Tilda Swinton spielt in "Doctor Strange" die Lehrmeisterin von Benedict Cumberbatch und Oberste Zauberin - die im Original-Comic noch ein Mann war. Ein Gespräch über Geschlechterrollen, ärgerliche Klischees und warum ihre Figur vielleicht auch ein Frosch hätte werden können.

Als ich hörte, dass Sie die Altehrwürdige spielen, musste ich sofort an Galadriel aus "Herr der Ringe" denken - diese erhabene, fast schon ätherische Figur. Doch dann im Film war alles ganz anders! Ihre Figur ist sehr witzig und kämpft viel. Wie war es, sie zu spielen?

Tilda Swinton: Es freut mich sehr, das zu hören. Mit Ernsthaftigkeit habe ich nichts am Hut. Das ist vielleicht auch einer der Gründe, warum Scott [Derrickson, der Regisseur von "Doctor Strange"; Anm.d.Red.] mich dabeihaben wollte.

Ich liebe einfach diese Story und denke, dass die Altehrwürdige genauso für Leichtigkeit und Milde steht wie für echte Macht. Sie ist so alt und hat schon so viel gesehen und hat solche Dinge wie Selbstsucht und Angst hinter sich gelassen. Es ist toll, sich für einige Monate diese Eigenschaften wie einen Mantel überstreifen zu können. Und es ist toll, sie in die Welt hinauszutragen.

Im Original-Comic war der Altehrwürdige noch ein Mann. Was bedeutet dieser Geschlechtertausch?

Scott Derrickson war sehr viel daran gelegen, dieses ärgerliche Klischee des asiatischen Lehrmeisters abzuschwächen, das Autor Stan Lee und Illustrator Steve Ditko in den 1960er-Jahren erschaffen haben. Deswegen wollte er, dass die Figur eine Frau ist.

Cumberbatch: Darum wäre er fast nicht "Doctor Strange" geworden.

Erst wollte er sie zur Asiatin machen, aber das wäre wieder zu einem anderen Klischee verkommen - denn die mysteriöse, ältere Asiatin, die sogenannte "Dragon Lady", genießt im US-Kino auch keinen guten Ruf.

Irgendwann dachte er dann an mich und hat die Rolle dahingehend entwickelt. Wenn ich aber nicht zugesagt hätte, hätte er sie wieder verändert. Mich würde wirklich interessieren, was er dann gemacht hätte - vielleicht hätte die Altehrwürdige dann wie ein Frosch ausgesehen und wäre eher so wie Yoda aus "Star Wars" geworden.

Außerdem finde ich es auch überhaupt nicht überraschend, dass der Oberste Zauberer eine Frau sein könnte - ich bin ja schließlich selbst eine. Und ich denke, es zeigt auch, dass Marvel wirklich daran interessiert ist, eine vielfältige Welt zu erschaffen. Demnächst kommen ja auch noch Black Panther [der erste afroamerikanische Marvel-Held; Anm.d.Red.] und Captain Marvel [ein Außerirdischer; Anm.d.Red.] ins Kino.

Sie haben in vielen sehr unterschiedlichen Filmen mitgespielt - von kleinen Independent-Filmen bis hin zu großen Blockbustern. Was muss ein Drehbuch zu bieten haben, damit sie Interesse haben?

Es geht mir nie ums Drehbuch. Es geht immer um die Menschen, die an dem Film mitarbeiten. Und manchmal mache ich auch Filme, die erst gar kein Drehbuch haben. Die Bücher sind ohnehin überschätzt, die spielen am Set keinerlei Rolle. Erzählen Sie das aber ja keinem Autoren!

Aber natürlich arbeitet man hin und wieder auch mit großartigen Drehbuchautoren zusammen. Aber auch dann löst man sich im besten Fall vom Skript und dann geht es vor allem um Bilder und Ideen und die Musik - und genau darum geht es mir beim Filmemachen.

Tilda Swinton im Interview zu "Doctor Strange"

Das Interview mit Tilda Swinton zu ihrer Rolle in "Doctor Strange" im Original und in voller Länge.
"Doctor Strange" läuft seit dem 27. Oktober im Kino.