Neue Influencer braucht das Land: Am Donnerstagabend startete die neue Staffel "Germany's Next Topmodel". Und weil dieser Titel streng limitiert ist, darf sich in Heidi Klums Gaga-Bootcamp schon einmal die nächste Generation auf ihre Influencer-Zukunft vorbereiten. Diesmal mit einem ganz neuen Markenkern.

Christian Vock.
Eine Kritik
von Christian Vock

Stellen Sie Ihr Gehirn auf Kipp, die Ohren auf Durchzug und vergessen Sie alles, was Sie bisher über Feminismus wussten! Oder anders formuliert: "Germany's Next Topmodel" ist wieder da! Sogar mehr da als sonst, denn coronabedingt muss die Modelausbildung in dieser Staffel in Deutschland stattfinden. Aber das sollte Heidi Klum hinbekommen, schließlich gibt es auch hierzulande Schwimmbäder für Unterwassershootings, Häuserwände für den unnötigen Fassadenwalk oder Straßen, auf denen man die Models in Unterwäsche hin und her fahren kann.

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Doch davon sind wir in Folge eins noch einen ganzen Lidstrich weit entfernt und das ist auch gut so. Denn so hat die Klum noch ausreichend Zeit, ihren Markenrelaunch zu präsentieren: "Du denkst, du bist zu groß, klein, zu dick, zu dünn, zu alt? Ich denke das nicht", leitet Frau Klum ihre neue Botschaft ein und die heißt: "Diversity".

Vielfältig soll es also werden und wie zum Beweis ist jemand auf die Idee gekommen, die schlanke Model-Silhouette aus dem GNTM-Logo zu entfernen. "War eh mal Zeit für was Neues", kommentiert Klum die optische Neuerung und damit das nicht untergeht, entdecken die neuen Kandidatinnen den klischeemodelfreien Schriftzug genau in dem Moment, in denen das Kamerateam daneben steht.

"Germany's Next Topmodel": Hauptsache einzigartig

Wem das aber noch nicht eindeutig genug ist, für den erklärt die Klum es noch einmal von vorne: "Ich möchte weiterhin Diversity im Modelgeschäft fördern. Plus-Size-Models, Transgender-Models, Non-Binary-Models, Models mit Behinderung, kleine und große Models oder auch ältere Models sieht man immer noch zu selten und deshalb habe ich großen Wert auf einen vielfältigen Cast gelegt." Zusammen mit den anderen Modeltypen, die die Klum ebenfalls fördert, wären das dann also insgesamt: alle Menschen. Hätte man auch 15 Staffeln früher drauf kommen können, dass nicht alle Models einem ausgedachten Schönheitsideal entsprechen müssen.

Und so hat die Klum landauf, landab nach neuen Kandidatinnen gesucht, die ihren neuen Diversity-Ansprüchen entsprechen. Mit Maria ist zum ersten Mal eine gehörlose junge Frau dabei, Chanel hat infolge einer chronischen Erkrankung starke Narben, Soulin musste als Elfjährige mit ihrer Familie vor dem Krieg aus Syrien fliehen und Nachwuchsmodel Dascha hat nach eigener Aussage "ein bisschen Speck auf den Hüften". Das klingt insgesamt irgendwie nach diesem Wort, auf das man bei "Germany's Next Topmodel" all die Jahre eher weniger Wert gelegt hat: Realität.

Hier scheint Heidi Klum jetzt ein bisschen nachholen zu wollen und schießt dabei ein wenig übers Ziel hinaus. Zum Beispiel bei Kandidatin Linda, die ihr Alleinstellungsmerkmal so beschreibt: "Mich macht besonders, dass ich in einem Dorf aufgewachsen bin, in dem es mehr Kühe als Einwohner gibt." Aber auch, wenn man Landbevölkerung bislang noch nicht mit dem Begriff Diversity verband, hat Lena große Ziele: "Ich möchte der Welt beweisen, dass man aus den Gummistiefeln auch auf die Laufstege der Welt in Highheels kann." Es hatte zwar niemand das Gegenteil behauptet, aber Klums Diversity-Offensive kann einen schon unter Druck setzen.

