Mit einer Doku über verschwundene Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen will RTL seinen Thriller "Passagier 23" abrunden und Realität von Fiktion trennen. Das geht in weiten Strecken völlig in die Hose. Am Ende weiß man immerhin: Die Chance, auf einer Kreuzfahrt zu sterben, ist nicht sehr groß.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock, Freier Autor

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Ein Polizeipsychologe sucht auf einem Kreuzfahrtschiff nach Frau und Kind, die angeblich beide von Bord gesprungen sind. Das alleine hätte bereits einen spannenden Thriller hergegeben, aber bei Krimis darf's ja gerne einmal mehr sein.

So auch bei der Verfilmung von "Passagier 23", einem TV-Krimi nach Sebastian Fitzeks Buchvorlage, den RTL am Donnerstagabend gezeigt hat. Hier reicht das einfache Verschwinden von Menschen nicht, die Geschichte wird noch mit Racheplänen, einem Suizidversuch, Entführungen, Kindesmissbrauch und einer skurrilen alten Dame angereichert, die Verschwörungstheorien spinnt.

Kleinstadt Kreuzfahrtschiff?

Mit der Realität hat das freilich wenig zu tun. Trotzdem gibt es natürlich Fälle, in denen Passagiere von Kreuzfahrtschiffen verschwinden und so will RTL im Anschluss an den fiktiven Thriller mithilfe der Dokumentation "Traumreise ohne Wiederkehr – Warum Menschen spurlos von Kreuzfahrtschiffen verschwinden" die Realität zu Wort kommen lassen. Trotzdem beginnt die Doku erst einmal mit einer Binse: "Es passieren mehr Unglücke, als die großen Reedereien zugeben möchten."

Konkreter wird es dann, als man über den Fall Küblböck tiefer in die Materie eindringt. Als Reiseleiter in die Welt der Kreuzfahrtschiffe und ihrer Unglücke hat man sich den Buchautoren von "Passagier 23", Sebastian Fitzek, ausgesucht. Der macht selbst gerne Kreuzfahrten und hat für sein Buch diesbezüglich recherchiert.

Das reicht für RTL, ihn als Experten zu Wort kommen zu lassen und so startet Fitzek mit folgender Behauptung über Kreuzfahrtschiffe: "Das ist eine Kleinstadt und alles, was in einer Kleinstadt passiert, kann eben auch auf einem Kreuzfahrtschiff passieren. Auch dort verschwinden Menschen."

Das klingt erst einmal plausibel, aber schon wenig später wird sich Fitzek unbewusst selbst korrigieren und die Unterschiede erklären: "Wenn es keine Leiche gibt und keine Zeugen, keine Ermittler, die einen Tatort gesichert haben. Das heißt, die Kabine ist vielleicht nach zwei Tagen, wenn man Land sieht, schon wieder zerstört, was den Tatort anbelangt. Wie soll man diese Tat jemals aufklären?"

Zahlen ohne Einordnung

Halten wir also schon einmal fest: Auf Kreuzfahrtschiffen ist das Ermitteln schwieriger. Aber die Doku will weitere Fragen beantworten, allen voran: Warum verschwinden Passagiere?

Hier hat sich der Sender die Einschätzung von Kanadier Ross Klein geholt. Er ist "der einzige Wissenschaftler weltweit, der sich mit den Gefahren auf Kreuzfahrtschiffen auseinandersetzt" , wie die Off-Sprecherin erklärt. Klein hat Kriminalstatistiken ausgewertet und weiß Folgendes zu berichten:

Die Wahrscheinlichkeit, Opfer sexueller Gewalt zu werden, ist auf einem Kreuzfahrtschiff 50 Prozent höher als auf dem kanadischen Festland. 34 Prozent der Opfer sind Kinder. 10 bis 12 Prozent der Opfer fallen einfach so über Bord. 10 bis 12 Prozent sind betrunken, 15 Prozent begehen Suizid, nachdem sie im Kasino verloren oder Streit mit ihrem Partner hatten und 30 Prozent der Fälle sind ungeklärt.

Das sind durchaus interessante Zahlen, allerdings fehlt die nötige Einordnung: Wie hoch sind denn die Zahlen auf dem kanadischen Festland und unterscheiden die sich vielleicht auch sonst von denen anderer Länder? Wie viel Prozent der Fälle an Land sind ungeklärt? Und so weiter.

Sebastian Fitzek ist bei Krimis so etwas wie der Mann der Stunde. Ein Bestseller jagt den nächsten und am Donnerstagabend lief nun mit "Passagier 23" erneut eine Verfilmung eines Fitzek-Krimis bei RTL. Wir haben ihn gesehen und uns ein Bild dazu gemacht.

"Warum verschwinden also Passagiere?", fragt die Sprecherin weiter und gibt sich selbst die Antwort: "Das ist so schwer zu beantworten, weil es so selten Zeugen gibt. Vermutlich, wie wir gehört haben, durch Alkoholeinfluss oder durch Selbstmord. Bei einem Drittel aller Fälle weiß es niemand, es gibt keine Statistiken." So eine Aussage führt natürlich zu den Fragen: Wenn es keine Statistiken gibt, welche hat dann Herr Klein ausgewertet?

