(mcb/mom) - "Unser Song für Deutschland" hat die letzten Wochen für viel Gesprächsstoff gesorgt - nicht immer positiver Art. Von allen Seiten hagelt es Kritik an dem Konzept der Show, an der "Pseudo"-Demokratie bei der Wahl des Acts, an der Vermarktungsstrategie für die junge Künstlerin Lena Meyer-Landrut, doch vor allem an dem Mann, der für all das Übel verantwortlich sein soll: Stefan Raab.

Stefan Raab ist ein mächtiger Mann. Mit seiner Abend-Show "TV Total" erreicht er seit vielen Jahren ein Millionenpublikum, doch sein Einflussbereich endet nicht dort. "Schlag den Raab", ein Kräftemessen Normalo versus TV-Star, beherrscht immer wieder das Abendprogramm und jetzt hat er sogar der ARD ihre Perle weggenommen: Den Eurovision Song Contest. Bei all dieser Einverleibung ist es nicht verwunderlich, dass die Medienwelt unruhig wird. Man fragt sich: Wer ist dieser Mann und was hat er mit uns vor?

Zu der Art, wie Stefan Raab sein Konzept regelrecht - so die Gerüchteküche - "durchboxte" und die ARD vor die Grand Prix Tür setzte, gibt es viele Meinungen. Die meisten davon allerdings sind eindeutig: Raab sei größenwahnsinnig, heißt es. In einem viel besprochenen Interview der "Sueddeutschen Zeitung" vom Freitag hat auch Redakteur Hans Hoff einen klaren Standpunkt: "Man hört aus der ARD, dass Ihre Verhandlungsstrategie einen Kim Jong Il wie ein Weichei aussehen lässt", wirft er in den Raum. Doch der TV-Moderator antwortet kühl: "Es gibt keine Verhandlungsstrategie. Ich mache einen Vorschlag, und wenn der akzeptiert wird, wird gar nicht verhandelt."

Die ehemalige - ebenfalls doppelte - deutsche Grand Prix Teilnehmerin Katja Ebstein will ganz genau wissen, wie Raab tickt. Dem "Focus" gegenüber sagte sie: "Der ist doch ein ganz ausgebuffter Show-Typ. Erst hat er jahrelang die alte Produzentengarde um Ralph Siegel lächerlich gemacht und sie abgeschossen. Nur um nun selbst an ihre Stelle zu gelangen."

"Taken By a Stranger" (zu Deutsch etwa: "Im Bann eines Fremden") heißt also nun das Lied, das mit Lena und Stefan Raab zusammen nach Düsseldorf reist. Wie der "Focus" treffend bemerkt ist dies ein wahrlich charakteristischer Titel für die laut "Focus" "feindliche Übernahme" des Grand Prix, die Stefan Raab in den letzten Jahren in die Wege geleitet und schließlich mit Beginn der Show auch vollendet hat. Zum Eurovision Song Contest reisen also ebenso viel Unmut und etliche offene Fragen. Geht der Entertainer mit seinem Sendungskonzept zu weit? Benutzt er Lena, um seinen Platz im Fernsehgeschehen zu sichern? Oder ist die Medienwelt schlicht und ergreifend vom Erfolg des ProSieben-Moderators eingeschüchtert?

In dem Interview verliert Raab mehrfach die Fassung, als er auf die Vorwürfe angesprochen wird, stellenweise soll seine Stimme "auf Phonstärke einer Uli-Hoeneß-Wutrede" gestiegen sein, so die "SZ". Zugegeben: Redakteur Hans Hoff hat es offensichtlich genau darauf angelegt. Allerdings nimmt Stefan Raab diese Einladung - ob freiwillig oder unfreiwillig - doch sehr schnell an. Schon der Einstieg Hoffs lässt Böses erahnen: "Wann, Herr Muba-Raab, treten Sie endlich zurück?", fragt er provozierend und fällt gleich mit der ganzen Tür ins Haus. Die Antwort: "Ich kann gerne zurücktreten, aber dann kommt das Militär."

Das gesamte Interview hindurch fühlt man sich dann auch ein wenig wie im Krieg. Es ist ein Schlagabtausch der Medien mit Raab, wobei der Medienrepräsentant erstaunlich wenig sagen muss. Vielmehr übernimmt Stefan Raab beide Rollen gleichermaßen, quasi im Selbstgespräch, und rechtfertigt sich mit einem Rundumschlag für seine Show und seine Vision.

