Ein Studio wie ein Striplokal und zwei Moderatoren, die auch nicht wissen, was sie hier sollen: RTL hat die Lieblingsshow aller Pubertierenden reanimiert. "Tutti Frutti" ist zurück und beweist eindrucksvoll, dass die Show auch heute noch so peinlich ist wie in den 90ern.

David Bowie, Leonard Cohen, Prince, Muhammad Ali, Bud Spencer und zuletzt Carrie Fisher. Ohne Zweifel war 2016 ein, pardon, beschissenes Jahr. Und wer dachte, es könnte nicht mehr schlimmer werden, dem belehrt RTL Nitro am Freitagabend vor Silvester eines besseren. "Tutti Frutti" ist zurück. Jene Sendung also, in der in den 90ern spärlich bekleidete Damen Fruchtcocktail spielten und Tina aus dem Supermarkt nebenan für ein paar Länderpunkte die Hüllen fallen ließ.

Überraschend ist das nicht. Sukzessive hat RTL auf seinen kleinen Schwestersendern in den letzten Wochen sein eigenes Programm recycelt. Seit einigen Monaten laufen dort wieder die Gameshow-Klassiker "Jeopardy" und "Familienduell", auf dem Hauptsender sogar der Krawall-Talk "Der heiße Stuhl".

Im Männerableger RTL Nitro darf wieder das Cin Cin Ballett ran. Neue Moderatoren und neue Models frönen ganz der Nostalgie aus blanken Brüsten und albernen Spielen, die in den 90ern schon niemand verstanden hat. Wobei das nur die halbe Wahrheit ist. Mit Jörg Draeger hat RTL einen alten Bekannten aus der ersten Hochphase des Privatfernsehens wieder ausgegraben.

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Vom Playboy zu "Tutti Frutti"

Der ehemalige "Geh aufs Ganze!"-Moderator pumpt bei den ersten Schritten ins Studio schon wie ein Boxer auf Koks und erinnert im schlecht sitzenden Smoking gar ein wenig an den ursprünglichen Moderator Hugo Egon Balder. Dicht gefolgt von Moderator Nummer zwei, Schauspieler Alexander Wipprecht, der sich offensichtlich noch nicht so sicher ist, ob das alles hier eine gute Idee ist.

Die Antwort liegt auf der Hand. Um sich auf andere Gedanken zu bringen, feiert Wipprecht erst einmal die TV-Wiedergeburt von Jörg Draeger. Der ist noch immer ganz der Charmeur von einst und könnte ebenfalls noch immer jedem im Publikum einen Zonk andrehen, ohne dass er oder sie sich ärgern würde.

Doch genug der Huldigung des ehemaligen "Geh aufs Ganze"-Moderators, in dieser Show geht es schließlich um nackte Tatsachen. Das Cin Cin Ballett mit seinen aufgeklebten Früchten auf den Brüsten hoppelt herein. Es trägt mittlerweile den Beinamen "Playboy", was wohl darauf hinweisen soll, dass die Damen sich alle für das gleichnamige Männermagazin entblößt haben. Das Glamour-Leben eines Bunnys ist auch nicht mehr das, was es einmal war.

Mauerfall, Wiedervereinigung, "Tutti Frutti"

Zunächst klärt der Sender aber auf, wie bedeutsam die aus Italien adaptierte Show einmal war. "Mauerfall, Wiedervereinigung, das Ende des Kalten Krieges" - und, na klar, "Tutti Frutti", so lautet die historische Reihenfolge in der rund zweistündigen Sendung. Das alles miterlebt hat Monique Sluyter, die einst die Assistentin von Balder gab und jetzt für die Show reanimiert wurde.

Von den Kandidaten Mike und Antje aus Berlin kann man das nicht behaupten. "Tutti Frutti, das ist eine Show aus den 90ern", sagt Antje wie auswendig gelernt. Und fügt hinzu: "Davon haben mir meine Eltern erzählt." Eigentlich der Todesstoß für jede Fernsehsendung, doch Draeger, Wipprecht und Sluyter machen einfach weiter.

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Peinliches Kichern

In nicht näher zu definierender Reihenfolge wechseln sich alberne Spiele, Stripeinlagen und schlüpfrige Sexfragen aus den Kindertagen des Privatfernsehens ab. Wer die meisten Punkte gewinnt, bekommt einen Länderpunkt und wählt die dazugehörige Tänzerin aus, die sich umgehend auf der Tanzfläche entblößt. Wer gierig ist, zieht sich selbst aus, um weitere Punkte zu ergattern.

Wobei die Sendung zweigeteilt ist. In die eigentliche Show und einen Nostalgie-Block, in dem Jörg Draeger ehemalige Teilnehmer und Früchtchen interviewt oder C-Promis in Einspielern lügen, wie sehr sie "Tutti Frutti" geprägt hat.

Antje interessiert das wenig. Sie muss die ersten beiden Kleidungsstücke ablegen. Sie kichert peinlich berührt und kassiert 20.000 Punkte. Derweil darf Jörg Draeger wieder in der Vergangenheit schwelgen. Elke Jeinsen schwebt herein, ehemaliges Playmate und die Erdbeere unter Hugo Egon Balder. Sie lebt jetzt in Los Angeles, ihr Gesicht so straff gezurrt, dass sich nur noch der Mund bewegt. Viel mehr hat sie nicht zu erzählen.

Ausziehen im Fernsehen ist noch immer peinlich

Muss sie auch nicht. Jörg Draeger darf endlich ein wenig moderieren, beziehungsweise zocken. Es wird gewürfelt. Schnell wünscht man sich, der Zonk käme herein, drückte Draeger ein Bündel Geldscheine in die Hand und würde das Cin Cin Ballett für alle Zeiten hinter Tor 3 begraben. Stattdessen strippen die Niederlande. Und dann auch noch Mike. Von einem Fuß auf den anderen wippend, mit Zeigefinger in der Luft. Der klassische Diskotheken-Stehtänzer. Beruhigend, dass trotz Instagram, Selfies, Youporn und Tinder ausziehen im Fernsehen noch immer so peinlich ist wie in den 90ern.

Da allerdings die Blamage erst perfekt ist, wenn die letzte Hülle gefallen ist, wendet sich Moderator Alexander Wipprecht mit den Worten "Du musst jetzt ein bisschen nachlegen" an Kandidatin Antje. Sie zieht sich mit versteinerten Lächeln bis auf Slip und Strümpfe aus.

Wer am Ende dieses Nostalgie-Quatschs gewonnen hat? Vollkommen egal. Nach fast zwei Stunden sind alle bis auf das Moderatorentrio nackt. Selbst der verdutzte Mike muss noch einmal von einem Fuß auf den anderen wippen, bis er in Unterhosen dasteht. Sein Gewinn: ein Reisegutschein über 1.150 Euro. Dafür lohnt es sich doch, dass die eigene Tanzeinlage für immer auf YouTube zu sehen sein wird.

Aber zumindest einer ist zufrieden: Hugo Egon Balder meldet sich zum Schluss aus seinem Wohnzimmer, ein Bier in der Hand. "War doch gut", sagt er: "Jetzt habe ich endlich die Spielregeln verstanden." Man möchte ihm beide Male widersprechen.