Es dauert nicht lange, bis der Zuschauer merkt, dass sich die Doku hier schwertut mit einer ordentlichen Unterfütterung. Stattdessen wird munter gemutmaßt und spekuliert, sodass solche Sätze von Sebastian Fitzek schon fast seriös klingen: "Die meisten tödlichen Unfälle passieren im Ankerraum." Das können also genau ein Unfall oder auch fünf Millionen sein. Nutzloses Wissen in Perfektion.

Aber auch von wissenschaftlicher Seite kommt nicht unbedingt Brauchbares: "Wenn jemand nachts um drei Uhr über Bord geht, wird das niemand beobachten", darf zum Beispiel Ross Klein noch sagen, um ein Kreuzfahrtschiff als den Ort des perfekten Verbrechens zu deklarieren und vergisst dabei, dass die wenigsten Mörder sich für ihre Tat volle Marktplätze zur Mittagszeit aussuchen.

"Es ist schon gruselig"

Kurzum, die Quellenlage ist bis hierher dünn: Youtube-Videos, ein Soziologe – interessanterweise der einzige auf dem Gebiet Kreuzfahrtschiffe, ein Krimi-Autor, eine Frau, deren Schwester aus ungeklärter Ursache verschwunden ist, ein Mann, der beteuert, seine Frau nicht getötet zu haben und die Schauspieler aus dem Film.

"Es ist schon gruselig", darf da zum Beispiel Schauspielerin Picco von Groote zum Thema Kreuzfahrt sagen und das wirklich Gruselige daran ist, dass das in der Doku tatsächlich als Beweis für was auch immer gesendet wird.

Als man merkt, dass man bei der Frage nach dem Warum nicht entscheidend weiterkommt, aber noch reichlich Sendezeit da ist, weicht die Doku auf Nebenfragen aus: Was passiert, wenn einer über Bord geht, wer hat an Bord das sagen, wie sicher sind Schiffe, wie verhält man sich, wenn man ins Wasser fehlt?

Die meisten der Antworten darauf sind banal, also versucht RTL noch ein bisschen was herauszukitzeln – mit äußerst dünner Beweisführung, wie zum Beispiel bei der Frage nach der Sicherheit von Schiffen. Hier zitiert die Doku Ingenieur Stefan Krüger: "Als Ingenieur können Sie nie sagen, dass etwas sicher ist, weil Sie dann unterstellen, dass niemals etwas passieren könnte. Aber die statistische Wahrscheinlichkeit, dass sie auf einer Kreuzfahrt umkommen, ist extrem gering."

RTL ist das offenbar nicht bedrohlich genug und so schiebt man hinterher: "Es sei denn, man fordert sein Schicksal heraus. Immer wieder tauchen Videos im Netz auf: Mutproben an Bord eines Kreuzfahrtschiffes."

Währenddessen ist ein solches Video zu sehen, auf dem ein Mann von einer Reling springt. Sieht dramatisch aus, nur liegt das Schiff noch fest vertäut im Hafen. Der Verdacht liegt also nahe, dass das Schiff wegen seiner Höhe ausgewählt wurde und nicht, weil es ein Kreuzfahrtschiff ist. Der Mut, von einem 80 Zentimeter hohen Hafenpoller zu springen, wird in der Von-hohen-Sachen-spring-Szene als eher gering eingeschätzt.

"Offenbar", "wissen wir nicht", "vermutlich"

Mit anderen Worten: Hier werden jeder Wortfetzen, der nach Verschwörung und jede Wissenslücke, die nach Mysterium klingen, dankbar aufgenommen und mit betroffen-verschwörerischem Ton etwas Abgesprochenes oder Gefährliches suggeriert.

Vieles von dem, was in der Doku angesprochen wird, ist aber tatsächlich bedenkenswert, wie zum Beispiel die Tatsache, dass es offenbar keinen unabhängigen Sicherheitsdienst und keine Polizei an Bord gibt oder die Verschwiegenheit der Reedereien. Das Traurige ist nur, dass die Doku in ihrer Machart derart unseriös daherkommt, dass das am Ende völlig hinten runterfällt.

"Offenbar", "wissen wir nicht", "vermutlich" – das sind die Vokabeln, die in "Traumreise ohne Wiederkehr" nicht nur einmal bemüht werden. Und so endet die Doku nur folgerichtig mit den Worten: "Und nur das Meer weiß, wohin. So groß, so friedlich, so tödlich." Warum hätte man auch beim Schlusswort plötzlich seriös werden sollen.

Der Sänger Daniel Küblböck ist am Sonntag während einer Kreuzfahrt über Bord gegangen und wird seitdem vermisst. Aber wie läuft die Suche nach Menschen im Meer eigentlich ab? Und wie verhalte ich mich, wenn ich selbst über Bord gehe?