Jahrelang aufgestaute Komplexe will die Sat.1-Show "No Body is perfect" innerhalb von nur vier Tagen lösen - indem sich die Kandidaten ausziehen. Doch nicht alle sind davon begeistert.

Eine Kritik
von Felix Reek

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Wenn das Wort "Experiment" im Fernsehen fällt, gilt es vorsichtig zu sein. Erst recht, wenn es in Kombination mit dem Wörtchen "nackt" auftritt. In der Regel ist das nur eine Ausrede, um möglichst viel entblößte Menschen zu präsentieren. Im "Adam sucht Eva" etwa verbrachten Singles einige Wochen zusammen auf einer Insel, ganz ohne Kleidung. In "Naked Attraction" beurteilten sie sich anhand ihrer Geschlechtsteile und in "Undressed" stiegen Fremde gleich miteinander ins Bett.

Die Teilnehmer all dieser Shows einte, dass sie sogenannte "Idealmaße" besaßen und nur so vor Selbstbewusstsein strotzen. In der neuen Sat.1-Show "No Body is perfect - das Nacktexperiment", die in vier Folgen jeweils am Montagabend ausgestrahlt wird, ist das alles etwas anders.

Es beginnt mit drei Kandidaten, die auf der griechischen Insel Mykonos landen. Sie erreichen das Hotel und stehen ihren Coaches gegenüber, die bis auf Slip und ein Body-Painting nackt sind. "Alter Verwalter", sagt Teilnehmer Patrick, als er den ersten Schreck verdaut hat. Dass sie am Ende der Show auch alle Hüllen fallen lassen sollen, erfahren sie erst jetzt.

Bei "No Body is perfect" sind vor allem die Coaches nackt

Basis für das neue Sat.1-Format ist ein Experiment des Sozialpsychologen Keon West, der feststellte, dass Menschen mit einem geringen Selbstbewusstsein ihr Bild von sich verändern, wenn sie vier Tage lang von anderen Personen umgeben sind, die eine Normalfigur haben - nackt, 24 Stunden am Tag.

Im Fall von "No Body is perfect" sind das die vier Coaches, die sie betreuen: Moderatorin Paula Lambert, Tanzpädagogin Sandra Wurster, Fotografin Silvana Denker und das Plus-Size-Model Daniel Schneider. Sie engagieren sich bereits seit Jahren in der Body-Positivity-Bewegung, sind also, im Gegensatz zu ihren Schützlingen, mit sich selbst im Reinen.

Die "Coaches" der neuen SAT.1-Show "No Body is perfect" (v.l.n.r.): Tanzpädagogin Sandra Wurster, Moderatorin Paula Lambert, , Fotografin Silvana Denker und das Plus-Size-Model Daniel Schneider.

Ihre Aufgabe ist es, den Kandidaten zu helfen, ihren Körper zu akzeptieren, im besten Fall zu lieben. Zeit haben sie dafür nur vier Tage. Um diese Entwicklung zu messen, machen die Kandidaten vorab einen psychologischen Test, wie sehr sie mit ihrem Körper zufrieden sind.

Am schlechtesten schneidet die 20-jährige Tatjana ab, die auf einer Skala von eins bis zehn nur auf der niedrigsten Stufe landet. Aber auch Stephanie kämpft mit ihren scheinbaren Makeln. Sie leidet an den Folgen von Lipödemen, ungleichmäßig verteiltem Fettgewebe, das ihr abgesaugt wurde. Patrick ist von den Behandlungen zweier Krebserkrankungen und einer Knochenmarkspende gezeichnet. Seine Haut reagierte mit Narben und Verfärbungen.

Ein "Nacktexperiment" mit Tiefgang

"No Body is perfect" ist also nicht so ein leichtes Format, wie es der "Nacktexperiment"-Stempel vermuten lässt. Die Sendung widmet sich einem ernsten Problem: Laut Umfragen sind mehr als 50 Prozent der Deutschen nicht mit ihrem Körper zufrieden, bei Frauen ist der Anteil noch viel höher. Der Druck der sozialen Medien verstärkt das, überall begegnen uns scheinbar perfekte Menschen, optimiert durch Fotofilter und Bildbearbeitungsprogramme.

"No Body is perfect" erhebt nun den Anspruch, das zumindest zum Teil ändern zu wollen. Nur kann eine Fernsehsendung solch eine Konditionierung von klein auf innerhalb von vier Tagen lösen?

Das grundsätzliche Problem ist natürlich, dass "No Body is perfect" eine Unterhaltungsshow ist, die einer klaren Dramaturgie folgen muss: Es gilt die eigenen Dämonen zu bekämpfen, es gibt Rückschläge, aber am Ende geht es allen besser. Nackt.

Genau dieser Zwang zur ständigen Entblößung steht der positiven Botschaft der Sendung ein wenig im Wege. Denn löst Nacktsein wirklich die Probleme mit dem eigenen Körper? Im Falle von Tatjana scheint das nicht so einfach zu sein. Ihr ist der Dauer-Nudismus offensichtlich zu viel.

Tatjana: "Das ist gar nicht meins"

Bei einer Aufgabe stehen sie und Coach Silvana Denker sich, für die Kameras von Handtüchern verdeckt, nackt gegenüber. Tatjana soll ihr Gegenüber ansehen, will es aber nicht. "Das ist gar nicht meins", sagt sie. Ihr Coach redet weiter auf sie ein, während sie sagt: "Find ich ganz schrecklich."

Sie ist die Kandidatin, bei der das "Nacktexperiment" sichtlich nicht anschlägt, die zeigt, dass jahrelange Hänseleien und Minderwertigkeitskomplexe nicht immer durch Ausziehen zu heilen sind. Trotzdem muss man "No Body is perfect" zugutehalten, dass die Sendung ein wichtiges Thema anspricht und in den meisten Fällen behutsam umsetzt.

Wie die Kandidaten ihren Selbsthass überwinden und neuen Spaß am Leben gewinnen, ist tatsächlich warmherzig inszeniert. Ein Allheilmittel gegen den Zwang zur Selbstoptimierung und dem Streben nach Perfektion kann eine 70-minütige Fernsehsendung natürlich nicht sein, selbst wenn sogar Tatjana im Finale in die Kamera strahlt: "Ich fühle mich so richtig richtig richtig gut."

Aber es ist zumindest ein Anfang. Hoffen wir, dass diese neue Lebensfreude den Kandidaten erhalten bleibt. Und “No Body is perfect” tatsächlich einen kleinen Teil dazu beigetragen hat.

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