Der Interview-Stil ist offenkundig gemein, doch die Kritik ist berechtigt: Wie ist es möglich, dass die gesamte Grand-Prix Planung inklusive aller wichtigen Entscheidungen in der Hand eines einzelnen Mannes liegt? Wie hat er es geschafft Fernseh-Deutschland mit einer "Pseudo"-Demokratie abzuspeisen, um dann mit "Taken By a Stranger" doch den Titel zu bekommen, den er sich von Anfang an wünschte?

Ob wir nicht froh seien, fragt Stefan Raab sinngemäß im "SZ"-Interview, dass die Zeiten des ARD-"Ödlands" vorbei seien, zu denen man zwischen "Pest", "Cholera" und "Syphilis" die Wahl hatte. "Da müssen Sie sich nur Ihre eigenen Artikel vom vergangenen Jahr durchlesen", setzt Raab dem Reporter energisch entgegen, "da stand, dass das todlangweilig ist, dass sich das kein Mensch angucken kann". Womit er Recht hat.

Doch das Gespräch geht munter weiter. "Herr Raab, Ihr Blutdruck", provoziert Hoff weiter. Doch der Moderator kontert: "Moment: Für mich bestand die Aufgabe in gewisser Weise darin, Verantwortung zu übernehmen für eine Künstlerin. Alle, die jetzt schreiben, was Leute wie Sie als Frage nachplappern, sind genau jene, die bei anderen Casting-Shows meckern, dass dort eine Casting-Leiche nach der anderen produziert wird. Was wir gemacht haben: Wir haben eine Super-Künstlerin gefunden, und wir geben ihr die Chance, sich als Künstlerin zu etablieren. Wenn Sie mittlerweile so desensibilisiert sind, dass Sie jeden Tag ein menschliches Schicksal sehen wollen, dann müssen Sie die anderen Shows gucken."

Nur darum, dass Lena eine Ausnahme-Künstlerin ist, geht es hier nicht. Die Medienwelt und viele Fernsehzuschauer sind skeptisch, ob das "Und täglich grüßt die Lena"-Konzept auf der internationalen Bühne ankommt und fühlten sich bei der Entscheidung über ein erneutes Antreten Außen vor gelassen. Raab widerspricht sich im "SZ"-Interview selbst, als er später erläutert, dass nirgendwo im Grundgesetz stehe, dass die Bevölkerung das Recht habe, zu entscheiden, wer zum Grand Prix fahre. "Der größte Wahn liegt in den Köpfen der Journalisten", stellt Stefan Raab am Ende des aufgebrachten "SZ"-Interviews fest, der Redakteur Hoff dagegen vermisst bei ihm die "Grenze zum Größenwahn". Selbst ein Ring-Richter könnte hier nicht mehr schlichten.

Nach dem Motto "Der Erfolg gibt mir recht" verteidigt Stefan Raab immer wieder sein Konzept und seine Künstlerin, die, wie er betont, immer die Initiatorin jeglicher Zusammenarbeit war: "Lena hat dann die Entscheidung getroffen, etwas zu tun, womit keiner rechnet, weil alle nur danach streben, einmal Erfolg zu haben und den Erfolg zu konservieren". Lena hat also entschieden, ein zweites Mal beim Eurovision Song Contest anzutreten, vor Millionen deutschen Zuschauern wie ein Püppchen in hübschen - und sich stets wandelnden - Kleidern herumzutanzen und jeden zweiten Tag bei Stefan Raabs "TV Total" zu Gast zu sein? Die Individualität bleibt bei ihrem Marketing-Mammut-Programm etwas auf der Strecke, aber das sollte kein Problem sein, schließlich geht es ja um das Machtspiel - und nicht um Lena.

So warten wir gespannt auf den Tag, an dem Lena von Stefan Raab Freigang erhält und uns - vielleicht in ihrer Autobiographie mit Mitte zwanzig - erzählen kann, wie es wirklich war. Bis dahin lehnen wir uns zurück und genießen noch ein wenig das fröhliche Marionettentheater. Denn wie sagt Stefan Raab abschließend sehr passend im Interview: "Ich verrate Ihnen, was das alles ist: Das ist nur Unterhaltung. Das ist Entertainment und nichts mehr."