Wunderstimme und Favoriten-Aus: So lief das "Voice"-Halbfinale

Mit Alice Merton sprang Rapper Sido oft ruppig um in der neuen "The Voice of Germany"-Staffel. Aber ihrem Ausnahmetalent Claudia Emmanuela Santoso gestand er dann doch das größtmögliche Lob zu. "Claudia ist die beste Sängerin der Welt." Mit diese Mitstreitern zog sie ins Finale.

Die äußerst undankbare Aufgabe, gegen das indonesische Energiebündel anzutreten, kam der 16-jährigen Mariel Kirschall zu, die noch zur Schule geht. Und mit ihrer "Jolene"-Darbietung wickelte auch sie das Publikum um den Finger. Trotzdem: "Claudia, du bist unglaublich", lobte Alice völlig zurecht.
Das war ganz neu für die Coaches: Erstmalig durften sie nur staunen. Die Entscheidungen, wer von ihren Schützlingen weiterkommen würde, lag allein beim Publikum, das ihre Favoriten per Anruf weiterwählte. Mit der neuen "Machtlosigkeit" war vor allem Sido ganz einverstanden. Keine Qual der Wahl!
Ebenfalls eine Umgewöhnung für die Coaches: Ausgestrahlt wurde das Halbfinale live aus Berlin. "Heißt das, ich soll mich benehmen?", fragte Sido mit Unschuldsmiene. Immerhin hatte er sich für den Abend fein gemacht. "Die haben mir gesagt, ich soll einen Anzug tragen", sagte er zu seinem Edel-Trainings-Zwirn.
Anlass, aus der Haut zu fahren, hätte der Rapper mit dem Raubein-Image genug gehabt. Vor allem als ihm "Comeback Stage"-Sondercoach Nico Santos vorübergehend den Sessel abluchste. Als "fatalen Fehler" bezeichnete der Frechdachs Sidos Entscheidung, Publikumsliebling Lucas Rieger doch noch aus dem Team zu werfen.
Lucas wurde in den Sing-Offs von Sido gegen die Schweizerin Freschta ausgetauscht. Und Nico Santos schnappte sich den Bluesman. Seine zweite Chance ließ sich Lucas mit der Gel-Frisur natürlich nicht durch die Lappen gehen. Seine "Tutti Frutti"-Show wollte das jubelnde Publikum sogar zweimal sehen.
Den Vogel abschießen können hätte die kesse Celine, die schon in den Blind Auditions leer ausgegangen war. Kein Coach drehte sich für sie um, dann gab ihr Nico Santos die "Comeback"-Chance, die bis ins Halbfinale führte. "Sie ist die Überraschungstüte", so Nico. Doch das erhoffte Wunder blieb aus.
Celine aus dem Club der "gebrochenen Herzen", wie zuvor der unverbesserliche Pöbler Sido die "Comeback"-Sänger verspottet hatte, musste gegen den schneidigen Lucas antreten. Und den wählte die Mehrheit der Zuschauer ins Finale. "Lucas war heute der Publikumsliebling", lobte ihn Rea Garvey.
Im Finale wird Lucas wieder auf die Frau treffen, die ihn - damals noch im Team Sido - kurzfristig schon aus dem Rennen geworfen hatte. Der Rapper bestritt sein Halbfinale wie auch Alice Merton und Kollege Forster mit zwei Sängerinnen. Und bei ihm machte die Schweizerin Freschta das Rennen.
Freschta hatte das Publikum mit ihrer Version von "Unconditionally" von Katy Perry von den Stühlen gerissen. Der Song war ihrer Mutter gewidmet. Mama-Liebe - so was gefällt Sido. Allerdings hätte er das Finale auch der lebenslustigen Party-Studentin Larissa (Bild) gegönnt. Doch die Anrufer sahen's anders.
Während die Votings für Freschta und Larissa einen ziemlich eindeutigen Sieg für die Schweizerin ergaben, lagen die Rea-Garvey-Schützlinge - die schüchterne Marita Hintz und der Ex-"DSDS"-Sänger Erwin Kintop - beim Abstimmungsergebnis per Telefon und SMS verdammt nahe beieinander. Umso härter das Ergebnis.
Marita hätte man den Finaleinzug sehr gegönnt. "Ich habe mich nicht nur gesanglich, sondern auch vom Persönlichen her entwickelt", sagte sie selbst über ihre magische Verwandlung. Trotzdem musste sie ihre Niederlage eingestehen.
Dafür zog mit Erwin ein Power-Sänger aus Team Rea ins Finale, der noch eine Rechnung mit der Fernsehwelt offen hat. Bei "DSDS" wurde er einst nur Fünfter. "The Voice of Germany ist eine zweite und die letzte Chance für mich", sagt er selbst. "Ich kann nicht aufgeben." Das ist Kampfgeist!
Mit einer glamourösen Show raubte dann Oxa dem Publikum den Atem. "Das war ein Auftritt nach meinem Geschmack", jubelte ihr stolzer Coach Mark Forster. "Du warst das Talente-Trüffelschwein", lobte Moderatorin Lena Gercke seinen Mut. Immerhin hatte bei den Blind Auditions nur Mark für Oxa gebuzzert.
"Ich hatte ja schon die krassesten High Heels an", plauderte auch Model-Moderatorin Lena aus dem Nähkästchen. "Aber das war gar nichts im Vergleich zu ihr", lobte sie Oxas gewagtes Outfit. "Die Welt braucht Toleranz, Diversity und Respekt", verkündete die Sängerin nach dem Auftritt.
Umso auffälliger der Kontrast von Oxas "I'm Still Standing"-Disco-Show zum eher getragenen Cello-Auftritt ihrer "Gegnerin" Fidi Steinbeck aus Marks Team. Die Hamburgerin hatte für ihr Weiterkommen ins Halbfinale zuletzt viel Gegenwind aushalten müssen. Auch Sido hielt zunächst wenig von Marks Wahl.
Nach Fidis Auftritt war Sido jedoch umgestimmt. Er wagte auch die große Geste. "Tschuldigung", stammelte er auf der Bühne, als er aufstand und Fidi persönlich gratulierte. Und auch Kollege Forster, den er sonst so gerne kritisierte, musste Sido loben: "Das Trüffelschweinchen hat wieder zugeschlagen."
So viel Harmonie tat dem Halbfinale ganz gut. Immerhin verlangten doch die Entscheidungsmomente echten Fans viel Herzklopfen ab. Im Team Mark mussten sich die Anrufer zwischen der Exzentrikerin Oxa und der eher bodenständigen Fidi entscheiden. Und Letztere zog dann doch etwas überraschend ins Finale.
Eigentlicher Hauptgewinner des Abends war dann aber der Mann, den viele "Voice"-Fernsehzuschauer sicher nicht auf dem Zettel gehabt hatten. Immerhin spielte sich das Wirken von "Restesammler"-Coach Nico Santos im (Internet)-Abseits ab. Umso größer seine Motivation, es den "echten" Coaches zu zeigen.
Nico Santos hatte Lucas Rieger den Weg ins Finale geebnet. Und mit seinem Riecher lag der "Comeback"-Coach nicht falsch. Mit über 70 Prozent der für ihn abgegebenen Stimmen deklassierte der Blues-Liebling seine Gegen-Sängerin. Abwarten, ob sich Lucas im Finale endlich auf ein neues Genre einlässt.