"Wenn man Krisen früh begegnet, werden die Probleme nicht so groß." Es ist eine schwedische Teenagerin, die die politischen Führer dieser Welt an eine so simple Tatsache erinnern muss. Die Dokumentation "Ich bin Greta" begleitet diese Teenagerin, Greta Thunberg, auf ihrem Weg und zeigt auch deren persönliche Seite. Vor allem aber, dass es nicht um sie geht.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

"Fuck you Greta!" Man kann Aufkleber mit solch einem Schriftzug kaufen. Ganz leicht. Im Internet. Sie prangen an Heckscheiben, auf Tankdeckeln, am liebsten aber direkt über den Auspuffen meist gut motorisierter Autos.

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Nun kann man sagen: Meine Güte, auf Autos kleben eine Menge Aufkleber. Autos sind eine Art Litfaßsäule für persönliche Statements geworden, von der Aussage, dass ein "Baby on Board" ist über den Schriftzug der Lieblingsband bis zu irgendeinem vermeintlich lustigen Spruch zum Abstandhalten.

Schwedischer Filmemacher Grossmann hat Thunberg begleitet

Aber hier geht es nicht um irgendeinen dummen Spruch. Hier geht es um wesentlich mehr. Wie konnte es dazu kommen, dass ein 17-jähriges Mädchen solche Hass-Gefühle auslöst? Der schwedische Filmemacher Nathan Grossmann hat Greta Thunberg begleitet von dem Tag an, als alles begann, zumindest öffentlich begann.

Das war 2018, als sich die damals 15-jährige Schülerin vor das schwedische Parlament setzte. Neben ihr ein Rucksack, eine Trinkflasche – und ein Schild. Auf dem stand mit schwarzen Großbuchstaben "Skolstrejk för Klimatet." Das Schild ist geblieben, aber alles andere hat sich verändert.

Greta Thunberg ist längst nicht mehr alleine. Überall auf der ganzen Welt haben sich Schülerinnen und Schüler zu Tausenden ihrem "Schulstreik für's Klima" angeschlossen und sind immer freitags auf die Straße gegangen – zumindest bis Corona kam. Für Greta Thunberg selbst begann der Weg zu diesen Massenprotesten mit einem Film, den sie in der Schule gesehen hatte.

Es ging um die Klimakrise und ihre Folgen und er hat Eindruck bei der Schülerin hinterlassen. Gravierenden. "Ich hatte Angst und habe aufgehört zu essen und zu sprechen. Ich war richtig krank und bin fast verhungert. Es hat Jahre gedauert, aber irgendwann ging es mir langsam besser. Ich konnte doch nicht aufgeben, wo es so viele Dinge gab, die ich tun konnte, um etwas zu ändern."

Greta Thunberg: "Es ist so viel Verantwortung"

Und wie sie das tat. Ihr Schulstreik erzeugt nicht nur bei anderen Schülern Aufmerksamkeit. Sie wird noch im selben Jahr zur Klimakonferenz in Kattowitz eingeladen, weitere Einladungen zu Konferenzen und in Regierungspaläste folgen. Nathan Grossmann begleitet Thunberg dabei und erlebt einen Teenager, der die Fakten kennt, analysiert, Konsequenzen daraus zieht – und fordert.

Das macht sie in einer rationalen, aber auch verzweifelt-wütende Form wie beim UN-Klimagipfel 2019: "Menschen leiden. Sie sterben. Ganze Ökosysteme brechen zusammen und ihr redet weiter über Geld und die Märchen von ewigem Wachstum. Wie könnt ihr es wagen! Seit mehr als 30 Jahren ist die Wissenschaft völlig klar.

Wie könnt ihr es wagen wegzuschauen und zu sagen, dass ihr genug tut, wenn notwendige Lösungen immer noch nicht in Sicht sind? Ihr lasst uns im Stich. Aber die jungen Menschen sehen euren Verrat. Die Augen der künftigen Generationen sind auf euch gerichtet und wenn ihr uns im Stich lasst, werden wir euch das niemals verzeihen.“

Gleichzeitig gelingt es Grossmann auch die persönliche und verletzliche Seite Thunbergs zu zeigen. Etwa, wenn sie mit ihrem Vater darüber streitet, wann eine Rede gut genug ist. Wie sie sich wegen eines Fotos, das sie mit ihrem Vater und Papst Franziskus zeigt, vor Lachen ausschüttet. Oder wie sie auf ihrer Schiffsüberfahrt über den Atlantik herzzerreißend weint, weil sie die Last auf ihren Schultern kaum tragen kann: "Es ist so viel Verantwortung."

Trailer: "I am Greta" - wie ein Teenager die Welt verändern möchte

Die junge Schwedin Greta Thunberg ist einer der bekanntesten Teenager der Welt und das Gesicht einer globalen Jugendbewegung. Der Film zeigt ihren Weg vom einsamen Streik bis zum Auftritt beim UNO-Klimagipfel und versucht, die junge Frau hinter der Ikone zu zeigen.

Warum sie sich trotz diese Last ihrer Verantwortung stellt, erklärt Greta Thunberg so: "Menschen sind Herdentiere und jeder hat eine andere Rolle. Wir sind aufeinander angewiesen, um zu überleben. Bei Gefahr hat jeder die Verantwortung, den Alarmknopf zu drücken. Und ich glaube, das mit dem Klima ist meine."

Es geht nicht um Greta Thunberg

Und spätestens an dieser Stelle schließt sich der Kreis zu den "Fuck you Greta"-Aufklebern. Greta Thunberg und allem, was aus ihrem Schulstreik erwachsen ist, geht es nicht darum, ein paar PS-Freunden den Spaß am Autofahren zu nehmen. Es geht auch nicht, und das macht die Dokumentation mehr als einmal deutlich, um Umweltschutz um des Umweltschutzes willen.

Sondern um des Menschen willen. Der Fridays-for-Future-Bewegung ist es gelungen, vielleicht mehr als allen Bewegungen, allen Umweltschutz-Artikeln und NGO-Aktionen zuvor, klarzumachen, dass wir an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Es geht um uns.

Und umso wütender wird Thunberg, wenn die, die eigentlich für die Zukunft der Kinder, ihrer Kinder, sorgen sollten, dieser Verantwortung nicht gerecht werden. "Die Erwachsenen sagen das eine und machen das krasse Gegenteil. Sie sagen, wir haben nur einen Planeten und müssen ihn beschützen. Aber sie scheren sich einen Dreck um die Klimakrise." Das ist natürlich verallgemeinernd und trifft längst nicht auf alle Erwachsenen zu, aber eben auf viel zu viele.

Grossmanns Film "Ich bin Greta" ist daher auf der einen Seite ein sehenswertes Porträt einer Teenagerin, die ihre Verzweiflung durch entschlossenes Handeln bekämpft. Es ist aber auch ein eindringlicher Appell, endlich aufzuwachen und der Dimension des Problems angemessen zu regieren.

Egal, ob Politiker oder nicht. Denn jeder kann, jeder muss etwas tun, sei es auf den Urlaubsflug zu verzichten oder einfach weniger Fleisch zu essen. Oder wie es Greta Thunberg in der Doku formuliert: "Wenn dir die Klimakrise bewusst ist, kannst du nicht mehr weggucken. Wenn man die Größe des Problems begriffen hat, kriegt man es nicht mehr aus dem Kopf."

"Ich bin Greta" am 16. November um 23:20 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.

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