Eigentlich könnte ja schon so etwas wie vorgezogener Winter-Weihnachtsfrieden herrschen: Nicht aber im irritierenden neuen BR-"Tatort: Allmächtig", der nicht nur jahreszeitlich unpassend im Hochsommer spielt, sondern vor allem ziemlich brutal ist.

Die Gewalttaten, die von den Münchner Kommissaren Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) begutachtet werden müssen, gehen unter die Haut. Es geht um den selbstgerechten Kamera-Junkie und selbsterklärten Internet-"Entertainer" Albert A. Anast (Alexander Schubert). Schon in den ersten Filmminuten wird klar, dass einen Kotzbrocken wie ihn eine Art "gerechte" Strafe ereilen muss. Doch welches der vielen Opfer des schonungslosen "Aufklärers" sich an ihm rächt, ergibt sich erst nach einigen Hackenschlägen der Handlung. Unterm Strich erweist sich "Allmächtig" allerdings alles andere als bewegend, sondern als ein platt belehrender Zeigefinger-"Tatort".

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"Tatort": Wer mit wem und wo?

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Wie nervenzerfetzend ist die Spannung?

Regisseur Jochen Alexander Freydank setzt viel stärker auf die Warum-Spannung als auf Aufklärung, was wirklich geschehen sein könnte. Wirklich mitfiebern kann man allerdings kaum - weil sowohl Opfer als auch Täter Kunstfiguren bleiben, zu denen man kaum emotionale Beziehungen aufbauen kann.

Ergibt das alles Sinn?

Bedingt. Erkennbar ist der Wille der BR-Verantwortlichen, den Zuschauern zu vermitteln, was sich für verkommene Gestalten in der Fernsehszene tummeln. Und dass es Kollegen gibt, die für eine vermeintliche "Knüller"-Story über Leichen gehen. Außerdem erklärt Kommissar Batic den perfiden Reiz, der von Sensationsberichten etwa über "Messies" ausgeht. Es ist der soziale Abwärtsvergleich, der die Gaffer anlockt. O-Ton: "Wenn man sieht, wie dreckig es denn anderen geht, geht's einem gleich viel besser." Gut, dass dies nun geklärt ist.

Zuschauer und Schauspieler sind vom Sonntags-Krimi überfordert.

Braucht man das Drumherum?

Wer nicht selbst in einem dieser schicken Agentur-Büros in fast menschenleeren Industrie-Lofts arbeitet, dürfte das seelenlose Dekor des Films schnell ungemütlich finden. Von der dick aufgetragenen Klischeewelt der TV-Schickeria zu einer Berghütte, in der nach archaischem Ritus ein Teufel ausgetrieben wird, ist es ein weiter Weg. Und ein ziemlich wilder Ritt.

Würde man diese Kommissare im Notfall rufen?

Natürlich. Immerhin verstehen es Batic und Leitmayr, mitten im wüst überzeichneten Medien-Irrsinn mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben. Leider lässt das "Tatort"-Drehbuch dem Kommissaren-Paar diesmal wenig Raum, den Horror mit Humor zu bewältigen.

Wie fies sind die Verbrecher?

Deftig. Wer beim Anblick der von Maden angeknabberten Erstochenen noch beim Essen sitzt, hat Pech gehabt. Was beim brutalen Exorzismus-Ritual genau vor sich geht, wird zum Glück nicht in Nahaufnahmen ausgemalt.

Muss man das sehen?

Nein. Es gibt bessere Gelegenheiten, durch den Sonntagabend zu kommen und die Weihnachtsvorfreude am Köcheln zu halten.