Boerne und Thiel ermitteln in ihrem neuesten Fall experimentell: Der Professor ist ein Geist und der Kommissar bewacht die Vorhölle. Aber der eigentliche Teufel in "Limbus" ist ein psychopathischer Arzt, der es auf Boerne abgesehen hat.

Iris Alanyali.
Eine Kritik
von Iris Alanyali

Oha, ein "Tatort"-Experiment. Das kommt ja immer wahnsinnig gut an. Aber wenn, dann lässt es sich wohl mit dem Münsteraner Team wagen, weil seine Fans Kommissar Thiel und Professor Boerne ziemlich bedingungslos lieben und Gegner die beiden Ermittler sowieso nicht leiden können. Vielleicht kommt "Limbus" bei Letzteren sogar ungewöhnlich gut an. Denn wenn man die Prämisse außer Acht lässt, ist diese Folge ein ziemlich konventioneller Fall: Ein gekränkter Psychopath bringt als falscher Arzt reihenweise Leute um. Einer dieser Leute ist allerdings Professor Boerne, und der ermittelt jetzt als Fast-Toter in seinem eigenen Fast-Mordfall. Drangeblieben?

"Tatort" aus Münster: Abendunterhaltung in der Vorhölle

Dann also weiter: Axel Prahl tritt in "Limbus" in einer Doppelrolle auf. Er ist weiterhin Kommissar Frank Thiel, aber in einem Alternativuniversum ist er eine Art Teufel, nämlich der "Geschäftsführer" des Limbus. Der Limbus ist in der katholischen Theologie die Vorhölle, in diesem Fall ist es ein ganz in Schwarz gerichtetes kühles Verwaltungszimmer, in dem es Kaffee und Leberwurstbrot gibt, im Fernsehen ein Karnevalsumzug läuft und Formulare ausgefüllt werden müssen, wenn man Widerspruch einlegen will. Teufel-Thiel (der im Übrigen nicht besonders teuflisch wirkt, sondern eher mit beamtenhafter Wichtigkeit daherkommt) wartet nämlich darauf, Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) in die richtige Abteilung zu geleiten.

Abteilung I liegt "oben", Abteilung II "unten". Worauf der Professor zusteuert, dürfte klar sein. Zumal Teufel-Thiel vom Geister-Boerne fast so genervt ist wie Kommissar Thiel vom Kollegen: "Sie stören die Ordnung der Dinge", sagt er über Boernes penetranten Lebenswillen. Aber erst einmal muss Boerne eine Wartemarke ziehen.

Immer noch nicht Augen rollend abgewunken? Dann besteht offenbar eine gewisse Offenheit für den Limbus als Terminus für Rand und Übergang. Für grenzwertige "Tatort"-Fälle. Solche, in denen sich ja zum Beispiel auch Wiesbadens Kommissar Murot gern bewegt.

Der Teufel im Ärztekittel

Kommen wir also zu Thiels und Boernes Grenzfall: Professor Boerne will ein Buch über den Tod schreiben. Er habe eine Urlaubsvertretung organisiert, werden die überraschten Kollegen bei einem Abschiedsessen informiert, und fahre jetzt für drei Monate nach Holland. Auf der Fahrt in sein Schreibdomizil aber kommt er mit dem Auto bei rasendem Tempo von der Fahrbahn ab und landet schwer verletzt auf der Intensivstation. Thiel und Boernes Assistentin Silke Haller (Christine Urspruch) glauben nicht an einen Unfall und beginnen, nachzuforschen. Boerne kommt die Sache auch komisch vor, erst einmal nur, weil er seinen irdischen Körper verlassen hat und jetzt quasi neben sich steht. Dann steht er den Kollegen zur Seite. Und sieht, dass der Dr. Jens Jacoby, der sich beim trauernden Team in der Rechtsmedizin als die von Boerne organisierte Urlaubsvertretung vorstellt, gar nicht sein Dr. Jacoby ist.

Der falsche Jacoby ist natürlich der wahre Teufel in "Limbus". Hans Löw spielt ihn mit einer überzeugend unheimlichen Maskenhaftigkeit, die die unterschwellige Bedrohung ahnen lässt, die von seiner Gestalt ausgeht: Mit seinen 1,92 Zentimetern Körperlänge und dem steten freundlichen Lächeln scheint er das Geschehen aus allwissender Distanz ganz genau zu beobachten. Um dann ziemlich teuflisch zu handeln.

Für den Geister-Boerne ist es natürlich schwierig, seinen Kollegen die Gefahr klar zu machen. Wo sie ihn doch nicht sehen können. Aber fühlen, immerhin. Irgendwie.

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Das Bauchgefühl als Ermittlungsmethode

"Limbus" ist ein Krimi über das Bauchgefühl als Ermittlungsmethode. Thiel hat "so eine Ahnung", Haller "so ein Gefühl" und Boerne geistert mit einer Verzweiflung zwischen ihnen, deren Energie die Lichter flackern, Telefone vergeblich klingeln und E-Mails als sich hektisch verselbständigter Computervirus ankommen lässt.

"Limbus" hat seinen Spaß mit übersinnlichen Erscheinungen, und Regisseur Max Zähle, Kameramann Frank Küpper und Szenenbildnerin Michaela Schumann finden schöne Bilder sowohl für das Jenseits als auch seine sehr profane Verortung im Hier und Jetzt. Der Limbus ist eine kafkaeske Illusion mit Paternoster, sein Boden ein Wasserspiegel und seine langen schwarzen Gänge korrespondieren mit den weißen Fluren des Krankenhauses, haben aber Türen, die ins Nirgendwo führen – oder in einen Allerwelts-Hinterhof, wenn Geister-Boerne die vorübergehende Flucht ins Diesseits erlaubt wird.

Die Konstellation erlaubt natürlich auch den altbekannten (Alb-)Traum, zum unsichtbaren Zeugen des eigenen Alltags zu werden: Boerne kann seine Kollegen über ihn reden hören und er hört entsetzt, wie sie ihn eitel nennen. Und nachtragend. Geizig. Kleinlich. Arrogant. Aber gleichzeitig sieht er ihre Taten, die mehr als Worte sprechen. Insbesondere Silke "Alberich" Hallers Sorge ist rührend – ausgerechnet sie, der Wagner-Fan Boerne einen wagnerischen Spitznamen verpasst hat, spielt ihm am Krankenbett Wagner vor. Der Limbus wird für Boerne zum Logenplatz, um die unleugbare Verwandlung von Kollegen in Freunde zu erfahren – eine Dimension, die dem Drehbuch von Magnus Vattrodt zusätzliche Tiefe verleiht.

Mal sehen, ob sich Beziehungen verändern. Oder wie Boernes Sarkasmus mit der Nahtoderfahrung zurechtkommt. Denn die wahre Prüfung erleben solche Experimentierepisoden ja immer erst in der Zukunft: Bleibt "Limbus" eine folgenlose Folge, oder verändert sie die Figuren? Den nächsten "Tatort" aus Münster soll es schon im Dezember geben.

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