"Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der 'Tagesschau'": Für viele gehört dieser Satz zur allabendlichen Routine, genauso wie das Zähneputzen. Pünktlich um 20 Uhr setzen sich Millionen Menschen vor die Mattscheibe und lassen sich eine Viertelstunde lang mit den wichtigsten Nachrichten des Tages versorgen. Doch beim einstigen ARD-Flaggschiff läuft derzeit wenig rund.

Nicht nur streiten sich derzeit zwei ehemalige "Tagesschau"-Kollegen in aller Öffentlichkeit, die ARD-Nachrichtenshow kämpft auch gegen Kritik aus allen Lagern. Konkurrenz und Zuschauer sehen Verbesserungsbedarf und fordern eine Modernisierung der "Tagesschau".

ZDF-Mann hält "Tagesschau" für überflüssig – und lobt RTL.

ZDF-"heute-journal"-Moderator Claus Kleber wetterte etwa auf einer Veranstaltung in Waiblingen gegen die ARD-Sendung. Zwar erkenne er an, dass die 20-Uhr-Nachrichten im Ersten "Goldstandard" seien, dennoch gebe es solch trockenes Vorlesen von Nachrichten sonst nur noch in Nordkorea.

Der ehemalige "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert sieht dasselbe Problem. Er finde es schade, dass die "Tagesschau" nicht moderiert werde, sagte er im Interview mit der "Zeit". Nachrichten würden bloß kommentar- und leblos vorgelesen, aber eine modernere ARD-Nachrichtensendung um 20 Uhr "passt wohl nicht in den Abendablauf der Zuschauer." Die "Tagesschau" scheine ihre Leidenschaft am Nachrichtenerzählen verloren zu haben.

Zu viel Information, zu wenig Zeit

Sprachlich betrachtet steht die "Tagesschau" seit vielen Jahren still. Die Nachrichten enthalten Floskeln, Beamtendeutsch und Worthülsen, die kein Zuschauer versteht, geschweige denn im Alltag gebraucht.

Sprachforscher Ulrich Schmitz hat sich in seiner Habilitation mit der Sprache der "Tagesschau" beschäftigt. Er stellte fest, dass die Sendung zu viele Informationen in zu knapper Zeit liefert. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte Schmitz, dass in 15 Minuten Sendezeit knapp 1.800 Wörter in 110 Sätzen zu hören seien. Der Effekt: Die Zuschauer verstehen nur "Bahnhof".

Thomas Roth folgt auf Tom Buhrow. Wir stellen den Neuen vor.

Worthülsen führen zu breitem Unverständnis. In einer Umfrage, die 2007 von TNS Emnid im Auftrag der Programmzeitschrift "TV Digital" durchgeführt wurde, gab ein Großteil der über 1.000 Befragten an, dass sie sich nichts unter den Worten "Vorteilsabschöpfung", "Schutzschrift" oder "Koalitionsfreiheit" vorstellen können. Am Begriff "Koalitionsfreiheit" scheiterten 99 Prozent, an "Pflegestützpunkt" 98 Prozent der Befragten. Alle genannten Begriffe waren in einer "Tagesschau"-Sendung gefallen.

Wann kommt das neue Studio?

Ende 2012 wollte die "Tagesschau" einen Tick moderner werden. Im Rahmen des 60-jährigen Jubiläums sollte ein neues Studio eingeweiht werden, doch dazu kam es nicht. "Das Studio wird erst in Betrieb gehen, wenn alle Arbeitsabläufe zu hundert Prozent sitzen", hieß es damals lapidar von Seiten des NDR.

Gegenüber dem Branchendienst "dwdl.de" erklärte NDR-Sprecher Martin Gartzke, dass man Fortschritte gemacht habe. Ein neuer Termin steht aber nach wie vor nicht fest: "Das neue Studio geht erst dann in Betrieb, wenn alles perfekt läuft. Damit ist in einigen Monaten zu rechnen." (kom)