• Amazon Prime Video hat die Geschichte der Christiane F. und der drogenabhängigen Kinder vom Berliner Bahnhof Zoo in einer aufwendigen neuen Serie umgesetzt.
  • "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" überzeugt mit starker Atmosphäre und tollen Jungschauspielern, der gezeigte Drogenkonsum könnte aber auch für Diskussionen sorgen.
  • Schauspieler Michelangelo Fortuzzi erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, was die Serie ausmacht.
Christian Stüwe
Eine Kritik
von Christian Stüwe

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Die Bässe hämmern durch die legendäre Berliner Disco "Sound" und Christiane (Jana McKinnon) und ihre Clique heben ab. Nicht nur sprichwörtlich. Nein, sie schweben im Drogenrausch unter der Decke. Die Drogentrips der Teenager werden in der neuen Serie "Wir Kinder vom Bahnhof" wie Traumsequenzen dargestellt. Mal in einer Schneelandschaft, mal unter Wasser, einmal taucht ein Alpenpanorama hinter den grauen Wohnblocks der Gropiusstadt auf.

Die Serie, die ab 19. Februar auf Amazon Prime Video abrufbar ist, erzählt die berühmte Geschichte der Christiane F. neu. Die "Stern"-Journalisten Kai Hermann und Horst Rieck veröffentlichten 1978 ein biografisches Buch, das aus der Sicht von Christiane Felscherinow die Situation drogenabhängiger Kinder im damals noch geteilten West-Berlin schildert. Das Buch wurde ein Bestseller und sogar zur Schullektüre. Es schockte und faszinierte die Menschen zugleich, bereits 1981 wurde der Stoff verfilmt. Buch und Film machten Christiane F. zu einem Berliner Mythos, so ziemlich jeder hat ihren Namen irgendwann schon einmal gehört, das Buch gelesen oder den Film gesehen.

Die neue Amazon-Serie greift den Stoff nun wieder auf, erzählt in acht Folgen die Geschichte aber auf eine völlig neue Art und Weise. "Das Buch ist größtenteils aus Christianes Sicht geschrieben. Das Tolle an einer Serie ist, dass man viel Zeit hat, um auch die Sichtweisen der Erwachsenen, also der Eltern, zu zeigen und die Geschichte der anderen Charaktere aus der Clique zu erzählen", sagt Michelangelo Fortuzzi im Gespräch mit unserer Redaktion. Der 20-jährige Berliner spielt Benno, den Freund von Christiane.

Die Geschichte von Christiane F. für eine neue Generation umgesetzt

Die neue Serie ist eine zeitgemäße Umsetzung des Stoffes, sie entspricht dem High-End-Standard, der deutsche Serienproduktionen im Streaming-Zeitalter in den letzten Jahren auch international erfolgreich gemacht hat. Die Atmosphäre des Berlins der 70er- und 80er-Jahre wird in beeindruckenden Bildern eingefangen, die Gesichter der jungen Schauspieler sind noch weitgehend unbekannt, ihr Zusammenspiel ist aber beeindruckend und intensiv. Obwohl die Vorlage gleichgeblieben ist, ist es eine neue Generation, die die Geschichte der Christiane F. für eine neue Generation erzählt.

Das Format der Serie und die im Vergleich zum Film mehr als dreimal so lange Spielzeit (über sieben Stunden) räumen jeder einzelnen Figur die Möglichkeit einer Entwicklung ein. Von Beginn an sind alle auf der Suche nach dem Glück, aber die rauen Umstände in Berlin-Neukölln machen es praktisch unmöglich, es zu finden. Zumindest nicht dauerhaft. In kurzen Momenten können die Figuren ihrem grausamen, teilweise brutalen Alltag und den Sorgen entfliehen, etwa wenn Christiane und ihre Clique nachts auf einem Kettenkarussell fahren und schwerelos zu sein scheinen. Oder wenn sie ein David-Bowie-Konzert besuchen.

