Das war eindeutig. Mit überwältigender Mehrheit der Zuschauerstimmen entscheidet Ramon Roselly das zuschauerfreie Finale von "Deutschland sucht den Superstar" 2020 für sich. Ebenso eindeutig war, dass Juror Florian Silbereisen das Finale mit einer kleinen Geschichte aufpeppen wollte.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

Es war irgendwie ein seltsamer Moment. Wo sonst Freunde und Familie die Bühne stürmen und ihren Sieger herzen, Glitzerregen und Feuerwerk niedergehen und sich der eben gekürte DSDS-Gewinner ein Loch ins Knie freut, steht Ramon Roselly in diesem Jahr ein wenig alleine da. Geblieben sind nur der Glitzerregen und die Freude. Freunde und Familie jubeln indes zu Hause mit, ein Drückerchen gibt es nur von den Unterlegenen, Chiara und Joshua.

Kein großes Tamtam in Coronakrise-Zeiten

"Live aus Köln: das große DSDS-Finale", begrüßte der Off-Sprecher die Zuschauer knapp dreieinhalb Stunden zuvor noch an den heimischen Bildschirmen und Monitoren, doch schon das entsprach nicht so ganz der Wahrheit. Wesentlich stimmiger wäre es gewesen, hätte er die Zuschauer zum kleinen DSDS-Finale begrüßt, denn groß war an diesem Finale lediglich die Freude des Siegers und die Enttäuschung der Unterlegenen.

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Ansonsten kochte RTL an diesem Samstagabend coronabedingt auf kleiner Flamme. Wie bei vielen anderen Shows dieser Tage fand auch das Finale von "Deutschland sucht den Superstar" ohne Studiopublikum statt. Stattdessen hingen weiße Stoffbahnen von der Decke, wohl um nicht nur leere Sitze zeigen zu müssen.

Auch auf der Bühne gab es kein großes Tamtam, nur einmal schaute kurz eine Background-Sängerin vorbei. Das war es auch schon an Bühnenprogramm und selbst der Applaus kam nur vom Band: "Applaus – aus der Konserve, aber von Herzen", kommentiert Moderator Alexander Klaws, als der Notar des Abends einen Abstimmungsumschlag bringt.

So ein Konservenapplaus drückt, vor allem, wenn man es weiß, natürlich ein bisschen auf die Live-Stimmung, sorgt aber auch für kuriose Momente, wenn das Timing nicht stimmt. Etwa, als Dieter Bohlen nach einer kurzen Gedankenpause noch einmal etwas sagen will, der Applaus aber schon einsetzt.

Florian Silbereisen mit Handy-Fauxpas

Aber so ein Finale ohne den Applaus und das Gegröle der meist völlig aufgedrehten Freunde und Familien im Studio hat auch etwas Positives: So kann man sich ganz ohne Nebengeräusche voll auf die Auftritte des Abends konzentrieren. Bei denen hat die Jury aus Dieter Bohlen, Oana Nechiti, Pietro Lombardi und Florian Silbereisen vor allem bei den Damen etwas auszusetzen.

"Du hast dich in den letzten Shows so durchgemerkelt", erklärt beispielsweise Dieter Bohlen über den ersten Auftritt von Kandidatin Paulina Wagner und meint damit, dass sie nichts riskiert habe, was man im Finale aber müsse. Auch Chiara D'Amico überzeugte die Jury nicht immer, so dass alles auf ein Finale zwischen Joshua Tappe und Ramon Roselly hinauszulaufen schien – erst recht, als Paulina Wagner bereits nach der ersten Entscheidung gehen muss.

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"DSDS"-Finale: Ramon Roselly gewinnt mit historischem Ergebnis

Das gab es bei DSDS noch nie: Mit 80,82 Prozent der Zuschauerstimmen, dem deutlichsten Votum in 17 Staffeln, wurde Roman Roselly zum neuen "Superstar" gewählt. Der Schlagerspezialist verwies Chiara D'Amico auf Platz zwei.

Wagner sang hier "Sieben Leben" von Maite Kelly und weil Florian Silbereisen nicht ganz so hart kritisieren wollte, hatte er eine Idee. Er zieht "ganz spontan" sein Smartphone aus der Tasche und liest eine Nachricht von Maite Kelly vor, die sie ihm gerade geschrieben haben soll und in der sie ihn bittet, nicht so hart mit Wagner zu sein. Dazu hält er sein Telefon in die Kamera mit der Nachricht von Kelly, doch dort ist nicht nur der Text, sondern auch der Zeitpunkt der Nachricht zu lesen: 18:29 Uhr – also knapp zwei Stunden vor dem Auftritt von Wagner.

Moderator Klaws versucht ein paar Minuten später noch, den Zuschauer aufzuklären, dass sich Silbereisen die Proben habe anschauen können und dass die Nachricht von dort stamme, aber Silbereisen beharrt auf seiner Version: "Sie hat gerade geschrieben. Die ist dabei und schaut uns zu. Ich bin auch gerade noch mit ihr im Kontakt." So so.

DSDS 2020: Deutliche Mehrheit für Ramon Roselly

Vielleicht weiß Silbereisen, der für Xavier Naidoo in die Jury nachgerückt ist, nicht, dass es bei "Deutschland sucht den Superstar" anders zugeht, als bei den durchchoreografierten Scherzen seiner Schlagershows. Den Abend konnte diese kleine Flunkerei aber nicht trüben und damit zurück zu den Auftritten der Kandidaten.

Hier muss zu ihrer eigenen Überraschung nicht Chiara D'Amico, sondern ihr Kollege Joshua Tappe als Nächster die Segel streichen, womit die 18-Jährige nun mit dem Finalsong gegen Ramon Roselly antreten muss. Bei dem hatte sich Dieter Bohlen mit "Eine Nacht" für ein Lied entschieden, dass "sehr kompliziert" sei, wie Bohlen selbst erklärt: "Habe so etwas noch nie komponiert in der Art."

Man kann das Lied schön finden oder nicht, bei beiden Final-Kandidaten passt es wie die Faust aufs Schlagerauge. Beide könnten in der Schlagerwelt Herzen erobern, beide bringen schlagertaugliche Namen mit und beide, vor allem aber Roselly, sind auch bei Schlagern mit dem Herzen dabei.

Auch wenn beide Kandidaten dann keinen perfekten Final-Auftritt hinlegten, ist die Entscheidung der Zuschauer am Ende eindeutig. Über 80 Prozent der Stimmen gehen an den Sachsen und so kann Ramon Roselly am Ende den Glitzerregen über sich rieseln lassen und sich freuen – wenn auch in diesem Jahr ein bisschen alleine.

Teaserbild: © TVNOW / Stefan Gregorowius