Die Hitzewelle sorgte nicht bei Allen in Deutschland für frohe Gemüter. Manche Bauern sind durch sie sogar in ihrer Existenz bedroht, weil große Teile der Ernten ausfallen. Der Bund springt mit Soforthilfen in Millionenhöhe ein. Kurzfristig hilfreich, langfristig aber müsse man umdenken, warnen die Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Odening und Prof. Dr. Lotze-Campen.

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Die Einen sehnen den Dauersommer geradezu herbei: Cocktails schlürfen am Swimming-Pool, lange Grillabende und Brutzeln in brütenden Hitze. Für Teile der deutschen Landwirte ist das aber ein Horrorszenario: vertrocknete Felder, Ernteausfälle und drohende Pleiten.

"Die Ernteausfälle nehmen bei Feldfrüchten und bei Grünland in Teilen der Bundesrepublik ein existenzbedrohendes Ausmaß an", sagte Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Man rechne mit einer Erntemenge von rund 36 Millionen Tonnen Getreide - im Vorjahr waren es noch mehr als 45 Millionen. Schwierig auch die Lage bei der Futterbereitstellung: "Die aktuellen Futterreserven drohen knapp zu werden."

Katastrophe nationalen Ausmaßes

Für den Deutschen Bauernverband daher ein klarer Fall: "Viele Bauern brauchen eine schnelle Unterstützung." Die Voraussetzungen für Finanzhilfen seien durch die Länder in den besonders betroffenen Regionen klar erfüllt, der Notstand müsse ausgerufen werden, das gesamte Land sei betroffen.

In Deutschland sind aktuell rund 268.000 Betriebe in der Landwirtschaft tätig. Laut Länderbericht sind davon etwa 10.000 Betriebe so stark betroffen, dass sie in ihrer Existenz bedroht sind. Die generelle Schwelle für Soforthilfen ist, dass in einem Betrieb mehr als 30 Prozent der durchschnittlichen Jahreserzeugung zerstört sind.

Die Forderung des DVB daher: eine Milliarde Euro Soforthilfe vom Staat und eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage, um die Betriebe bei der Liquidität zu unterstützen.

340 Millionen Euro vom Staat

Zumindest auf erstere Forderung ist Bundesagrarministerin Julia Klöckner nun eingegangen: 170 Millionen Euro vom Bund sagte sie nach einem Bund-Länder-Treffen am Dienstag zu, die gleiche Summe soll noch einmal von den Ländern dazukommen.

Nach 2003 beteiligt sich damit der Bund erstmals wieder an Finanzhilfen wegen einer Dürre.

"Ein solches Jahr tritt alle zehn bis fünfzehn Jahre auf. Auf einigen Feldern wurde gar nichts geerntet, sodass die Landwirte Saatgut, Pflanzenschutzmittel und Arbeitskraft ohne Erträge investiert haben", sagt Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Martin Odening von der Humboldt-Universität zu Berlin.

"Mit den zugesagten Hilfen wird etwa die Hälfte der geschätzten Ertragsausfälle kompensiert", lautet Odenings Einschätzung.

Konventionelle Landwirte selbst schuld?

Es habe sich ein bekanntes Ritual abgespielt: Die gebeutelten Bauern riefen nach Hilfe, der Staat springe ein. Doch ist ein Geldregen aus Berlin die richtige Lösung? Das sehen nicht alle so. Es heißt, die konventionelle Landwirtschaft trage selbst zum Klimawandel bei, der die Bauern nun heimsucht.

"Es ist in dieser Situation entscheidend, sauber zwischen den Fragen ‚Wer ist betroffen?‘ und ‚Wer ist schuld?‘ zu trennen", mahnt Experte Odening. Betroffen seien biologische und konventionelle Betriebe gleichermaßen, eine Diskussion um nachhaltigeren Anbau müsse man abgekoppelt davon führen.

Keine funktionierende Versicherung

Odening lenkt den Blick auf das finanzielle Hilfesystem in Deutschland. "Anders als für Hagelschäden haben wir keine funktionierende Versicherung im Bereich Dürre und Trockenheit." Hauptgrund dafür: Die Wetterrisiken sind anders gelagert. "Hagelschäden sind nicht systemisch, da schlägt mal hier und da der Blitz ein. Dürre hingegen betrifft Landstriche flächendeckend", so Agrarwissenschaftler Odening.

Das könnten Versicherungen schlecht handlen. Sie existierten zwar, die Policen seien aber sehr teuer, sodass kaum ein Landwirt eine Mehrgefahrenversicherung habe, die auch Dürre abdeckt. "Die Versicherungen nehmen sehr hohe Risikoaufschläge", weiß Odening.

