(mom/dpa) - "Was ist ein Freispruch wert?" lautete das Thema bei "Günther Jauch". Im Fall Kachelmann lässt sich sagen: Ein Freispruch ist einen gut dotierten Buchvertrag wert - sonst aber nicht viel. Das zeigte sich vor allem daran, wie ungeniert der ehemalige "Bild"- und "Bunte"-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje auf Kachelmann losgehen durfte, ohne dass Moderator Jauch irgend etwas dagegen unternahm. Die ARD und Jauchs Produktionsfirma "I&U TV" reagieren allerdings gelassen auf die Kritik, die sich der Moderator hinterher gefallen lassen musste.

Der Kachelmann-Prozess - der Moderator wurde beschuldigt, eine Bekannte mit einem Messer bedroht und vergewaltigt zu haben - beschäftigte monatelang die Medien und die Öffentlichkeit. Er endete mit einem für alle Beteiligten unbefriedigenden Ausgang - einem "Freispruch zweiter Klasse" aus Mangel an Beweisen. Das Gericht wies im Urteil sogar noch ausdrücklich darauf hin, dass es keinesfalls von der Unschuld des Angeklagten überzeugt sei, ihm die Tat aber nicht zweifelsfrei nachweisen könne. Und da hier der Rechtsgrundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" gilt, musste Kachelmann freigesprochen werden.

Jetzt versucht Jörg Kachelmann in einem medial groß angelegten Kreuzzug seinen guten Ruf wiederherzustellen. Gemeinsam mit seiner Frau Miriam, die er noch während des Prozesses heiratete, hat er ein Buch geschrieben, in dem er seine Sicht der Dinge darlegt. Das Buch war auch der Anlass, weshalb Kachelmann bei "Günther Jauch" zu Gast war. Und die Diskussion zeigte vor allem eines überdeutlich: Dass Jauch mit dem Thema eindeutig überfordert war.

Dem ehemaligen Verfassungsrichter Winfried Hassemer und dem Ex-Innenminister Gerhart Baum war ganz offensichtlich an einer ernsthaften Diskussion gelegen. Sie kritisierten das Vorgehen der Staatsanwaltschaft, die schon am Anfang des Prozesses immer wieder vertrauliche Informationen an die Presse weitergereicht hatte. Und sie zeigten sich ernstlich daran interessiert, Lösungen zu finden, wie eine Vorverurteilung wie im Fall Kachelmann in Zukunft verhindert werden kann. Aber neben Hans-Hermann Tiedje blieben sie in dieser Diskussion leider nur Statisten.

Der ehemalige Chefredakteur von "Bunte" und "Bild" war ganz offensichtlich auf Krawall gebürstet und nutzte jede Möglichkeit, um über Kachelmann herzuziehen. Mal nannte er ihn einen "Wetterfuzzi" mit "miesem Charakter", mal warf er ihm und seiner Frau einen "rotzlöffeligen Ton" vor. Auch an dem Buch der Kachelmanns, das er nach eigener Auskunft komplett gelesen haben will, ließ er kein gutes Haar: Ein "schlecht geschriebenes" Buch, das man "wirklich nicht lesen muss", von einem Mann, der für Tiedje immer noch ein "möglicher Vergewaltiger" ist.

Günther Jauch ließ Tiedje gewähren, sein Beitrag als Diskussionsleiter beschränkte sich darauf, Einspieler anzumoderieren. Auch in der Vorbereitung schienen er und seine Redaktion geschlampt zu haben. Die Behauptung Tiedjes, im Gegensatz zu Kachelmann sei der Moderator Andreas Türck wegen erwiesener Unschuld freigesprochen worden und habe sich damit seine Rehabilitierung eher verdient, war schlicht falsch. Auch in Türcks Fall entschied das Gericht "im Zweifel für den Angeklagten". Zu einem Statement des Anwalts der Klägerin im Fall Kachelmann wurde eine falsche Person eingeblendet. Als Miriam Kachelmann auf den Fehler hinwies, schien Jauch gar nicht zu verstehen, wovon sie redete.

Das Medienecho auf die Sendung vom Sonntag ist eindeutig: "Ein hoffnungslos überforderter Günther Jauch baut für Jörg Kachelmann die ganz große Bühne auf", befand "Focus Online" im Nachgang der Sendung. In alter Verbundenheit zum ehemaligen Burda-Kollegen Tiedje werden dessen Ausfälligkeiten hier aber nicht infrage gestellt.

"Spiegel Online" geht sowohl mit Jauch als auch mit Tiedje hart ins Gericht: "Kachelmann saß wieder als eine Art Angeklagter in der Sendung und musste sich von Tiedje beschimpfen lassen. Dass jemand bis zum Beweis des Gegenteils als unschuldig zu gelten hat, und dass der Beweis der Schuld im Fall Kachelmann in keiner Weise erbracht wurde, das erschien in der Sendung wie eine weltfremde Absonderlichkeit von Juristen, ohne lebenspraktische Relevanz."

Die Verantwortlichen bei der ARD und bei der Produktionsfirma hinter "Günther Jauch" sehen die ganze Sache allerdings ganz entspannt: "Jede Woche bescheinigen unterschiedliche Kritiker dem Moderator, ein- und dieselbe Sendung "äußerst souverän" oder "komplett ahnungslos" moderiert zu haben" sagt Andreas Zaik, Chefredakteur und Geschäftsführer von Jauchs Firma I&U TV. "Allerdings scheint die Sehnsucht zuzunehmen, dass bei "Günther Jauch" die Wahrheit schlechthin und möglichst auch noch die Lösung aller angesprochenen Probleme verkündet wird. Die Sendung kann und will aber in erster Linie den Diskurs über gesellschaftspolitische Themen abbilden."

ARD-Chefredakteur Baumann verteidigte die Entscheidung, Kachelmann überhaupt zum Thema gemacht und ihm eine Plattform geboten zu haben. Er sagte, er halte es für "völlig legitim, gesellschaftlich relevante Diskussionen, die in Büchern angestoßen werden, zum Gegenstand von Sendungen zu machen. Die Frage, "Was ist ein Freispruch wert?", sei ein relevantes Thema. Im Übrigen gelte: "Wenn Personen, die über Monate hinweg wesentlicher Gegenstand medialer Berichterstattung waren, erstmals bereit sind, sich einem längeren Live-Gespräch im Fernsehen zu stellen, so gibt es keinen Grund, darauf zu verzichten. Dabei ist es unerheblich, ob das Gespräch mit einer Buchveröffentlichung einhergeht."