• Die Ampel-Koalition will Deutschland unabhängiger von russischen Energielieferungen machen, auch ein Boykott von russischem Erdgas wird immer wieder diskutiert.
  • Die Industrie warnt vor Millionenschäden und fürchtet eine Wirtschaftstriage.
  • Was könnte im Notfall abgeschaltet werden? Energie-Experte Hans-Wilhelm Schiffer gibt Antworten.
Ein Faktencheck

Es wäre ein scharfes Schwert in der Sanktionspolitik gegen Russland, doch deutsche Firmen warnten zuletzt immer wieder davor, es zu ziehen: Ein Stopp russischer Gas-Importe nach Deutschland. Während die EU-Staaten bereits entschieden haben, keine Kohle aus Russland mehr in die EU einzuführen und auch ein Öl-Embargo immer wahrscheinlicher wird, stehen die Zeichen bei einem Gas-Stopp noch auf Zögern.

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Die Energie-Expertin Lamia Messari-Becker, die die Bundesregierung berät, warnte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP vor verheerenden Folgen im Fall eines Gaslieferstopps aus Russland. Eine "Wirtschaftstriage" müsse mit allen Mitteln verhindert werden – also ein Szenario, bei dem im Falle von Engpässen bestimmte Firmen bevorzugt mit Gas versorgt würden.

Konzerne warnen vor Boykott

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte am 30. März den Gas-Notfallplan ausgerufen. In der höchsten Stufe des Plans würde eine Priorisierung der Energiereserven greifen. Deutsche Firmen blicken beunruhigt auf diese Entwicklungen.

"Ohne Erdgas keine Produktion von Stahl", sagte ein Sprecher des Stahlkonzerns Salzgitter der Nachrichtenagentur AFP. Der Politik müsse klar sein, dass von der Produktion wiederum die Energieversorgung und die Energiewende abhingen. Weitere Konzerne warnten vor dem Boykott von Energie aus Russland.

Versäumnis der Industrie?

BASF-Chef Martin Brudermüller wähnte im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" in diesem Fall die "schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg" für die deutsche Wirtschaft. Glashersteller Wiegand sprach von einem "Millionenschaden", sollte der Gasstrom von heute auf morgen einfach versiegen. Denn dann würde das Glas kalt und härte aus, berichtet die Nachrichtenagentur AFP.

Ist all das Panikmache? Hat die Industrie verschlafen und es versäumt, selbst nach Alternativen zu suchen? "Einen solchen Krieg hat kaum jemand in Deutschland für vorstellbar gehalten. Daher haben sich Notfallpläne eher auf regionale Krisenlagen bezogen, nicht aber auf einen derartigen jetzt denkbaren Ausfall in einer Größenordnung der Hälfte der Gaslieferungen des letzten Jahres", sagt Energie-Experte Hans-Wilhelm Schiffer unserer Redaktion. Er sieht deshalb kein Versäumnis der Industrie.

Experte sieht "starke ökonomische Belastungsprobe"

"Lieferbeschränkungen zu Lasten der Industrie würden eine starke ökonomische Belastungsprobe darstellen", ist sich der Experte sicher. 37 Prozent des gesamten Erdgasverbrauchs in Deutschland entfallen auf die Industrie. Für Panik sieht Schiffer dennoch keinen Grund.

"Die Erdgasspeicher in Deutschland füllen sich bereits wieder und der Anteil der Lieferungen aus Russland konnte inzwischen deutlich gesenkt werden", beruhigt Schiffer. Bemühungen für Flüssiggasterminals schritten voran, Pipeline-Importe aus Norwegen und aus den Niederlanden ließen sich vergrößern und private Verbraucher könnten den Erdgasverbrauch maßgeblich reduzieren.

Private Haushalte sind geschützt

Doch Schiffer weiß auch: "Private Haushalte sind nach gegenwärtig gültiger Rechtslage – ebenso wie etwa Krankenhäuser oder Pflegeheime – besonders geschützte Kunden. Die Industrie gehört nicht dazu."

Wie im Falle einer Mangellage damit umzugehen sei, müsse die Politik entscheiden. "Nicht adäquat wäre es, eine Vollversorgung der privaten Haushalte zu garantieren und einen eventuellen Mangel durch Abschaltungen oder Unterbrechungen von Gaslieferungen allein zulasten der Industrie zu verwalten", meint der Experte.

Einsparpotenziale nutzen

Vielmehr sollten Einsparpotenziale auch bei privaten Haushalten und im Sektor Handel, Gewerbe und Dienstleistungen genutzt werden. Und das ist nicht unerheblich: Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) gibt das Einsparpotenzial bei privaten Haushalten mit 15 Prozent an. Laut Umweltbundesamt können eine um zwei Grad reduzierte Raumtemperatur und der Einbau von Spar-Duschköpfen rund zehn Prozent des russischen Gases einsparen.

