Diese obskure Sippschaft hatte mehr als eine "konservative Revolution" im Sinn: In ihrem zweiten "Tatort" bekamen es die Schwarzwald-Kommissare mit Bio-Bauern zu tun, die sich als "Schutzmacht für deutsches Blut und deutschen Boden" berufen fühlten. Eine abstruse Autoren-Fantasie? Leider nicht.

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Was war los?

Die älteste Tochter einer Kleinbauernfamilie kam unter mysteriösen Umständen ums Leben. Wie konnte es sein, dass Sonnhild Böttger (Gro Swantje Kohlhof) so plötzlich an den Folgen einer Diabetes-Erkrankung starb, von der praktisch niemand etwas wusste?

Was war das für ein dubioser Hausarzt, der über "sexuelle Konflikte" als Krankheitsursache philosophierte?

Und was ist das für eine seltsame Sippe, die sich in kleinbäuerlicher Abgeschiedenheit dem modernen Leben mit seinen Handys und Computern grimmig verweigert?

Und die auffällig bierernst von Blut, Boden und den Traditionen der Ahnen fabuliert, davon dass Land und Leute zusammengehören?

Wie waren die Kommissare in Form?

Erschreckend abgekämpft, wenn man bedenkt, dass dies erst ihr zweiter Auftritt am Sonntagabend war. Franziska Tobler wurden ein Kinderwunschproblem und eine daraus resultierende Beziehungskrise ins Drehbuch geschrieben. Auch ihrem Beruf wirkt sie trotz guter Intuitionen latent nicht gewachsen. Eva Löbau spielt solche um Anerkennung und Respekt ringenden Schattengewächse unnachahmlich.

Hobbybauer Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) ließ sich indes viel zu lange einlullen von den Predigten seines Jugendfreundes Volkmar (Nicki von Tempelhoff). Eine Lebensaufgabe sei es, heimische Arten zu schützen, "unbezahlbares Erbgut aus keltischer Zeit".

Wunderbar fließend waren da die rhetorischen Übergänge von den Bäumen zu den Menschen gestrickt (Buch: Patrick Brunken). Bis es auch dem naivsten Bio-Romantiker wie Schuppen von den Augen fiel. "Unser Artglaube macht uns zu Wehrbauern im Krieg gegen die Umvolkung, zu einem Bollwerk gegen den Volkstod", wetterte der völkische Volkmar ausgerechnet auf der Beerdigung seiner eigenen Tochter: "Zu einer Schutzmacht für deutsches Blut und deutschen Boden."

Wie spannend ging es zu?

Gemächlich wie ein Oldtimer-Traktor tuckerte dieser Ruralkrimi von Regisseur Umut Dag vor sich hin. Sorgsam wurde noch eine V-Mann-Geschichte eingeflochten, die an die skandalösen Verwicklungen des Staatsschutzes in den NSU-Fall denken lässt.

Dass es auf den rechtsradikalen Verlobten des Opfers (David Zimmerschied) als Täter hinauslief, war klar wie Morgentau. Alles lag ausgebreitet da. Keine schwer begreiflichen Verwicklungen wie im jüngsten Franken-"Tatort", der ein ähnliches Thema hatte: die rechtsextreme Unterwanderung der bürgerlichen Gesellschaft.

Wie realistisch ging es zu?

Sehr realistisch! Aus der guten Landluft war das Gruselszenario jedenfalls nicht gegriffen. "Rund 1.000 völkische Siedler haben das Bauerntum zur Grundlage ihrer Existenz gemacht", schrieb der "Deutschlandfunk" vergangenes Jahr in einer ausführlichen Reportage über eine hermetische Szene, die sich weitgehend unter dem Radar des Verfassungsschutzes in von Landflucht geprägten Gegenden breitmacht.

Die unterschiedlichen Gruppierungen eine der "Glaube an die Überlegenheit des deutschen Volkes, ein rassistisch-antisemitisches Weltbild und die Ablehnung einer weltoffenen und demokratischen Gesellschaft".

Woher kennen "Tatort"-Fans die beiden Bauerstöchter?

So jung sie sind: Beim "Tatort" haben die Darstellerinnen der beiden Schwestern Sonnhild und Mechthild schon Spuren hinterlassen.

Gro Swantje Kohlhof (23), die das Mordopfer Sonnhild spielt, hatte zuvor bereits zwei Gänsehaut-Auftritte beim Sonntagskrimi hinter sich: In "Die Wiederkehr" (2015) spielte die Hamburgerin eine durchtriebene Hochstaplerin in Bremen, in der Konstanzer Folge "Rebecca" (2016) gab sie ein Entführungs- und Missbrauchsopfer.

Janina Fautz (22), Darstellerin der jüngeren Tochter Mechthild, suchte 2017 im Münster-"Tatort: Fangschuss" als blau gefärbtes Früchtchen ihren leiblichen Vater. Seit vergangenem Jahr hat die gebürtige Rhein-Pfälzerin eine feste Rolle in der ZDF-Krimireihe "Wilsberg".

Wie gut war der "Tatort"?

Ein Spannungskrimi war der zweite "Tatort" aus dem Landstrich der Kuckucksuhren nicht. Eher ein Anspannungskrimi, der seine Kraft aus der Beklemmung zieht. Und aus der großartigen Kameraarbeit (Stefan Sommer).

Wir vergeben eine Drei.

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"Tatort": Die zehn größten Aufreger

Protestkundgebungen vor dem Hauptstadtstudio; ein wütender Ministerpräsident; ein echter Terrorist, der aus Versehen ins Bild geriet - die Geschichte des "Tatorts" ist reich an Skandalen.