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Der Drogenkonsum wird mit allen Konsequenzen explizit gezeigt

Natürlich sind dabei immer Drogen im Spiel, die Konsequenzen der Abhängigkeit sind fatal. Die Jugendlichen prostituieren sich, bestehlen ihre Eltern, machen kriminelle Geschäfte, um sich das Heroin leisten zu können. Die Erwachsenen versagen, haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen oder werden übergriffig. Head-Autorin Annette Hess setzte den Stoff für das Serienformat um, Regie führte Philipp Kadelbach. Produziert wurde "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" von Oliver Berben und Sophie von Uslar.

Kompromisse gingen die Serienmacher dabei nicht ein, das Elend der drogenabhängigen Jugendlichen wird in Großaufnahme gezeigt. Das Heroin brodelt im Löffel, Nadeln stoßen in Armvenen, Christiane liegt völlig zugedröhnt und bewusstlos mit dem Kopf auf der Kloschlüssel einer öffentlichen Toilette. Schmierige Freier gabeln die jungen Mädchen auf dem Straßenstrich auf. Der einzige Ausweg scheinen die Drogen zu sein, die der Clique rauschhafte Momente bescheren, aber sie gleichzeitig in den Teufelskreis aus Entzug, Beschaffungskriminalität und dem nächsten Schuss schickt.

"Die Serie hebt nicht den moralischen Zeigefinger und sagt: 'Mach das nicht!' Sie zeigt, was für Gefahren von Drogen ausgehen", erklärt Fortuzzi: "Sie zeigt aber auch die Faszination, die chemische Substanzen auf manche Menschen einfach haben. Menschen, die vielleicht von dieser Welt fasziniert sind, bekommen durch die Serie vielleicht nochmal einen anderen Blickwinkel auf die Sache."

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" hat das Potenzial zum Hit und Aufreger

Schon vor 40 Jahren sorgte der Film von Regisseur Uli Edel für Aufregung, weil Drogenkonsum und Rausch explizit gezeigt wurden. Es wurde befürchtet, dass Jugendliche fasziniert sein könnten und neugierig darauf gemacht würden, Drogen auszuprobieren. Mit diesen Vorwürfen könnte auch die neue Amazon-Serie konfrontiert werden, da sie zumindest in den ersten Folgen den Rausch in ebenso berauschenden Bildern zeigt.

"Ich hoffe nicht, dass diese Diskussionen aufkommen. Ich persönlich finde, dass wenn man die Serie bis zum Ende schaut – was ich jedem empfehlen würde – klar sieht, warum man die Finger von Drogen lassen sollte", sagt Michelangelo Fortuzzi.

Gesprächsthema dürfte die Serie, die zunächst nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz erscheinen wird, in den nächsten Wochen aber auf jeden Fall werden. Denn "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" hat das Potenzial ein Hit zu werden, die Zuschauer zu schocken und gleichzeitig zu faszinieren. Genauso wie es das Buch und der Film vor mehr als 40 Jahren taten. Die Geschichte der Christiane F. hat jedenfalls nichts an Aktualität verloren.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit dem Schauspieler Michelangelo Fortuzzi. Der 20-jährige Berliner spielt die Rolle des Benno, des Freundes von Christiane. Fortuzzi war bereits in einigen Filmen und Serien zu sehen, er spielte unter anderem in der rbb-Produktion "Alles Isy" und auch schon im "Tatort" und bei "Notruf Hafenkante" mit.
  • Vorabsichtung der acht Folgen von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"
Seit dem 18. Februar 2021 gibt es auf Audible die Audio-Dokumentation "Das Berlin der Kinder vom Bahnhof Zoo" von Clemens Marschall, Lorenz Schröter und Miku Sophie Kühmel, gesprochen von Bibiana Beglau. Hier gibt unter anderem bisher unveröffentlichte Originalaufnahmen der Interviews zwischen Christiane F. und den Reportern Horst Rieck und Kai Hermann zu hören.
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"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"-Macher geben exklusiven Blick hinter die Kulissen

Ab dem 19. Februar ist die Serienadaption von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" auf Amazon Prime Video zu sehen. In acht Episoden erzählt die Serie vom Kampf gegen die Drogen von Christiane F. und deren Clique. In diesem exklusiven Clip geben die Macher der Serie Einblicke hinter die Kulissen und zeigen, wie sie den legendären Nachtclub "Sound" für die Dreharbeiten wieder zum Leben erweckt haben.