Hat sich Heidi Klum geändert?

Und so stehen sie also da, die 31 Nachwuchshoffnungen in all ihrer Individualität und fast hätte man es als Zuschauer abgekauft, dass die Klum den einstigen Modelbusiness-Idealen abgeschworen hat. Ja, fast. Denn so richtig glauben, dass sie nun ein Herz für die hat, die früher an Mindestmaßen oder Höchstgewichten gescheitert wären, kann man es nicht. Dazu blitzt dann doch zu viel der alten Denkmechanismen auf.

Da ist zum Beispiel Klums Begründung gleich am Anfang der Folge, warum sie nun auf Diversität setzen möchte: "Die Fashion-Industrie, sie hat sich komplett verändert", behauptet die Klum einfach mal so ohne Beweis und fährt fort "und genauso verändert sich auch 'Germany's Next Topmodel'." Nach tiefster Überzeugung klingt das jedenfalls nicht. Sie hätte ja auch sagen können: "Bitte entschuldigt, liebe Mädchen zu Hause, dass ich euch mit meiner präfeministischen Unterhaltungsshow all die Jahre für dumm verkauft habe, aber jetzt habe ich verstanden, dass ein Mensch mehr sein kann als nur hot und sexy. Es tut mir leid, dass ich mit meiner Show ein sehr engstirniges Frauenbild aufrechterhalten habe." Hat sie aber nicht.

Stattdessen sagt sie auch noch andere Sätze wie "Ihr müsst irgendwas haben, was euch einzigartig macht. Die Mädchen, die das nicht schaffen, bleiben wirklich auf der Strecke." Sätze wie dieser sind nicht nur radikal zynisch, denn die Klum schwingt sich hier zur Richterin auf, was nun einzigartig ist und was nicht. Einem solchen Satz fehlt auch die innere Logik: Denn da jeder Mensch von Geburt an einzigartig ist – welche Kriterien legt die Klum dann für ihre Entscheidung an?

"Germany's Next Topmodel" wirkt

So ein Satz ist aber auch noch auf einer ganz anderen Ebene gefährlich. Nämlich dann, wenn sich diese Einzigartigkeit nicht nur auf äußerliche Merkmale bezieht, sondern auch auf Charaktereigenschaften. Einzigartigkeit will im Klumiversum nämlich auch vermarktet werden und das geht am besten, wenn man so ist, wie sie selbst: laut und extrovertiert. Und diese jahrelange Betonung des "Du musst stark und laut sein"-Dogmas hat bei den Kandidatinnen längst Wirkung gezeigt.

Als Kandidatin Ana im Pulk der Damen plötzlich ohnmächtig wird und auf den Boden knallt, muss sie von einem Sanitäter versorgt werden. Während der ihren Blutdruck misst, bangt das Model um den Eindruck, den sie hinterlassen hat: "Ich will nicht, dass Heidi jetzt denkt, dass ich zu schwach dafür wär oder so." "Das sollte gerade deine geringste Sorge sein", entgegnet ihr der Sanitäter, doch das kommt bei Ana nicht an: "Das ist meine größte."

Nein, so richtig nimmt man Klum nach dieser Folge ihren angeblichen Sinneswandel nicht ab und wird es bis zur Verkündung der Siegerin wohl auch nicht. Sieht man sich die Liste der bisherigen Gewinnerinnen an, ist es mit Diversity jedenfalls nicht allzu weit her. Und selbst wenn Klum sich doch geändert hat, dann gibt es in der Show immer noch genügend Momente, die bestenfalls absurd, schlimmstenfalls einfach zynisch sind. Ein Nackt-Walk ist jedenfalls schon im Programm. Wenn Sie also noch ihren GNTM-Bullshit-Bingo-Zettel basteln müssen, dann tragen Sie lieber immer noch die Wörter "hot" und "sexy" ein.