Zweimal "Tatort", zweimal Flüchtlinge im Fokus: Nach "Land in dieser Zeit" zeigte das Erste Sonntagabend wieder einen "Tatort", bei dem Geflüchtete im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Und auch das ist gleich: In beiden Fällen versuchen die Autoren bewusst, jede einseitige Darstellung zu vermeiden.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock, Freier Autor

Jeder, der regelmäßig den "Tatort" sieht, dürfte sich bei der vergangenen Folge "Wacht am Rhein" wie in einem Déjà-vu vorgekommen sein. Wieder ein Mord. Und wieder steht ein Flüchtling unter Verdacht.

Dass sich beide aufeinanderfolgende "Tatorte" in der Thematik ähneln, sollte man als Zuschauer verkraften können – zumindest solange die Fälle als Krimis überzeugen, denn dafür schaut man sich einen "Tatort" in der Regel ja an.

Dass man bei den beiden Fällen trotzdem aufmerksam wird, hängt also weniger mit einer Themendoppelung zusammen, sondern damit, wie die Autoren der beiden "Tatorte" mit dem Thema Flüchtlinge umgehen: nämlich betont mehrdimensional.

Wenn man es sich als Zuschauer gerade in seinem Schubladen-Denken gemütlich gemacht hat, wird alles auf den Kopf gestellt. Es ist ein permanentes Aufstellen und Abreißen von Klischees über Flüchtlinge.

Ein belegtes Bad wird zum Politikum

"Land in dieser Zeit" präsentierte den Tatverdächtigen als einen Flüchtling aus dem Senegal, der beteuert, nichts mit einem tödlichen Brandanschlag zu tun gehabt zu haben. Und das, obwohl er dem Opfer bei einem Streit den Tod angedroht haben soll, weil dieses ihn gebeten habe, nicht vor dem Laden mit Drogen zu dealen.

Der Mordvorwurf entpuppt sich während des Falls als haltlos, und der Streit war am Ende dann doch etwas anders als zunächst dargestellt. Mörder oder nicht, unschuldig oder schuldig: Das Bild des afrikanischen Drogendealers bleibt.

Matthias Brandt hat keine Lust mehr auf Krimi - er will aussteigen.

Vielschichtig ist das Bild der Flüchtlinge, die im Haus von Kommissar Brix' Freundin Fanny unterkommen, in dem auch der Kommissar selbst wohnt. Anfangs knirscht es zwischen Brix und seinen neuen Mitbewohnern gewaltig.

"Scheiß Flüchtlinge", zischt der Kommissar, als morgens das Bad blockiert ist - und zeigt damit, wie ganz normale Konflikte politisiert werden. Ein morgendlich besetztes Bad ist Alltag in unseren Familien und Wohngemeinschaften, aber niemand käme auf die Idee, "Scheiß Teenager-Töchter" oder "Scheiß Mitbewohner" zu rufen.

Doch die ganz normalen Probleme, die immer auftauchen, wenn zwei oder mehr Menschen unter einem gemeinsamen Dach zusammenleben, sind schneller verschwunden als gedacht: Die Flüchtlinge im Hause Fanny sind freundlich, lernen eifrig Deutsch, man isst zusammen, Kommissarin Janneke bietet sogar Hilfe bei der Jobsuche an.

Der erneute Bruch im Kopf des Zuschauers kommt, als einer der Flüchtlinge unter dem Verdacht festgenommen wird, falsche Angaben bei seiner Herkunft gemacht zu haben.

Guter Flüchtling, schlechter Flüchtling – was denn nun? Am Ende vielleicht einfach nur ein Mensch, der von einem besseren Leben träumt, wie es jeder tut? "Land in dieser Zeit" macht es Schubladendenkern schwer.

Schwarz und Weiß wird Grau

Noch schwieriger macht es einem aber der jüngste Fall "Wacht am Rhein": Nachts wird der Angehörige einer Bürgerwehr erschossen, als er seinem Vater, einem Zoohandlungsbesitzer, bei einem Überfall beistehen will. Der Täter entkommt unerkannt, ein junger Flüchtling wird aber schnell als Tatverdächtiger ausgemacht.

Eine Bürgerwehr, ein unsympathischer Verdächtiger, der aber nicht der Mörder ist, Ausländer, die einen Kommissar zusammenschlagen. Dazu Deutsche, die vermeintliche Ausländer durch die Straßen jagen, ein Mitglied der Bürgerwehr mit marokkanischen Wurzeln, das einen Tatverdächtigen im Keller foltert, eine Deutsche, die sich für Flüchtlinge engagiert und von ihnen bedroht wird. Und dann ist da noch der Chef der Bürgerwehr, der die Menschen aufhetzt, aber am Ende den wahren Mörder decken will: Bei "Wacht am Rhein" verschwimmt jegliches Schwarzweiß zu einem einzigen Grau.

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Über all dem schwebt ein bedrückendes Klima der Angst, das aus Vorurteilen Hass, aus Unschuldigen Opfer und aus besorgten Bürgern Täter macht. Hier gibt es nicht die einen hier und dort die anderen.

Jeder ist Opfer und Täter zugleich, niemand nur böse, niemand nur gut. Das Bild vom bösen Flüchtling funktioniert genauso wenig wie das vom guten. Es sind einfach nur Menschen.

"Was hat das mit mir zu tun?"

Besonders deutlich wird das bei dem Ladenbesitzer mit marokkanischen Wurzeln. Er ist Mitglied der Bürgerwehr, weil er sich wie viele aus seinem Viertel nicht mehr sicher fühlt. Als er den vermeintlichen Täter entdeckt, sperrt er ihn in seinen Keller und foltert ihn.

Doch der ist eben nicht der Täter und noch nicht einmal einer von "denen", die das Viertel unsicher machen, sondern ein in Tunesien geborener Deutscher, der in Köln studiert und lediglich die falsche Jacke anhatte: "Was hat das mit mir zu tun?", fragt der gefesselte Student. "Weil ich Arabisch spreche? Weil ich Moslem bin? Deutsche vergewaltigen Kinder, stehlen betrügen, lügen. Deswegen sind doch nicht alle Deutschen so. Aber wir Araber, wir sind alle gleich?"

Ähnlich hörte man es von Kommissarin Janneke im Frankfurter Fall von vergangener Woche. "Die Hautfarbe und die Nationalität hat doch gar nichts mit gut und böse zu tun", echauffiert sich dort die Kommissarin im Disput mit einer jungen Frau, die in rechte Kreise abgerutscht ist.

Genauso wenig, wie es "die" Deutschen gibt, gibt es "die" Flüchtlinge. Und beide "Tatorte" rufen dazu auf, Vorurteile abzulegen und echte Probleme von falschen zu trennen. Denn wie wir gemeinsam leben, ist eine Frage der Antwort, die wir auf diese Probleme geben. Eine einfache, wie manche uns glauben machen wollen, wird es auf jeden Fall nicht sein können.