• Ein Gast hängt tot von der Zimmerdecke, und die Hotelbesitzerin entführt Freddy Schenk.
  • Ausgerechnet in ihrem 80. Fall werden die Kölner "Tatort"-Kommissare brutal auseinandergerissen und müssen getrennt in der ostdeutschen Vergangenheit einer Toten forschen.
  • Die mitreißende Geschichte von "Der Tod der Anderen" lässt über Logikfehler hinwegsehen.
Eine Kritik
von Iris Alanyali

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Wenn zwei Frauen sich in der Lobby eines Luxushotels begegnen und ihre Kraft und die Spannung zwischen ihnen knistert wie bei einer gefährlichen chemischen Reaktion, dann fängt ein "Tatort" schon mal gut an. Und wenn die eine der beiden wenige Minuten später erhängt von der Hotelzimmerdecke baumelt und man sie schon vermisst, dann zeugt das von einer stark erzählten Geschichte. "Der Tod der Anderen" unter der Regie von Torsten C. Fischer, nach einem Drehbuch des bewährten Wolfgang Stauch, ist so ein "Tatort" mit starken Figuren. Da kann man dem Film die später doch ziemlich haarsträubende Verbrecherjagd von Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) nachsehen.

Rothaarig und Zigarette rauchend betritt Kathrin Kampe das Hotel Rheinpalais. Dieser Typ Frau weiß, was er will. Aber ihre dunklen Augen sind tieftraurig, und im Restaurant sieht man ihr an, dass sie das Menü und den teuersten Wein der Karte kaum bezahlen können wird. Hotelbesitzerin Bettina Mai, ihr Gegenüber aus der Lobby, beobachtet sie wachsam. Und dann sitzen da diese Männer an der Bar, die können noch so selbstbewusst tun: Kathrin Kampe hat sie ins Hotel bestellt, und sie sind der Aufforderung nachgekommen. Die Frau macht sie nervös.

Dann hängt Kathrin Kampe von der Zimmerdecke, und in ihren Sachen findet sich ein Erpresserbrief, gerichtet an die Hotelbesitzerin. Beide Frauen stammen aus dem Osten, die eine hat Karriere gemacht, die andere war ein Wrack. Der Fall scheint klar. Aber natürlich ist kein Fall klar, der nach 15 Minuten "Tatort" offensichtlich scheint.

"Tatort" aus Köln: Ein Roadtrip in die Vergangenheit - unschlüssig, aber fesselnd

Jetzt geht "Der Tod der Anderen" erst richtig los: Bettina Mai beteuert ihre Unschuld nicht einfach. Diese Sorte Opfer ist sie nicht. Bettina Mai bekräftigt ihre Unschuld, indem sie erst Norbert Jütte (Roland Riebeling) in ein Kellerloch sperrt und dann Freddy Schenk entführt: Sie will das Versteck des Assistenten erst verraten, nachdem der Kommissar ihr dabei geholfen hat, den "wahren Mörder" zu finden. Mit einem erzwungenen Anruf bei Ballauf ("Jütte und ich sind auf einer heißen Spur, stör uns nicht") soll der Kollege vom Hals gehalten werden, dann geht es auf einen Roadtrip durch schöne deutsche Landschaft in unschöne deutsch-deutsche Vergangenheit.

Womit wir beim eher problematischen Teil dieses Kölner Falls wären: Dass eine Polizeibehörde während eines brandaktuellen Mordfalls gelassen abwartet, während die Hauptverdächtige verschwunden ist und auch zwei Ermittler vom Erdboden verschluckt scheinen, ist schwer zu schlucken. Und Jütte stellt sich in seinem Gefängnis sogar für Jütte haarsträubend dämlich an. Zum Glück haben wir Kommissar Ballauf als Identifikationsfigur. Der wird immer ungeduldiger, seine Laune immer schlechter – bis er sich endlich selbst auf die Suche nach Spuren macht. Dass er sich nur kurz ins Auto setzen muss, um dort anzukommen, wofür Freddy Schenk und Bettina Mai eine Tagesfahrt mit Übernachtung gebraucht zu haben scheinen, wundert inzwischen auch nicht mehr.

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Denn der erstklassige Beginn von "Der Tod der Anderen" hat uns längst so tief hinein in das Geheimnis der beiden Frauen gezogen, dass wir da nicht mehr heraus wollen. Natürlich steht die in Ost-Berlin geborene Charakterdarstellerin Ulrike Krumbiegel als kompromisslose Erfolgsfrau Bettina Mai, die sich ihr Leben nicht (noch einmal) kaputtmachen lassen will, im Zentrum der Aufmerksamkeit. Aber noch beeindruckender ist eigentlich die Thüringerin Eva Weißenborn, die nur wenige Minuten hat, uns die ganze Tragik von Kathrin Kampes Schicksal fühlen zu lassen.

Jede der beiden behält, sogar über den Tod hinaus, die Fäden in der Hand. Die Männer sind raffiniert eingesetzte Spielfiguren. Auch Freddy Schenk: Seine selbstsichere Entführerin verwandelt die berufliche Neugier des Kommissars in Verständnis, das einem Stockholm-Syndrom verdächtig ähnlich sieht – sogar Händchen werden gehalten.

Zum 80. Jubiläum: Das eingespielte Team wird auseinandergerissen

Schließlich war im Osten vielleicht nicht alles schlecht, aber ziemlich schlimm. Die Vergangenheit der Frauen tritt Schritt für Schritt zutage - oder, angesichts von Bettina Mais Roadtrip mit Schenk, Aufenthalt für Aufenthalt. Private Verstrickungen zwischen den Frauen am langen Hebel und den Männern an der Bar enthüllen eine fatale Ost-West-Symbiose, die wiederum Tod und andere Vergehen in neuem Licht erscheinen lassen.

Und ganz nebenbei spielt dieser "Tatort" mit der Beziehung der beiden Kommissare, zwischen die ja meist kein Durchsuchungsformular passt. Die Idee, die beiden ausgerechnet in ihrem 80. Fall so brutal auseinanderzureißen, hat ihren Reiz. Geradezu rührend, wie nervös der Freddy ohne seinen Max wird, wie verloren Ballauf ohne Schenk wirkt. Auch die dritte eigenwillige Frau in diesem Film, die kriminaltechnische Spezialistin Natalie Förster (Tinka Fürst), die mangels "Jütte" Max Ballauf assistiert, ist ein spannendes neues Element im Beziehungsgeflecht der Ermittler. Praktischerweise stammt Natalie Förster auch aus dem Osten und kann Ballauf - uneleganterweise natürlich eigentlich uns Zuschauern – sachdienliche Erklärungen zu manch' putzigen realsozialistischen Eigenheiten liefern.

Mit "Das Leben der Anderen" hat "Der Tod der Anderen" wenig zu tun, der Kölner "Tatort" tut sich mit der Anspielung auf Florian Henckel von Donnersmarcks preisgekröntes Meisterwerk keinen Gefallen. Aber als Geburtstags-"Tatort" für Ballauf und Schenk unterhält er, dank überzeugender Darsteller in starken Rollen sogar als verspäteter Beitrag zum 30. Einheitsjubiläum.

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