Philosophie und verfügt über hervorragende Englischkenntnisse.
"Tsakalotos ist jemand, der sich selbst als Marxist beschreibt", sagt Papadimitriou. Eine Kursänderung der von dem linken Parteibündnis Syriza dominierten Regierungskoalition sei also kaum zu erwarten, warnt der Griechenlandexperte. Dennoch sei er "der bessere Unterhändler", meint der Politikwissenschaftler. Tsakalotos sei ein Pragmatiker, dem er zutraue, die notwendigen Reformen im Parlament durchsetzen zu können.

Varoufakis war innerparteilich nicht beliebt

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Zudem dürfte er parteiintern für ein besseres Klima sorgen. Varoufakis genießt zwar trotz gefallener Popularitätswerte immer noch große Unterstützung in der Bevölkerung. In dem Parteibündnis war er aber nie besonders beliebt, sagt Griechenlandexperte Papadimitriou. "Es hieß immer wieder: Er ist keiner von uns", beschreibt Papadimitriou das Klima. "Er ist ihnen zu kosmopolitisch, sein Celebrity-Status ärgerte viele von ihnen." Mit diversen Interviews und einer Homestory für die Klatschpresse, in der sich Varoufakis beim Lesen seiner eigenen Bücher fotografieren ließ, gilt der Mann, der im Athener Luxusviertel unterhalb der Akropolis lebt, nicht nur bei seinen Landsleuten als abgehoben.

Innerhalb der Partei wurde Varoufakis zudem immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, er sei ein schwacher Koordinator, ein schlechter Verwalter. "Beides sind essenzielle Eigenschaften in der derzeitigen Situation", betont Papadimitriou, die Varoufakis missen ließ. Dies zeigte sich auch immer wieder in den Verhandlungen mit der Eurogruppe und in der Brüsseler Gruppe, in der die Finanzexperten der Institutionen (EU-Kommission, Europäische Zentralbank und Internationaler Währungsfonds) mit den griechischen Unterhändlern an Reformen feilen.
Anders Tsakalotos. "Er wird nicht nur besser im Umgang mit den Parteimitgliedern sein, sondern auch ein bodenständigerer und besserer Koordinator der Regierungsangelegenheiten", meint Papadimitriou. Als Akademiker sei er "sehr angesehen", menschlich gilt er als bescheiden.

Weniger erfahren, aber deshalb nicht minder angesehen ist Giorgos Houliarakis. An der Universität von Manchester, an der Politikexperte Papadimitriou lehrt, war Houliarakis noch ein "Juniorakademiker". "Er hat nicht besonders viel Erfahrung, aber in den bisherigen Verhandlungen wurde er sehr geschätzt", meint sein ehemaliger Kollege. "Er ist einer der wenigen Leute, die zur Feder griffen", so Papadimitriou. Varoufakis habe nie konkretisiert, was er meinte. Stattdessen hielt er immer wieder akademische Vorträge – zum Leidwesen seiner Verhandlungspartner.

Houliarakis hingegen sei ein Technokrat, ein "Rechenfreak". Dass er in den bisherigen Verhandlungen nur ab und an in Erscheinung trat, etwa als Chef der Wirtschaftsbeirats, hatte vor allem mit seinem strengen politischen Mandat zu tun. Mit den Gläubigern durfte der Wirtschaftsexperte nur auf Geheiß oder mit Zustimmung von Varoufakis sprechen. "Jetzt wird er eine größere Rolle spielen", meint Papadimitriou.
Beide seien für die Brüsseler Unterhändler "wohl eine Erleichterung", schätzt er. Dennoch hielt sich die Euphorie dort bislang in Grenzen. Man ist skeptisch, ob mit den neuen Verhandlungsführern eine Kehrtwende gelingen kann. Bereits am Montag legten die neuen Kollegen erstmals einen Entwurf für ein Reformgesetz vor. Von einem Durchbruch kann aber wohl vorerst keine Rede sein. Dafür habe es "bei weitem nicht gereicht", lautete das Fazit der Telefonkonferenz.

Dass Varoufakis nach seiner Teilentmachtung der Verlust seiner Position als Finanzminister droht, hält Papadimitriou dennoch für unwahrscheinlich. "Er wird ihn nicht loswerden - noch nicht. Es wäre zum Schaden von Tsipras gewesen, hätte er Varoufakis mitten in den Verhandlungen abgesägt", begründet der Experte seine Einschätzung. Außerdem, glaubt Papadimitriou, braucht der Regierungschef den Ökonomen noch. "Trotz seiner exzentrischen Art ist er einer der wenigen innerhalb der Partei, die das System verstehen und Griechenlands Nöte artikulieren können", meint er. Wenn die Verhandlungen über den Abschluss des zweiten Hilfspakets und die im Juni folgenden Gespräche über weitere Hilfen abgeschlossen sind, schätzt Papadimitriou, könnte die Stunde für Varoufakis geschlagen haben.