Die Schauspielerin, Moderatorin und Immobilienunternehmerin Jessica Stockmann räumt am Dienstagabend in "Plötzlich arm, plötzlich reich" für eine Woche ihre Villa in Monaco, um die Rolle mit einer alleinerziehenden Mutter aus Berlin-Marzahn zu tauschen. Dabei lässt die Ex-Frau von Ex-Tennisprofi Michael Stich keinen Zweifel daran aufkommen, wie hart sie sich ihr Luxusleben erarbeitet hat und verblüfft mit der einen oder anderen Aussage.

Christian Stüwe
Eine Kritik
von Christian Stüwe, Freier Autor

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Der Chauffeur lenkt die Tesla-Limousine an der Adria-Küste entlang, auf der Rückbank sitzt Yvonne Künzel, 33 Jahre alt, alleinerziehende Mutter aus Berlin-Marzahn mit ihren Kindern Alina und Adrian.

Das Ziel der Fahrt ist eine 350-Quadratmeter-Villa in einem Vorort von Monaco. "So fühlt es sich also an, reich zu sein", sagt die 10-jährige Alina und fügt wenig später an: "Wie die Reichen leben, geil."

Natürlich handelt es sich hierbei wieder mal um ein "Sozialexperiment", ein TV-Format, das in den letzten Jahren beinahe inflationär und senderübergreifend im deutschen Privatfernsehen ausgestrahlt wurde.

Am Mittwochabend ließ Sat.1 in "Plötzlich arm, plötzlich reich" zwei Familien für sieben Tage ihre Leben tauschen. Während die Künzels sich auf den Weg an die Cote d’Azur machten, bestieg Jessica Stockmann mit ihren Töchtern Nisha und Nicita einen Flieger in Richtung der deutschen Hauptstadt.

Zwei völlig unterschiedliche Biographien

Die 52-Jährige wurde vor allem durch ihre Ehe mit dem früheren Tennisprofi Michael Stich bekannt, von dem sie sich 2003 scheiden ließ. Sie arbeitete als Moderatorin, Schauspielerin und Sängerin, zweimal zog sie sich für den Playboy aus. In den letzten Jahren verdiente sie als Immobilienunternehmerin ihr Geld, offensichtlich laufen die Geschäfte gut.

Während in Stockmanns Leben also vieles rund gelaufen ist, verhält es sich bei Yvonne Künzel genau anders herum. Die Berlinerin lebt alleine mit ihren zwei Kindern in Berlin, vom Vater der Kinder ist sie getrennt, von ihrem letzten Freund wurde sie schwanger, finanziell ausgenommen und verlassen.

Als Tierarzthelferin verdient sie 1.200 Euro netto, mit Kindergeld und weiteren Einnahmen hat die Familien knapp 2.000 Euro monatlich zur Verfügung. Zuviel um Sozialleistungen zu erhalten, zu wenig, um zu dritt und bald zu viert ein sorgenfreies Leben führen zu können. Dazu kommen hohe Schulden, weshalb die Familie trotz des Einkommens an der Armutsgrenze lebt.

"Plötzlich arm, plötzlich reich": Die reiche Familie darf sich überlegen fühlen

Nun stellt sich die Frage, die sich bei solchen Formaten immer stellt. Warum nehmen diese Menschen an einer solchen TV-Show teil? "Ich denke, dass viele Leute denken, dass wir das nicht schaffen. Ich sehe das als Challenge", erklärt Stockmann.

Tatsächlich ist es aber wie fast immer in diesen Tausch-Formaten. Für die reiche Familie ist der Kurz-Urlaub in die Armut keine sonderlich große Belastung, schließlich gibt es in absehbarer Zeit wieder Lachshäppchen, Haus-Personal und ausgedehnte Shopping-Touren.

Belohnt wird der temporäre Verzicht auf diese Annehmlichkeiten zusätzlich durch ein gutes Gefühl, ein Gefühl der Überlegenheit. Am Mittwochabend ist das nicht anders. Stockmann wird in den knapp zwei Stunden nicht müde, immer wieder ihre Arbeitsmoral und ihre Lebensleistung zu betonen.

Jessica Stockmann arbeitet sehr, sehr, sehr viel

"Ich arbeite wirklich sehr, sehr, sehr viel. Und wenn ich dann zwölf bis 16 Stunden arbeite, finde ich es okay, wenn ich nach sechs Stunden Schlaf wenigstens auf das Meer schauen kann", sagt sie ziemlich am Anfang der Sendung. Und wer nicht so viel arbeitet, ist in ihrer Logik dann auch irgendwie selbst an seiner misslichen Lage schuld.

"Wenn man überhaupt keine Verantwortung und keinen Druck möchte, muss man bei der Post arbeiten. Dann geht man da morgens hin und um fünf Uhr nachmittags lässt man den Stift fallen und dann geht man nach Hause. Dann hat man auch keinen Druck. Aber dann hat man eventuell auch keinen Pool", sagt sie ziemlich am Ende der Sendung. Ein denkwürdiger Satz.

Das Meiste, was sie dazwischen sagt, geht in eine ähnliche Richtung. Es sind Momente, in denen man sich vor dem Fernseher unwohl fühlt. Ihren Ausflug in die Armut meistern die drei Damen aus Monaco dennoch recht souverän.

Mit dem Wochenbudget der Künzels von 80 Euro kaufen sie ein, sie verkaufen Trödel auf dem Flohmarkt und dekorieren die Wohnung um. Auch wenn die Tauschfamilie davon nicht sonderlich begeistert scheint.

"Wir sind die Herrscher von England, Alter"

Ganz anders ist das Leben in Monaco. Dort liegen 3.700 Euro für die sieben Tage bereit. "Wir sind die Herrscher von England, Alter", kommentiert der neunjährige Adrian den plötzlichen Reichtum.

Von dem Geld wird unter anderem frisches Obst und Gemüse gekauft, das den Kindern sonst in dieser Form nicht zur Verfügung steht. Was ziemlich traurig ist.

Fast noch trauriger verläuft ein Besuch der Berliner im Gucci-Store in Monaco, in dem die Verkäufer die Tauschfamilie einfach komplett ignorieren. "Wenn man nur ein einfacher Arbeiter ist und durch Monaco läuft und nur nach dem Äußeren beurteilt wird, ist das nicht angenehm", sagt Yvonne, für die der Ausflug in das Luxusleben nur eine kurze Ruhepause ist, bevor sie wieder den Alltag in Marzahn meistern muss.

Die Sendung endet mit dem obligatorischen Aufeinandertreffen der beiden Familien. Dieses verläuft durchaus freundlich, aber irgendwie reden alle Beteiligten wieder aneinander vorbei.

"Arm und reich. Zwei Welten, die sich diesmal nicht wirklich annähern konnten", zieht die Erzählerstimme aus dem Off Fazit. Und man fragt sich, welchen Sinn eine solche Sendung dann überhaupt hat.