Versicherungsbedarf nicht ausreichend hoch

Ein weiterer Grund, warum die Versicherungen für Landwirte nicht sonderlich attraktiv sind: "Die Bauern wissen, dass der Bund bei katastrophalen Ausmaßen einspringt. Warum sollen sie dann teure Policen bezahlen?", merkt der Experte an.

Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Hermann Lotze-Campen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ergänzt: "Bislang war der Bedarf für Versicherungsprodukte gegen Hitze und Dürre noch nicht ausreichend hoch." Das könne sich in Zukunft aber ändern, wenn im Zuge des Klimawandels neue Versicherungslösungen als Teil einer veränderten Agrarpolitik eine Möglichkeit der Anpassung darstellen.

Subvention von Versicherungsprämien in der EU

Weil der Bund bei Katastrophen von nationalem Ausmaß einspringt, machen sich in Deutschland private Versicherer auch nicht allzu viele Gedanken über Dürre-Versicherungen. In anderen europäischen Staaten sieht das ganz anders aus: Viele Länder subventionieren die Versicherungen gegen Dürreschäden.

Der Versichererverband GDV veröffentlichte 2016 Zahlen, nach denen drei Viertel der EU-Länder insgesamt 2,2 Milliarden Euro in Subventionen stecken.

"In Deutschland springt der Staat dann ein, wenn das Kind quasi schon in den Brunnen gefallen ist", erklärt Experte Odening. Länder wie Italien, Frankreich oder Spanien stellten hingegen von vornherein Mittel bereit, damit Landwirte die teuren Versicherungspolicen kaufen könnten.

"Das ähnelt dem Modell in den USA, wo ein starker Eingriff in die Versicherungsmärkte erfolgt", kommentiert Odening. Eine solche Prämiensubvention halte er aber nicht für sinnvoll und politisch auch schwer vermittelbar. "Ein solches Modell ist sehr teuer und könnte Landwirte dazu verleiten, riskanter zu produzieren. Zudem wird ein Teil der Subventionen an die Versicherungen weitergegeben.", meint Odening.

In diesem Zusammenhang stelle sich aber auch die Frage, inwieweit es im Interesse des Staates liegt, den Agrarsektor überhaupt zu subventionieren. "Der Grund ist in den vielfältigen Leistungen zu sehen, die die Landwirtschaft für die Gesellschaft erbringt, zum Beispiel die Erhaltung funktionsfähiger ländlicher Räume und natürlicher Ressourcen", erklärt Experte Odening.

Tropfen auf den heißen Stein

Die Forderung nach steuerlichen Risikoausgleichsrücklagen für die Landwirtschaft hält Odening für sinnvoll, wenn auch nicht ausreichend. Die Idee: Landwirte bilden in guten Jahren aus unversteuerten Gewinnen Liquiditätsreserven, die sie in schlechten Jahren aufbrauchen.

"Damit kann man Probleme der aktuellen Größenordnung nicht beheben. Folgen keine weiteren Instrumente, ist es ein Tropfen auf den heißen Stein ", so Odening. Er plädiert für einen generellen Wandel: "Die Erträge müssen zeitlich geglättet werden und die Bauern müssen ihren Blick viel stärker auf Reservepolster richten."

Auch Lotze-Campen räumt ein: "Gegen gezielte und gut begründete Ausgleichszahlungen ist nichts einzuwenden. Im Zuge des Klimawandels müssen wir uns allerdings auf immer häufigere Extremereignisse einstellen. Daran müssen sich die Landwirte anpassen, da in Zukunft nicht alle zwei bis drei Jahre Nothilfen gezahlt werden können."

Anpassung auf vielen Ebenen

Die Erkenntnis, dass sich die Bauern auf mehr Extreme einstellen müssen, breite sich langsam aus. "Das Jahr 2018 ist ein gutes Beispiel, wie es in Zukunft häufiger aussehen könnte", meint Lotze-Campen.

Kurzfristig sei die Anpassung an extreme Dürre sehr schwer. "Längerfristig gibt es die Möglichkeit, die Bodenbearbeitung anzupassen, robustere Sorten zu züchten, vielfältigere Fruchtfolgen einzuführen, zum Teil auch mehr zu bewässern. Mit diesen Maßnahmen können die Landwirte einen Teil der Schäden abpuffern. Dabei sollten sie auch darauf schauen, was in Südeuropa heute schon gemacht wird", rät er.


Über die Experten:
Prof. Dr. Martin Odening ist Agrarwissenschaftler und forscht am Department für Agrarökonomie der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten im Fachgebiet "Allgemeine Betriebslehre des Landbaus" zählen Investition und Finanzierung, Risikomanagement, Klimarisiken und Agrarstrukturwandel.

Prof. Dr. Hermann Lotze-Campen ist ausgebildeter Landwirt und Agrarwissenschaftler. Seit 2012 ist er Leiter des Forschungsbereichs "Klimawirkung und Vulnerabilität" am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Verwendete Quellen:

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