Die Kommissare Ballauf und Schenk müssen den Mord an einer Obdachlosen klären. Viel spannender ist in diesem Kölner "Tatort" die eindringlich erzählte Geschichte von fünf Frauen und ihrem Kampf um Würde unter widrigsten Bedingungen.

Iris Alanyali
Eine Kritik
von Iris Alanyali
Diese Kritik stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Die besten "Tatorte" sind nach 90 Minuten nicht vorbei. Die besten "Tatorte" verändern den eigenen Blick auf die Welt. Und manche von ihnen führen dazu, dass man bei dem Wort "Sozialdrama" nicht mit den Augen rollt und sich zu Professor Boerne nach Münster wünscht, sondern dass man schluckt. Und vom Wunsch beseelt ist, die Gesellschaft verändern zu wollen, gleich morgen früh.

Und selbst wenn dieses Gefühl wie so oft am nächsten Morgen schon wieder verflogen ist – ein Korn ist gesät. Ein leises Unbehagen an den herrschenden Zuständen, an der eigenen Tatenlosigkeit bleibt. Und irgendwann verändert sich doch etwas. Kunst kann diese Wirkung haben. Das muss nicht immer ein großes Werk sein, manchmal schafft das auch ein kleiner Krimi am Sonntagabend.

"Tatort: Wie alle anderen auch": Vom Zusammenhalt und dem Leben auf der Straße

"Wie alle anderen auch" ist so ein "Tatort". Er erzählt eine Geschichte von der Straße. Auf die haben wir nach diesem "Tatort" einen anderen Blick. Weil wir Ella, Gertrud, Katja, Monika und Regine kennengelernt haben. Monika wird sterben, unter einer Brücke verbrennen. Die Kommissare Ballauf und Schenk (Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär) werden fieberhaft nach Ella suchen. Sie war Monikas Freundin und ist eine Verdächtige. Aber darum geht es in diesem "Tatort" nicht wirklich. Es geht um Ella, Gertrud, Katja, Monika und Regine.

Die junge Ella wird von ihrem Mann seit Jahren misshandelt. Eines Abends schlägt sie zurück. Scheinbar tot liegt er auf dem Boden. Ella gerät in Panik, packt ein paar Sachen – und landet auf der Straße. Monika nimmt sich ihrer an. Sie ist schon lange obdachlos, aber die Straße hat sie nicht gebrochen, es scheint fast, als ob das unbarmherzige Leben hier der Unbehaustheit ihrer Seele entspricht. Monika kämpft und streitet und kümmert sich um Neuzugänge wie Ella. Bis die sich an Axel klammert, der in einem Bahnhofsimbiss die Tische abwischt und freundlich zu ihr ist.

Gertrud dagegen kümmert sich lieber nur um ihren Einkaufswagen voller Tüten und ihren kleinen Hund. Sie ist schon so lange dabei, dass sie sich den begehrten Bettelplatz vor dem Dom gesichert hat und ihn mit Haut und Haar und den wenigen Zähnen, die ihr noch geblieben sind, verteidigt.

Dann ist da noch Katja, die Altenpflegerin. Duschen kann sie auf der Arbeit, etwas zu essen bekommt sie dort auch. Dass sie in ihrem Auto schlafen muss, darf keiner wissen. Wenn sie deshalb ihren Arbeitsplatz auch noch verliert, ist das letzte bisschen Würde weg.

Um all diese Frauen kümmert sich schließlich Regine, die Leiterin des "Kabäus'chen", wo die Frauen mit einem Briefkasten eine feste Adresse vortäuschen können, wo sie eine Suppe und Hilfe beim Ausfüllen der vielen Formulare bekommen, mit denen die Ungerechtigkeit gerecht verteilt wird. Regine respektiert die Privatsphäre der Frauen, wäscht ihre Wäsche, hört ihnen zu. Und am Abend geht sie in ihre winzige Wohnung, füttert die Katze und zieht ein Rollo vors Fenster, sodass der Blick auf Köln sich in einen Palmenstrand am Meer verwandelt.

"Wie alle anderen auch": Ein "Tatort" voller bleibender Eindrücke

Warum wir das alles so ausführlich erzählen? Weil die Stärke dieses "Tatort" in diesen Lebensgeschichten liegt. Drehbuchautor Jürgen Werner und Regisseurin Nina Wolfrum haben bereits im vergangenen Jahr mit "Niemals ohne mich" einen herausragenden Kölner "Tatort" geschaffen, der über den Mord an einer Jugendamtsmitarbeiterin einen problembehafteten Aspekt des Sozialstaates erzählt. Auch hier gelingt es ihnen gemeinsam mit der Kamera von Katharina Diessner und dem Casting von Iris Baumüller, Randfiguren der Gesellschaft mitten ins Herz der Zuschauer zu rücken.

"Wie alle anderen auch" ist gefilmt wie eine Dokumentation, deren Nahaufnahmen zu einer Eindringlichkeit führen, der man sich nicht entziehen kann. So authentisch, dass man sich bewusst machen muss, dass Ricarda Seifried, Rike Eckermann, Hildegard Schroedter, Jana Julia Roth und Dana Cebulla "nur" die beeindruckenden Darstellerinnen von Ella, Monika, Regine, Katja und Gertrud sind – und nicht auf Kölns Straßen betteln oder unter Kölns Brücken schlafen.

Aber die Sache ist natürlich die: Es gibt sie, die Ellas, Katjas, Regines. Hoch emotional, aber nie abgeschmackt, erzählt "Wie alle anderen auch" davon, dass diese Frauen in vielerlei Hinsicht ein Leben führen "wie alle anderen auch", nur dass sie so ungleich härter kämpfen müssen, unter ungleich komplizierteren Bedingungen. Um Essen, Liebe, Arbeit und darum, dass ihnen geglaubt wird. Wenn sie sagen, sie hätten nicht gestohlen, wie Katja. Dass sie vergewaltigt wurden, wie Monika. Dass sie nur ein Bett suchen, keinen Sex, wie Ella.

Spurensuche viel größeren Ausmaßes

Aus Verlierern werden in "Wie alle anderen auch" einfach nur müde Menschen. Unendlich erschöpfte Frauen, mit denen man Mitleid empfindet, für die man Verständnis aufbringt, denen man Hilfe zugestehen will, anstatt wie sonst so oft die eigene leise Abscheu damit zu entschuldigen, dass sie ja selbst schuld sind. Schwach sind. Dass sie sich einfach mal zusammenreißen sollten. Dass in unserem Sozialstaat sowas schließlich nicht möglich wäre ohne Grund.

Und Ballauf und Schenk? Die ermitteln. Ohne Rücksicht auf Gefühle, aber nicht ohne Herz. So werden sie auch in diesem Fall wieder zum Ruhepol, der den erschütterten Glauben an ein gerechtes Staatssystem zurückgeben soll. Daran, dass dessen gute Absichten nicht vollkommen ins Kleingedruckte der Bürokratie gerutscht sind.

So wird der Kölner "Tatort" nicht nur zur Suche nach Monikas Mörder, sondern zu einer Spurensuche viel größeren Ausmaßes. Zur Einladung, einen wacheren, emphatischeren Blick auf die Straßen zu werfen, die wir alle teilen.

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