Erst sieht es aus wie immer, was die ARD zur Sonntagsprimetime sendet. Das Auge im Fadenkreuz, die rennenden Beine. Dann zoomt die Kamera aus einem Fernsehgerät heraus, das der Wiesbadener LKA-Ermittler Felix Murot ausknipst. Jedenfalls weiß der Krimigucker sofort, woran er war. Auch der dritte "Tatort" namens" Schwindelfrei" mit Ulrich Tukur ist wieder eine ganz eigene Marke.

Worum geht's hier eigentlich?

Eine Frau verschwindet spurlos. Eine aufgebrachte Zuschauerin meldet sich während einer Zirkusvorstellung in Fulda aus den Rängen mit den Worten: "Da ist er, lasst ihn nicht entkommen!" - Jemand kappt die Stromzufuhr. Als das Licht wieder angeht, ist die Frau nicht mehr da und wird bald schon vermisst gemeldet. Felix Murot hat dies als Zirkusbesucher miterlebt und ergreift die Gelegenheit. Er ersetzt den zufällig an der Hand verletzten Zirkus-Pianisten und ergründet aus dem Inneren der fahrenden Truppe die Umstände dieses seltsamen Falls. Seine berufliche Pflicht und sein privates Vergnügen gehen hier Hand in Hand. Der Polizist und Varieté-Fan klimpert offenbar für sein Leben gern und das auch alles andere als schlecht.

Heike Makatsch geht unter die "Tatort"-Kommissare. Wie die "Bild"-Zeitung erfahren haben will, ermittelt die 42 Jahre alte Schauspielerin künftig einmal im Jahr für den SWR in Baden-Württemberg.

Wie nervenzerfetzend ist die Spannung?

Der sehr spezielle "Tatort"-Kriminaler Murot singt, spielt Klavier sagt Gedichte auf und raspelt Süßholz. Die Ermittlungen laufen eher nebenher. Am Spannendsten ist die Frage, wie so ein skurriler Auftritt beim "Tatort"-Fan-Volk ankommt. Freunde eines konventionell erzählten TV-Krimis werden sich wohl erneut entsetzt abwenden. Immerhin glänzen die "Tukur"-"Tatorte" allesamt mit Stil und feiner Ironie.

Ergibt das alles Sinn?

Hinrichs und Manzel sind die neuen Kommissare im Franken-"Tatort".

Nachdem es bei Tukur-"Tatorten" auch schon Halluzinationen und Albtraumsequenzen gab, ist diese Zirkusnummer von knochentrockenem Realismus geprägt. Aus dem Leben gegriffen ist allerdings etwas anderes: Ein LKA-Mann mit Clownsschminke überführt einen Mörder in gereimter Versform.

Braucht man das Drumherum?

Selbstverständlich braucht man das Drumherum. Denn das Drumherum ist hier alles. Ohne die Clowns, Artisten, Messerwerfer und Sprücheklopfer bliebe nicht viel übrig von der Geschichte, die Justus von Dohnányi - besser bekannt als Schauspieler - erdacht und inszeniert hat.

Würde man diese Kommissare im Notfall rufen?

In einem echten Notfall würde man wohl eher auf einen tatkräftigeren Ordnungshüter bauen als auf diesen bedächtigen, kunstsinnigen Seelentiefschürfer. Ein kultivierter und angenehmer Gesprächspartner bei einem Glas Rotwein wäre er allerdings allemal.

Wie fies sind die Verbrecher?

Der großartige Schauspieler Uwe Bohm als Messerwerfer wirkt mit seinem bohrenden Blick stets bedrohlich. Einem Messerwerfer wird sich der Zuschauer dieses Zirkus-"Tatorts" womöglich nicht so schnell als Freiwilliger anvertrauen.

Muss man das sehen?

Wer die gängigen Erwartungen an einem Tatort beiseite legt, kann diesen liebevoll bebilderten Film mit seinen skurrilen Charakteren durchaus genießen. Anders als der letzte Tukur-"Tatort" vor zwei Jahren - eine arg überdrehte Edgar-Wallace-Imitation "Das Dorf" - ist "Schwindelfrei" wieder ein Film, der nach seinen eigenen Maßstäben ganz wunderbar funktioniert.

Autor: Jens Szameit