Ein Psychopath hat es auf allein erziehende Prostituierte abgesehen und entführt ihre Kinder – um sie dann liebevoll zu bemuttern. Den Wiener Ermittlern Fellner und Eisner bleibt nicht viel Zeit, den Tod eines Jungen zu verhindern. Trotzdem dauert "Die Amme" zu lang.

Iris Alanyali.
Eine Kritik
von Iris Alanyali

Das Ende ist ganz wunderbar. Da kann Bibi Fellner endlich schlafen. Moritz Eisner sitzt an ihrem Bett, hört zu reden auf, deckt die Kollegin behutsam zu, und auch der "Tatort" will die Kommissarin jetzt nicht stören: Keine Musik zum Abspann, nur ein ruhiges, tiefes Atmen ist zu hören. Es ist vorbei. Alles wird gut.

Schade nur, dass es vorher nicht besser war. Nicht aufregend genug, um diese Ruhe nach dem Sturm wirklich schätzen zu können. In diesem "Tatort" weht zwar ein eiskalter Wind, aber eher als stete Brise, an die man sich schnell gewöhnt und die keine Überraschungen bereithält.

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Dabei fängt es so vielversprechend an: Der Tod einer Prostituierten und die Entführung ihres Sohnes bringt die Kommissare Fellner und Eisner auf die Spur eines Serienkillers, der es auf Sexarbeiterinnen und ihren Nachwuchs abgesehen zu haben scheint. Die Zuschauer bekommen ihn schnell zu sehen: Der hagere Janko verwandelt sich mit ordentlicher Perücke, rotem Lippenstift, Stöckelschuhen und bravem Kleid in eine Ersatzmutter, die sich hingebungsvoll um die Söhne kümmert, die sie zuvor zu Halbwaisen gemacht hat.

Darauf spielt der Titel "Die Amme" an. Gestillt wird zum Glück nicht, aber Max Mayer gibt auch so einen herrlich gruseligen Psychopathen, einen entfernten Cousin von Lars Eidingers "stillem Gast", der regelmäßig den Kieler "Tatort"-Kommissar Klaus Boroswki heimsucht.

"Tatort" aus Wien: Zu hastig auserzählt - einschläfernd langgezogen

"Ich bin deine Mama", informiert der verkleidete Geisteskranke den zehnjährigen Samuel (Eric Emsenhuber), den er jetzt in einer dunklen Wohnung festhält und ans Bett kettet, wenn er aus dem Haus muss. Die Fesseln sind natürlich nur zu Samuels eigenem Schutz. Sie selbst wär ja froh gewesen, sagt die Gestalt, hätt‘ sie "eine Mama gehabt", die sich so gekümmert hätte, wie sie sich jetzt um den Samuel kümmert. Für den sie Nudeln mit Soße kocht: "Schau, i‘ geb dir mal a bisserl was, wenn’s das magst, dann kriegst mehr."

Effektvoll unterstreichen Christopher Schiers Regie und der Einsatz von Licht und Schatten Max Meyers Spiel. Die physische und psychische, von Drogen unterstützte Verwandlung vom Mörder zur Mama gerät zur unheimlichen Jekyll-Hyde-Metamorphose und gehört zu den stärksten Szenen der "Amme".

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Doch anders als im Kieler "Tatort", der sich Zeit lässt, enthüllt das Drehbuch von Mike Majzen die gesamte Psychose im Schnelltempo: Jankos Mama hat sich gar nicht gut um ihren Sohnemann gekümmert, weswegen der jetzt kleine Jungs vor ihren Rabenmüttern rettet. Nebenbei ist er Undercoverpolizist von der Drogenabteilung aus Graz, was insofern praktisch ist, als er sich so mit Crack versorgen und Kommissar Eisner in die Irre führen kann. Das alles wissen wir nach ungefähr 30 Minuten – und damit ist "Die Amme" auserzählt.

Es ist ein "Tatort" voller Versprechungen, die verpuffen. Mit einem Plot, dessen Potenzial von der eigenen Mitteilsamkeit erdrückt wird, bevor es sich entfalten kann. Was übrigens umso trauriger ist, als es sich um Harald Krassnitzers 50. Fall als Kommissar Eisner handelt.

"Die Amme": Drehbuch mit der Sensibilität eines Holzhammers

Krimis, in denen der Täter den Zuschauern von Anfang an bekannt ist, stellen ungleich höhere Anforderungen an die Story: Die ständige Bedrohung schiebt sich in den Mittelpunkt, die Spannung besteht aus dem Wissensvorsprung des Publikums, das mit ansehen muss, wie und wie lange das Böse den ahnungslosen Kommissaren auf der Nase herumtanzt. In diesem "Tatort" ist das zu simpel und zu lang.

Auch der Versuch, der Geschichte durch eine gehandicapte Ermittlerin mehr Dramatik zu verleihen, missglückt. Bibi Fellner, so erfahren wir am Anfang, kann seit Tagen nicht schlafen. Wer jemals unfreiwillig auch nur eine Nacht wach gelegen hat, weiß, wozu das führen könnte: Zu einer Kommissarin, deren Not ihr einen ganz eigenen Antrieb gibt. Die in einer Art Zwischenwelt ermitteln muss, einem Zustand verzweifelter Übermüdung, zugleich hochsensibel und wie im Nebel watend. Weil dieser "Tatort" aber die Sensibilität eines Holzhammers besitzt, wird stattdessen einfach zur Nebelmaschine gegriffen, und Adele Neuhauser muss dazu müde aus der Wäsche gucken und ein paar Mal "Wir müssen diese Kinder finden!" rufen. Die Übermüdung ist vor allem Ausrede, Unplausibles mit Bauchgefühl zu erklären.

Das Tempo dieses "Tatort" ist der einer schlaflosen Nacht, in der man sich im Bett wälzt und von unschönen Gedanken geplagt wird, zwischendurch mal aufsteht und sich ein wohltuendes Glas Wasser holt, wieder müde wird, und schließlich endlich - nein, so weit wollen wir den Vergleich nicht treiben, so schlecht ist "Die Amme" nicht. Kein Krimi zum Einschlafen. Aber der Krimi einer vergeudeten Nacht.

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Tatort Dortmund Stefanie Reinsperger
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