Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Heute: Die Verfolgungsjagd der deutschen Autobauer.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart

Guten Morgen, liebe Leser und Leserinnen,

über den Schreibtischen aller erfolgreichen Unternehmer müsste – wenn die Beteiligten ehrlich zu sich selbst wären – der folgende Satz von Henry Ford stehen:

"Erfolg besteht darin, dass man genau die Fähigkeiten besitzt, die im Moment gefragt sind."

Denn erst der Kombination von deutschem Pioniergeist – erbracht von Gottlieb Daimler und Carl Benz – und dem Rückenwind einer Industriegesellschaft, die sich losriss aus den Verankerungen des Stationären und ins Zeitalter der Massenmobilität aufbrach, verdankt die deutsche Automobilindustrie ihren Weg an die Weltspitze.

Und umgekehrt: Erst die Gleichzeitigkeit von Innovationssprüngen in der Elektrotechnik und der kollektiven Sehnsucht nach Klimaschutz und Nachhaltigkeit, die in der politischen Übersetzung zu strengsten Vorgaben für den Verbrennungsmotor führte, erklärt den kometenhaften Aufstieg einer Firma wie Tesla.

Die deutschen Autobauer glaubten lange nur an den ersten Teil des Satzes von Henry Ford. Sie vertrauten auf ihre Ingenieurs-Fähigkeiten. Sie negierten Teil zwei des Satzes, der eine klare Aussage über das kulturell-politische Momentum beinhaltet. Und zugleich wusste Elon Musk genau diese Schubkraft der Nachhaltigkeits-Gesellschaft für sich zu nutzen, wobei ihm die diesbezügliche Schwerhörigkeit der Generation Winterkorn-Zetsche-Pischetsrieder in die Karten spielte.

Sechs handfeste Erfolge des deutschen Umdenkens

Diese Schwerhörigkeit ist vorbei. Eine neue Generation von deutschen Auto-Bossen hat verstanden, dass individuelles Genie und gesellschaftlicher Fortschrittsdrang zusammen gedacht werden müssen. Mittlerweile sind sechs handfeste Erfolge dieses deutschen Umdenkens auf dem Armaturenbrett der hiesigen Volkswirtschaft zu besichtigen.

1. VW kann Tesla die Stirn bieten: Erstmals verkauft Volkswagen in einem Quartal mehr Elektroautos als Tesla. Das geht aus dem Automotive-Electrification-Index der Unternehmensberatung AlixPartners hervor. In Europa verkaufte VW laut Schmidt Automotive Research 2020 insgesamt 172.000 vollelektrische Fahrzeuge, fast doppelt so viele wie Tesla. "Elektroauto ist nicht mehr gleichzusetzen mit Tesla", sagt Jan Burgard, Partner der Branchenberatung Berylls Strategy Advisers.

2. Auch die Mechanik der amerikanischen Geldbeschaffung, die oft genug durch die Alchemie der Abspaltung von Konzernteilen angetrieben wird, hat man mittlerweile verstanden. In Wolfsburg denkt man darüber nach, ob nicht der Börsengang von Porsche zusätzliche Milliarden in die Kasse spülen könnte. Das würde bei der Finanzierung der ehrgeizigen E-Offensive ohne Zweifel helfen.

Daimler ist schon einen Schritt weiter: Der Stuttgarter Konzern kündigte Anfang des Monats an, die Sparte Daimler Trucks noch bis Jahresende an die Börse zu bringen und beflügelte damit den eigenen Aktienkurs: Am Tag der Bekanntgabe stieg das Papier um knapp neun Prozent und war an diesem Tag mit Abstand der beste Wert im Dax.

3. Endlich tut sich was im Reich der Daimler AG: Allein in diesem Jahr bringt Mercedes vier neue Stromer auf den Markt. Mitte des Jahrzehnts will Daimler mehr als zehn reine Elektroautos im Portfolio haben und etwa 25 Plug-in-Hybride. Spätestens 2039 will das Unternehmen auf den Verbrenner verzichten.

4. Der Staat hat die Rolle des Geburtshelfers übernommen. Die Tatsache, dass in Deutschland der Verkauf der E-Autos 2020 um mehr als 200 Prozent auf fast 200.000 nach oben schnellte, ist auch der starken Subventionierung zu verdanken. In Deutschland kann man mit einer Förderung von bis zu 9.000 Euro für einen Stromer rechnen. "Das ist auf einmal richtig interessant für die Verbraucher", sagte der ehemalige VW- und spätere Opel-Manager Karl-Thomas Neumann dem "Handelsblatt".

5. Die deutschen Autokonzerne können sich in dieser Transformationsperiode auf ihre Zulieferer verlassen. Bei Bosch, dem weltweit größten Spieler der Branche, beginnt die E-Offensive zu greifen – 700 Millionen Euro will der Konzern dieses Jahr in Elektroantriebe investieren. Hinzu kommt ein neuer Fokus auf Software und künstliche Intelligenz mit Partner Microsoft an der Seite.

Bosch-Chef Volkmar Denner.

6. Auch bei der Batterieproduktion, der Schlüsseltechnologie der Mobilitätswende, tut sich etwas: Noch beziehen deutsche Konzerne ihre Batterien meistens aus Asien, doch Bosch investierte 2020 bereits in die Batterieproduktion in Eisenach. Gleichzeitig baut Daimler mit der Tochterfirma Accumotive im sächsischen Kamenz eine Fabrik für Batteriesysteme. VW baut mit Northvolt in Salzgitter eine Batteriefabrik, die 2024 in Produktion gehen dürfte.

Verfolgungsjagd der deutschen Autobauer

Fazit: Die deutschen Autobauer sind unterwegs. Bei ihrer Verfolgungsjagd kommt es, anders als viele Experten behaupten, nicht zuerst aufs Tempo an, sondern auf die Größe der Ambition. Entscheidend ist nicht der Ausstoß möglichst vieler E-Mobile in 2021, sondern die technologische Ernsthaftigkeit, mit der das neue Automobil von der Software gedacht und für die ergrünte Gesellschaft designt wird. Henry Ford jedenfalls mahnt uns zur Gründlichkeit: "Der größte Feind der Qualität ist die Eile."

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in das Wochenende. Es grüßt Sie auf das Herzlichste

Ihr Gabor Steingart, Herausgeber ThePioneer

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.