Menschen beim Nähen beobachten? Das klingt so spannend wie einem Auto beim Rosten zuzuschauen. Und leider bewahrheitet sich das zum Auftakt der zweiten Staffel der Vox-Show "Geschickt eingefädelt" mit Guido Maria Kretschmer auch ein wenig. Es passiert einfach nichts.

Acht Kandidaten im Wettstreit um den Titel des besten Hobbyschneiders des Landes, der deutsche Modedesigner Guido Maria Kretschmer und die perfektionistisch veranlagte Vorsitzende des Bundesverbandes des Maßschneiderhandwerks Inge Szoltysik-Sparrer, genannt "Pingel-Inge": Fertig ist das Konzept von "Geschickt eingefädelt – Wer näht am besten?" Gestern Abend schickte Vox das Format zur Primetime in die zweite Staffel – als Sendeplatznachfolger für "Die Höhle der Löwen". Ob die Sendung an den erfolgreichen Vorgänger anknüpfen kann, bleibt abzuwarten. Zum Start jedenfalls wollte "Geschickt eingefädelt" einfach nicht in Schwung kommen.

"Do it yourself" ist in. Und Wettbewerbe aller Art – vom Singen bis zum Kochen übers Tanzen oder Shoppen – im Fernsehen auszutragen, auch. Aber ein Nähwettbewerb? Kann das in der Primetime im deutschen Privatfernsehen funktionieren?

Zumindest bei den acht Teilnehmern sorgt das Konzept für Begeisterung. Die nämlich geraten beim Betreten des Berliner Ateliers, in dem sie für die Dreharbeiten schneidern dürfen, ganz aus dem Häuschen. Für die russische Sängerin und "Geschickt eingefädelt"-Kandidatin Tatjana steht fest: "Ich fühle mich wie Fisch in saubere Wasser!" Es gibt Stoffe, Knöpfe, Reißverschlüsse und alles, was das Schneider-Herz begehrt. Sieht nett aus. Aber irgendwie passiert noch nichts.

Die härteste Näh-Jury des Landes: "Pingel-Inge" und der gute Guido

Damit allerdings etwas passiert und der Kampfgeist bei den Kandidaten geweckt wird, vergibt die Jury zwei Aufgaben, die die Hobbyschneider meistern müssen. Bei einer Technik- und einer Kreativaufgabe sollen sie beweisen, was sie können. Unter dem Motto "Street-Style" gilt es als Erstes, ein Trägertop mit Reißverschluss nach Schnittmuster zu nähen. Die Zeitvorgabe: drei Stunden. Alle suchen eifrig nach einem geeigneten Stoff. Tatjana stellt sich ein Muster vor, das "Französisch Provence" ist. Und der 18-jährige Schüler Felix – das Küken der Runde und Guidos "kleine Maus" - wuselt auch irgendwie vor sich. Trotzdem passiert immer noch nichts.

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Deshalb gibt es jetzt eine Erklärbär-Stunde mit Inge, die zusammenfasst, worauf es bei der Aufgabenstellung ankommt. Denn zum einen ist ein nicht zu dünner Stoff zu wählen, dann müssen Bustiernaht plus Reißverschluss sitzen und außerdem ist bei gemustertem Stoff darauf zu achten, dass die einzelnen Teile hinterher miteinander harmonieren. Sieht ja sonst auch komisch aus.

Apropos komisch: Guido Maria Kretschmer steht vor der Herausforderung aus Moderieren und Kommentieren, Ratschläge geben und Ergebnisse beurteilen. So ganz auf den Leib geschneidert wirkt das nicht. Und weil immer noch nichts Spannendes passiert, während die Kandidaten Stoff zerschneiden und in Einspielern ausführlich vorgestellt werden, gibt es zwischendurch ein Näh-Tutorial mit Guido. Da kann der Zuschauer lernen, wie man einen Reißverschluss einnäht. Das ist toll – und zwar ziemlich genau für alle, die schon immer mal einen Reißverschluss einnähen wollten.

Nur bei Heidi läuft es rund

Super nähen kann auf jeden Fall Rentnerin Heidi. Sie hat ja auch stolze 54 Jahre Erfahrung. Während Tatjana verzweifelt eine Puppe sucht, der ihr geschneidertes Top perfekt passt, kämpfen ihre Mitstreiter mit zu dünnem Stoff oder abgebrochenen Nadeln. Nur Heidi hat keine Probleme.

Dann treten alle acht Kandidaten mit ihren Kreationen vor die Jury und werden einzeln bewertet. Innenarchitektin Indira fällt bei "Pingel-Inge" aufgrund ihrer zu lieblosen Verarbeitung durch. Maschinenbauingenieur Keno wird eine "recht brutale Innenverarbeitung" attestiert.

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Und Heidi? Sie schafft das schier Unmögliche und entlockt Inge ein "Ich bin ja mit dem Wort 'perfekt' immer sehr zurückhaltend" – denn es mag sich nichts zum Aussetzen finden. Da ist es keine Überraschung, dass die 68-Jährige für ihr Modell in Rot mit weißen Punkten den Tagessieg holt.

Tag 2: Verwandle einen Hoodie in ein Partyoutfit

Ein Hoodie ist ein Kapuzenpulli. Etwas, das Inge niemals getragen hat und niemals tragen wird. Vielleicht hat Guido tatsächlich recht und Inge ist im Etuikleid auf die Welt gekommen. Der Kapuzenpulli muss dennoch am zweiten Tag für die Kreativaufgabe herhalten und in ein partytaugliches Teil für Damen verwandelt werden. Wieder schneidern alle vor sich hin. Guido berät Studentin Anika und beobachtet Schüler Felix, um festzustellen: "Ich bin dein textiler Vater!" Ob das dem Gymnasiasten in seiner kreativen Phase helfen mag?

Wie auch immer. Die Zeit ist um. Zeit für eine neue Bewertung! Bei Tatjana ist der Rock schön geworden, aber ihre Puppe geht heute oben ohne in die Disco. Kenos Kreation erinnert Inge an eine Mischung aus Rotkäppchen und Nikolaus. Und bei Anikas Meisterwerk muss Guido an ein Outfit für eine Technokellnerin denken. Julian hat dieses Mal alles toll gemacht.

Inge und Guido müssen sich jetzt beraten – und entscheiden, wer gehen muss. Schnell sind die beiden Sorgenkinder gefunden: Anika und Indira. Aber bevor jemand geht, wird noch das Meisterstück der Woche gekürt. Julians Kleid, das einmal ein Kapuzenpulli war und nun als Partyoutfit weiterlebt, macht das Rennen.

Aus dem Rennen ist schließlich Indira, die unter Tränen ihr Verständnis für die Entscheidung äußert und zusammenfasst: "War 'ne geile Erfahrung." Indira muss gehen, Anika darf bleiben.

Passiert ist dennoch leider nichts. Und der Stoff, der den Zuschauer unterhalten soll: der ist zu dünn. Sorry, Guido. Danke, Inge. Du hast es versucht.