Während die ersten Zuschauer nach dem Staffel-Finale von "Grey's Anatomy" schon mit Entzugserscheinungen kämpfen, schickt Pro7 heute Abend ein schnelles Nikotin-Pflaster hinterher. "Pure Genius" ist eine Art "Dr. House" mit viel Hightech-Zauberei. Das funktioniert ganz gut, gewöhnen sollte man sich an die neue Serie allerdings nicht.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock, Freier Autor

Es beginnt mit einem Kniff. Da heftet sich die Kamera an die Fersen eines Arztes, der durch ein Krankenhaus stapft und die besorgten Elten einer Koma-Patientin im Schlepptau hat.

Erstmals übernimmt eine Frau die Hauptrolle in der Kultserie.

Es ist laut, überfüllt, sichtlich heruntergekommen und die Patienten haben kaum Privatsphäre – kurzum, ein Ort, an dem man lieber nicht krank ist.

Und kurz nachdem dieser Arzt den verängstigten Eltern erklärt, dass er deren "frustrierende Situation" verstehen könne, taucht plötzlich ein junges Ärzte-Team auf. Alle in beruhigenden oliv-grünen Uniformen und einer "Wir bringen das in Ordnung"-Attitüde. Dann nehmen sie die Koma-Patientin mit.

"Pure Genius": "Dr. House" trifft Steve Jobs

Nun ist ein Krankenhaus als Schauplatz für eine Arzt-Serie irgendwie naheliegend, aber dieser Einstieg funktioniert deshalb so gut, weil die Patientin nicht irgendwohin gebracht wird, sondern nach "Bunker Hill" - und das hat absolut nichts mit einem öffentlichen Krankenhaus für Kassenpatienten zu tun.

"Bunker Hill" ist der zentrale Schauplatz der neuen Pro7-Serie "Pure Genius" und so etwas wie das Krankenhaus 3.0. Es ist nicht nur ein Ort, an dem man krank sein, sondern auch gesund werden kann. Mit viel Licht, Stil, Ruhe, Meditationsgarten – und vor allem randvoll mit Technik.

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Im Diagnosezentrum gibt es eine riesige Hightechwand, auf der sich die Ärzte jede Krankenakte jedes Patienten ansehen können. Braucht man ein 3-D-Bild eines Fötus, hält eine Ärztin nur ein Tablet vor den Bauch der werdenden Mutter.

Ausgedacht hat sich dieses Zukunftskrankenhaus der Milliardär Jamie Bell (Augustus Prew), der dort seltene Krankheiten und scheinbar unlösbare Fälle behandeln will.

Doch wo sich ein Dr. House durch die Patienten grummelt, scheint bei Bell immer die Sonne. Der smarte Milliardär ist so etwas wie der Prototyp des Silicon-Valley-Optimisten. Er trägt seinen Anzug mit Flipflops, sagt gerne Sätze wie "Welcome to the Revolution" und will in seinem Ärzte-Team keine Selbstdarsteller, sondern Leute mit Leidenschaft: "Ich brauche Ideen, gute Ideen!"

"Pure Genius": Kann Optimismus heilen?

Bleiben wir also für einen Moment bei den guten Ideen: Krankenhaus-Serie, knifflige Fälle, Silicon-Valley-Atmosphäre, Hightech-Spielereien und ein Hauptcharakter mit der visionären Ausstrahlung eines Steve Jobs. Es gibt derzeit sicher schlechtere Zutaten für eine neue Serien-Idee.

Vor allem aber bringt man damit die richtige Fallhöhe für genügend Spannung mit: Kann man mit genügend Geld die Welt retten? Wer ist besser: Mensch oder Maschine? Kann Optimismus heilen?

Natürlich ist auch bei "Pure Genius" nicht alles rein und genial. Es gibt die gleichen zwischenmenschlichen Dissonanzen, wenn auch (noch) nicht derart überzogen wie bei "Grey's Anatomy" und vor allem gibt es die gleichen medizinischen Zwischenfälle, scheinbar unlösbare Aufgaben und Tragödien.

Trotzdem bleiben die Figuren, bislang zumindest, merkwürdig blass. Das, was bei "Grey's Anatomy" und Co. nervt, nämlich dieses überzogene Zwischenmenschliche zwischen den Hauptfiguren, kommt hier etwas zu kurz. Emotional wird es dann, wenn das Technische auf das Menschliche trifft. Etwa wenn eine Koma-Patientin mit technischer Hilfe plötzlich zu ihren Eltern sprechen kann.

"Pure Genius": Nach einer Staffel ist Schluss

Viel Zeit, auch die ganzen zwischenmenschlichen Spuren zu legen, hat die Serie allerdings nicht. In den USA wurde "Pure Genius" wegen mangelnden Zuschauerinteresses nämlich nach nur einer Staffel wieder abgesetzt. Wer also heute Abend einschaltet und Gefallen findet, der muss wissen, dass nach 13 Folgen definitiv wieder Schluss ist.

Als Zwischenlösung für den Pro7-Krankenhaus-Mittwoch taugt "Pure Genius" aber allemal.

Kritische Fragen wie etwa nach dem Zustand des Gesundheitssystems, nach einer Zwei-Klassen-Medizin oder ähnlich Naheliegendem stellt "Pure Genius" zumindest in der Pilot-Folge zwar nicht, wer aber auf Hightech-Schnickschnack, hübsche junge Menschen und Krankenhaus-Serien steht, wird hier nicht viel Zeit verplempern. So oder so.

"Pure Genius", ab 19. Juli immer mittwochs um 20.15 Uhr bei Pro7.

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