Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Warum die Zukunft nun auch hierzulande begonnen hat.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

eine gute und zugleich relevante Nachricht sollte inmitten der Pandemie nicht untergehen: Deutschlands Autoindustrie hat bei der Elektromobilität endlich die Verfolgung aufgenommen – kraftvoll und konzernübergreifend.

Zulieferbetriebe und Automobilhersteller haben den Weckruf des Elon Musk vernommen, verstanden und sind dabei, ihn zu erwidern.

Sechs bemerkenswerte Trends zeichnen sich ab:

1. Die internationalen Investoren setzen nicht nur auf Tesla; sie wetten auf den Beginn eines neuen Zeitalters. Wer entschlossen auf die Elektrifizierung seiner Produktpalette setzt, wird belohnt. Die E-Strategie von Herbert Diess und deren Rückhalt im VW-Aufsichtsrat hat die Börse in dieser Woche zu einem Kursfeuerwerk animiert.

2. Auch bei BMW und Mercedes sind die Vorstände nach zunächst zögerlicher Haltung nun willig, ihre Jetons auf Grün zu setzen. Die Investitionsbudgets für die jeweilige Elektromobilitätsstrategie wurden spürbar erhöht. PR und Realität finden erstmals seit Jahren wieder zueinander. Allein Daimler will bis 2025 rund 70 Milliarden Euro in die Elektrifizierung und Digitalisierung der Automobile stecken.

3. Noch immer fehlen überzeugende Fahrzeugmodelle, die in Reichweite und Design mit den Tesla X Modellen mithalten können. Aber: Die neuen Modelle von Daimler und BMW sind ein Sprung nach vorn. Die neue S-Klasse mit E-Antrieb wird das Top-Modell der EQ-Baureihe sein; eine Lithium-Ionen-Batterie soll eine Reichweite von 700 Kilometern sicherstellen. BMW will mit dem "i4" in direkte Konkurrenz zum Tesla Model 3 treten. Für eine Reichweite von 100 Kilometern werden nur noch sechs Minuten Ladezeit veranschlagt.

4. Auch die Zulieferer sind jetzt kraftvoll mit von der Partie. Bosch-Chef Volkmar Denner sagte dem "Handelsblatt", dass sein Konzern Milliardenaufträge für Fahrzeugcomputer erhalten habe. Allein seit Sommer seien Aufträge im Volumen von rund 2,5 Milliarden Euro auf seinem Tisch gelandet.

5. Der Autozulieferer Conti reagiert ebenfalls. Der neue Konzernchef Nikolai Setzer sagt in seinem ersten Interview:

"Bereits heute sind wir ein Softwareunternehmen mit mehr als 20.000 Software- und IT-Spezialisten. Künftig gilt verstärkt: Die Software macht den Unterschied."

6. Selbst die Alternative zur Elektromobilität, die Wasserstofftechnologie, erfreut sich nun jener Wahrnehmung, die sie verdient. Mit Linde plc verfügt der Dax über einen Gasehersteller, der in der Wasserstofftechnologie Impulse setzt. Schon heute bringe das Geschäft mit Wasserstoff der Linde plc laut CEO Steve Angel mehr als zwei Milliarden Dollar Umsatz.

Fazit

Die Zukunft hat nun auch hierzulande begonnen. Noch immer ist denkbar, dass Deutschland seine weltweit führende Rolle im Automobilbau verliert. Aber wenn das geschieht, wird es nicht mehr kampflos geschehen.

Ich wünsche ihm frischen Lebensmut und Ihnen einen dankbaren Start in den Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste

Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.