"Im Sektor Handel, Gewerbe und Dienstleistungen wird ein kurz- bis mittelfristiges Substitutions- und Einsparpotenzial von zehn Prozent gesehen", ergänzt Schiffer. Beim industriellen Verbrauch seien es etwa acht Prozent. Das zur Stromerzeugung genutzte Erdgas könne weitgehend durch eine erhöhte Verstromung von Kohle ersetzt werden. "Je weniger Gas in den kommenden Wochen verbraucht wird, desto besser sind die Gasspeicher im Herbst gefüllt", macht Schiffer klar.

Was kann abgeschaltet werden?

Die Frage, was in der Industrie abgeschaltet werden könne und welche Bereiche zwingend auf Gas angewiesen seien, lasse sich allerdings nicht pauschal beantworten. Beim Heizen sieht er aber Potential: "Soweit Erdgas zur Temperierung etwa von Lagerhallen genutzt wird, ist eine Begrenzung des Einsatzes sicher denkbar", erklärt Schiffer. Schwieriger werde es hingegen bei der Nutzung des Erdgases für Produktionsprozesse sowie als Rohstoff.

"Der größte Erdgasverbraucher innerhalb der Industrie ist die Chemie. 30 Prozent des industriellen Erdgasverbrauchs entfallen allein auf diesen Sektor", erklärt der Experte. Es folgen: Ernährungsindustrie (15 Prozent), Metallindustrie (13 Prozent), Papierindustrie (zehn Prozent) und Glas- und Keramikindustrie (7,5 Prozent).

Schäden und Produktionsausfälle vermeiden

"Ein Ausfall der Lieferungen im Sektor Glas- und Keramik wäre mit einem Totalschaden bei den Produktionsanlagen verbunden", sagt Schiffer. Während bei einigen Industrien im Falle von Lieferbeschränkungen die Produktion nur gedrosselt werden müsste oder ganz zum Erliegen käme, könne ein Abschalten etwa von Hochöfen zu Folgeschäden an den Anlagen führen.

"Generell muss es das Ziel sein, Schäden zu vermeiden sowie Produktionsausfälle und damit Arbeitsplatzverluste so weit wie möglich in Grenzen zu halten", betont Schiffer. Im Falle einer eintretenden Knappheit stelle sich die Frage: Kann die prioritäre Versorgung der privaten Haushalte uneingeschränkt aufrechterhalten werden?

Versäumnis der Vergangenheit

Das größte Versäumnis der Vergangenheit besteht für Schiffer darin, dass eine so starke Konzentration der Erdgasversorgung auf einen einzigen Lieferanten überhaupt zustande kam. Verantwortlich zeichnet er dafür allerdings die Politik, nicht die Industrie.

"Für die Industrie ist es wichtig, zu international wettbewerbsfähigen Bedingungen produzieren zu können. Dazu gehört die Optimierung der Energiekosten", erinnert der Experte. Die produzierende Industrie versorge sich überwiegend über Verträge mit Gas-Liefergesellschaften, habe also selten Importverträge mit Gasproduzenten.

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Entwicklung wurde hingenommen

"Der Einfluss der produzierenden Industrie auf eine Diversifizierung der Herkunftsländer für Erdgas ist somit äußerst begrenzt", macht Schiffer klar. Anders bei der Politik: Innerhalb von zehn Jahren hat sich zuletzt der Anteil der Bezüge aus Russland am Erdgasaufkommen in Deutschland von knapp einem Drittel auf über 50 Prozent erhöht.

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"Diese Entwicklung wurde hingenommen, obwohl die militärische Aggressivität Russlands im vergangenen Jahrzehnt immer deutlicher wurde", kritisiert Schiffer. Mit Nord Stream 2 seien zudem Weichenstellungen getroffen worden, die geeignet waren, die Abhängigkeit noch weiter zu vergrößern.

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Über den Experten:
Hon.-Prof. Dr. Hans-Wilhelm Schiffer ist Lehrbeauftragter an der RWTH Aachen University. Sein Lehr- und Forschungsgebiet ist vor allem die Technologie der Energierohstoffe.

Verwendete Quellen:

  • Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Wollen wir sehenden Auges unsere gesamte Volkswirtschaft zerstören?"
  • Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW): Neue BDEW-Analyse: Wie viel Erdgas aus Russland kann kurzfristig ersetzt werden?
  • Umweltbundesamt: Sparsam durch die Energiekrise
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