Das Geschrei wird wieder groß sein. Wenn am Freitagabend die neue Staffel des Dschungelcamps startet, werden sie erneut zu hören sein. "Unterschichtenfernsehen", "menschenunwürdig", all die aus den Vorjahren bekannten Begriffe werden wieder fallen. Dabei übersieht man aber eines: "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" ist Unterhaltung in ihrer reinsten Form. Und das kann die Show besser als jede andere Sendung im deutschen Fernsehen.

Neulich, kurz vor einer Redaktionssitzung, schnappte ich diesen kurzen Wortwechsel auf: "Boah, wenn wir das echt machen müssen, dann nur zu zweit." "Ja, und das auch nur besoffen!" Aber was hatte die verehrten Kollegen nur so sehr in Rage gebracht? Ein drohender Auftritt im ZDF-Fernsehgarten? Das Comeback von Markus Lanz und "Wetten, dass ..?" Nein, es gibt im Jahr 2015 nur eine Show, die so viel gebündelte Abscheu hervorruft: "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!".

Das hat natürlich viele Gründe. Das Dschungelcamp läuft auf RTL. Das ist schon mal grundsätzlich bäh. Es wimmelt nur so von C-Promis. Nochmal bäh. Und dann müssen die auch noch in Kakerlaken baden. Doppelt bäh. Aber wissen Sie was? Ich finde das gar nicht schlimm. Es ist nur Unterhaltung. Wobei das "nur" gar nicht despektierlich gemeint ist. Die Rolling Stones sind Unterhaltung. "Breaking Bad" ist Unterhaltung.

Das Dschungelcamp bewegt die Masse

Es gehört viel dazu, so konstant über Jahre hinweg das Publikum bei Laune zu halten. Und mit Publikum ist ein großes Publikum gemeint. Nicht die überschaubaren Mengen, die etwa jede Woche "Aspekte" sehen. Und das Dschungelcamp erreicht nicht nur die Masse, es bewegt sie. Oder haben sie schon mal am nächsten Morgen jemand begeistert darüber sprechen hören, wie sehr ihn "Aspekte" mitgenommen hat? Eben.

Trotzdem kommt das Format nicht aus der Schmuddelecke heraus. Als die Sendung 2013 für den Grimme-Preis nominiert worden war, schrie der Kultur-Mob auf und wedelte mit seinen FAZ-Abos. Schauspielerin Katrin Sass rastete deswegen sogar medienwirksam bei Lanz aus. Alles verschwendete Energie. Es war klar, dass das Dschungelcamp nicht gewinnen würde. Aber der Grimme-Preis schaffte es zumindest mal wieder übergreifend in alle Medien.

Bloß kein Grimme-Preis

Trotzdem ereiferten sich die Kollegen immer weiter. Eine der Jurorinnen, nebenbei auch noch Redakteurin bei "Spiegel Online", sah sich sogar genötigt, erst eine Verteidigung für die Nominierung zu schreiben und dann auch noch zu erklären, warum es gut sei, dass "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" keinen Preis abräumte. Hier ein Auszug daraus: "Es (das Dschungelcamp, Anm. d. Verf.) ist die x-te Durchexerzierung eines adaptierten Formats, mit generischer Aufmachung und Musik, mit starren Rollen von Moderatoren und Kandidaten, die nur minimale Abweichungen erlauben, mit Gewinnspiel und Werbeblöcken. Es ist Unterhaltung zu rein kommerziellen Zwecken, weder vorbildlich noch modellhaft, sondern konventionell und austauschbar."

Was wie ein Zitat aus einem Magisterarbeit klingt und im Prinzip auf jedes Fernsehformat zutrifft, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Das Dschungelcamp ist eine Unterhaltungsshow. Und das ist bäh.

Der Kommentar offenbart unser aller Problem: Wir wollen nicht unterhalten werden. Beziehungsweise, wenn, dann muss es natürlich Tiefgang besitzen. Ein Relikt aus einer Zeit, als es nur das öffentlich-rechtliche Fernsehen gab und dieses seinen Bildungsauftrag noch halbwegs ernst nahm. Das hält uns aber nicht davor ab, am Wochenende wieder irgendeinen Superhelden-Film im Kino zu sehen. Das ist auch nur Unterhaltung. Dafür schämen wir uns dann aber nicht.

Das Dschungelcamp nimmt nichts ernst

Es fällt leicht, "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" in einen Topf mit "Der Bachelor", "Bauer sucht Frau" und "DSDS" zu werfen. Schließlich rekrutiert die Show genau aus diesen Formaten ihre Teilnehmer. Der Unterschied aber ist eklatant: Im Gegensatz zu diesen Formaten nimmt das Dschungelcamp seine Bewohner nicht ernst. Das Dschungelcamp nimmt seine Moderatoren nicht ernst. Das Dschungelcamp nimmt Fernsehen nicht ernst. Das Dschungelcamp nimmt überhaupt nichts ernst.

Das ist erfrischend in einer medialen Welt, in der es entweder darum geht, Vermittler der einzig gültigen Wahrheit zu sein oder alles bis ins kleinste Detail zu inszenieren. Das Dschungelcamp ist keines von beidem. Es ist Selbstpersiflage in ihrer reinsten Form.

Wenn am Freitag Walter Freiwald, Maren Gilzer, Patricia Blanco und wie sie auch alle heißen in den Dschungel einziehen, ist egal, wer diese Menschen vorher waren. Die Show erschafft sie neu, nach ihrem Ebenbild. Stars werden sie dadurch nicht. Aber das waren sie vorher auch nicht. Aber sie leisten durch das Dschungelcamp für zwei Wochen etwas, dass sie schon seit Jahren nicht mehr vollbracht haben: Sie unterhalten ihr Publikum. Das ist mehr, als man von den meisten anderen Fernsehsendungen behaupten kann.